Stuttgart - Der Kriminalbeamte Thomas Malone ist nervlich zerrüttet. Er hat es noch einmal von der Schwelle des hirnschmelzenden Wahnsinns zurückgeschafft, einer Schwelle, die viele Figuren des amerikanischen Horrorautors H. P. Lovecraft überschreiten. Lovecraft (1890–1937) bot zwar regelmäßig Ungeheuer auf, die zur körperlichen Überwältigung eines Menschen problemlos fähig sind. Aber bevor das geschieht, haben schon ihr Anblick, das Wissen um ihre Existenz, das Begreifen ihrer Herkunft und der Folgen für Mensch und Kosmos die Seele dessen zerstört, der einen Blick hinter die Stellwände der Normalität werfen durfte.
Lovecraft hat okkulten Grusel mit rationaler Science-Fiction überschrieben. Bei ihm verehren geheime Kulte fast vergessene alte Götter, aber diese Wesen sind in Wahrheit außerirdische Invasoren, die lange vor dem Auftauchen des Menschen auf Erden geherrscht haben und irgendwann wiederkehren werden. Diese Supertyrannen sind aber nur ein Teil des Schreckens. Der andere sind jene Diener des Dunkeln, die Lovecraft, den Urvater des modernen Horror, zum hochproblematischen Autor machen.
Angst vor Blutsvermischung
Es sind bei Lovecraft alle Arten nichtweißer Menschen, die das Unheil wie eine Seuche mit sich schleppen, es sind Migranten, ob aus Asien, Afrika oder Europa, es sind Juden und das, was Lovecraft als Produkte unguter Blutsvermischung sieht. Ein in viele Sprachen übersetzter Klassiker ist zeitlebens auch ein verbiesterter Rassist gewesen. Das sieht unter anderem die Deutsche Lovecraft Gesellschaft so, in der sich Fans des Autors gerade auch aus dem akademischen Bereich versammeln. Sie hat Mitte Februar bekundet, die „hässliche Fratze des Rassismus“ sei Lovecraft-Texten „durch subtile Figurationen, Metaphern und Charakterisierungen“ eingeschrieben.
Der Polizist aus Lovecrafts 1927 erstveröffentlichter Story „Das Grauen von Red Hook“ hat sich in die Provinz zurückgezogen, weil er in New York Grauenhaftes erlebt hat: Multikulturalität. Lovecraft schreibt vom „hoffnungslosen Durcheinander“ und nölt: „Syrische, spanische, italienische und negroide Massen treffen hier auf skandinavische und amerikanische Siedlungen. Es ist ein babylonisches Gewirr des Lärms und Schmutzes.“ Im „Wirrwarr materieller und geistiger Verwesung“ sieht Malone überall „sündenzerfressene Gesichter“. Es geht ihm und seinen Kollegen nur noch darum, „die Außenwelt vor Ansteckung zu schützen“.
2011 kocht die Debatte hoch
Das ist kein einzelner Ausrutscher bei Lovecraft. In „Schatten über Innsmouth“ etwa nimmt die Angst vorm Verlust der Rassereinheit die Gestalt von Menschen an, die sich mit Fischwesen vermischt und ihre Gegend zu einem Sumpf von Dekadenz und Niedertracht gemacht haben.
Zu Lebzeiten wurde Lovecraft wenig gelesen, sein Ruhm wuchs erst nach dem Tode. Der ab 1975 verliehene World Fantasy Award hatte die Gestalt einer Lovecraft-Büste und wurde Howard genant. Die Rassismusdiskussion kochte erst hoch, als die Afroamerikanerin Nnedi Okorafor 2011 den Howard gewann und ihr Unbehagen an dem Preispatron in einen Blogeintrag packte. Eine jahrelange, teils giftig geführte Diskussion quer durch Autoren-, Akademiker-, Leser- und Kritikerkreise schloss sich an. Seit 2016 sieht der World Fantasy Award ganz anders aus, in den Fankreisen der Fantasy, Science-Fiction und des Horrors aber schwelt nun ein Kulturkampf um politische Botschaften in Fiktionen.
Wann kommt der Reinigungstrupp?
Man kann ein bisschen staunen, dass Lovecraft noch nicht ins Visier woker Reinigungstrupps der Literaturwelt geraten ist. Dass seine weit verbreiteten Werke früher oder später doch das Ziel einer Kampagne werden dürften, ist wohl auch der Deutschen Lovecraft Gesellschaft klar. Darum fordert man dort, um Verbotsrufe gar nicht erst aufkommen zu lassen, die engagiert kritische Auseinandersetzung mit den Texten.
Tatsächlich ist das mehr als blauäugige Rhetorik. Lovecraft war ein vom Leben gebeutelter Sonderling, dem die Moderne eine Bedrohung schien und der Schuldige für die Fragilität und die Nöte der eigenen Existenz suchte. Dabei zeigte er auf jene, die anders waren als die eigene engste Familie: Afroamerikaner und Schwule etwa. Eigenes Außenseitertum ist einer der klassischen seelischen Brutsümpfe für Rassismus. Lovecrafts Leben und Texte verschaffen uns Einblick in solchen Rassismus aus purer Kontaktscheu und Hilflosigkeit, in die Entstehung eines brisanten Weltmodells der allgegenwärtigen fundamentalen Bedrohung.