Haartransplantation Neue Haare aus der Türkei – ist das eine gute Idee?

Jährlich reisen Tausenden Deutsche für eine Haartransplantationen in die Türkei. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Viele Männer haben Angst vor der Glatze – und Haartransplantationen sind ein boomendes Geschäft. Viele Deutsche zieht es deswegen in die Türkei. Aber ist das eine gute Idee?

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

4500 Mal wird Björn Turtenwald seitlich in die Kopfhaut gestochen, eine Haarwurzel entfernt. Sie werden auf einem Tablett aufgereiht, dann wieder ein kleiner Stich, in die obere Kopfhaut einsetzen, Piks, einsetzen, Piks, einsetzen, wieder 4500 Mal. Die kleinen Wunden bluten, der Kopf schwillt an. Knapp neun Stunden liegt der heute 47-Jährige aus Schorndorf auf dem OP-Tisch, bis die Haarwurzeln von der Seite und hinten noch oben verfrachtet sind. Dorthin, wo davor die Kopfhaut durch die Haare zu schimmern begonnen hatte.

 

Mehr als eineinhalb Jahre nach diesen Tausenden kleinen Transplantaten erzählt Turtenwald in einem Biergarten in Schorndorf von diesem Eingriff. Sein Haaransatz ist jetzt dicht angewachsen, er posiert gerne für ein Foto. Er wirkt jugendlicher und selbstbewusster als auf den Bildern, die ihn vor dem Eingriff zeigen.

Björn Turtenwald heute, mehr als eineinhalb Jahre nach der Haartransplantation Foto: Gottfried Stoppel

Björn Turtenwald hat die Haartransplantation in Istanbul machen lassen. Er ist damit einer von Tausenden Menschen, die jährlich aus Deutschland in die Türkei fliegen, um sich Haare einpflanzen zu lassen. Meist sind es Männer. Während Haartransplantationen in Deutschland so etwas wie ein Nischenprodukt sind – es finden etwa ein paar Tausend solcher Eingriffe jährlich statt – sind sie in der Türkei ein Massenprodukt. Etwa eine Million Menschen kommen jährlich aus unterschiedlichsten Ländern für eine Haartransplantation ins Land. Das ist eine Zahl, die dazu kursiert, und die die Medizintourismus-Forscherin Mariam Asefi Hochschule Bonn-Rhein-Sieg als realistisch einschätzt. Das bedeutet: Dort werden etwa 200 Mal so oft Haare eingepflanzt wie in Deutschland, bei ähnlicher Einwohnerzahl.

„Turkish Hairlines“ – so werden die Türkeiflüge genannt

Die Türkei ist, in anderen Worten, so etwas wie das Zentrum der Haarverpflanzungsindustrie und Istanbul die Hauptstadt dieses Geschäfts. Laut einem Bericht des Senders Arte gibt es dort 500 Kliniken. Bei Flügen zwischen Deutschland und Istanbul, so erzählt es auch Turtenwald, würde man überall die Menschen mit den Hüten (ein Schutz der frisch eingesetzten Haarwurzeln) und Stirnbändern (um zu verhindern, dass sich die Schwellung des Kopfes ausbreitet) der Haarkliniken sehen. „Turkish Hairlines“ werden die Verbindungen deswegen oft genannt. Eine Wortspiel aus Turkish Airlines und türkischer Haaransatz.

Sein Haarverlust habe sich schon mit 25 Jahren sichtbar gemacht, erzählt Björn Turtenwald. Vor dem Eingriff haben die Haare an vielen Stellen kaum noch die Kopfhaut verdeckt. „Wenn ich morgens in den Spiegel geschaut habe, hatte ich schlechte Laune“, sagt Turtenwald. Das Thema sei ihm nicht aus dem Kopf gegangen, er hätte manchmal kaum noch wo hingehen wollen, sagt er.

Haare verlieren – das stresst die meisten Menschen

Damit ist Turtenwald nicht alleine. 30 Prozent der Männer haben bis 30 sichtbaren Haarausfall, bis zum 70. Lebensjahr steigt diese Quote auf 80 Prozent an, heißt es etwa in einem Fachartikel der Universität Melbourne. Bei Frauen sind in dem Alter die Hälfte betroffen, aber die Glatze bleibt eine Männerdomäne. Und Studien zeigen, dass weniger werdendes Haar Menschen psychisch belastet.

Hier treffen zwei Phänomene aufeinander: Männer machen zwar mit konstant 10 bis 15 Prozent immer noch den geringeren Anteil bei Schönheitsoperationen aus. Aber die Zahl der Schönheitsoperationen steigt insgesamt an. Männer wie Frauen sind eher bereit, für ihr äußeres Geld auszugeben. Und mit billigen Flügen in die Türkei und günstigen Angeboten dort sind Haartransplantationen für viele leistbar. Deswegen, und weil er von positiven Erfahrungen gehört hat, hat auch Turtenwald die „Turkish Hairlines“ genommen.

Fegt die Türkei den deutschen Markt leer?

„Der Markt hat in den letzten Jahren extrem expandiert. Dadurch, dass die Türkei eine aggressive Preispolitik betrieben hat, aber auch durch das Preis-Leistungs-Verhältnis, wurde quasi der Markt in Deutschland minimiert und hat sich in die Türkei verlagert“, sagt Forscherin Mariam Asefi.

Hinzu kommt: Anbieter wie Elithair, bei dem auch Turtenwald war, bewerben ihre Angebote intensiv: Sie schalten große Werbeanzeigen in Zeitungen und machen Kooperationen mit Influencern. „Der Staat unterstützt das Marketing, um die Türkei als Destination im Gesundheitstourismus zu vermarkten“, sagt Forscherin Mariam Asefi. „Dadurch hat die Türkei bei dem Thema global im Wettbewerb einen Vorteil.“

Elithair ist laut eigenen Angaben die größte Haartransplantationsklinik der Welt. In der Klinik, ein Hochhaus mit 13 Etagen, kann man den Eingriff als Komplettpaket buchen: Mit Fahrservice vom Flughafen, mit Hotelzimmer im Klinikgebäude, so erzählt es Turtenwald. Das deutsche Publikum wird von der Werbung offenbar gut abgeholt. Elithair gibt an, dass 70 Prozent seiner Kunden aus dem deutschsprachigen Raum kommen würden. Dieses Jahr komme man auf 14.000 bis 15.000 Patienten aus der Bundesrepublik, teilt Sprecher Sash Opacsiti mit. Damit behandelt dieser Anbieter allein mehr deutsche Kunden, als alle Haartransplantationskliniken in Deutschland zusammen: Hier sind es 4000 bis 4500 jährlich, so eine Schätzung, die der Verband deutscher Haarchirurgen (VDHC) als realistisch einschätzt.

Die Haartransplantation wäre in Deutschland drei Mal teurer

Es gibt keine Untersuchungen dazu, warum sich Menschen aus Deutschland für eine Haartransplantation in der Türkei entscheiden. Der augenscheinlichste Unterschied ist der Preis: Björn Turtenwalds Eingriff kostet laut einer Preistabelle des Anbieters 3800 Euro. In Deutschland wären es wohl 8000 bis 12.000 gewesen. Die Beratung habe vorab via Whatsapp stattgefunden, erzählt Turtenwald, er sei damit sehr zufrieden gewesen. Vor Ort sei ihm angeboten worden, für einen günstigen Preis mehr Grafts, also Haarfollikel, zu verpflanzen als im ursprünglichen Angebot vorgesehen – ein Vorgang, von dem auch andere Kunden berichten.

Der Ablauf in der Klinik sei unkompliziert gewesen, sagt Turtenwald. Die Ärzte würden Deutsch sprechen, oder man bekomme Übersetzer zur Seite gestellt. Er habe immer einen Ansprechpartner gehabt, die Beratung sei top gewesen. Nach einer Betäubung geht es los: Die Haarwurzeln werden laut Elithair mit einer Hohlnadel aus der betäubten Kopfhaut gelockert, mit einer speziellen Pinzette entnommen und in einer Nährstofflösung zwischengelagert. Dann öffnet ein spezieller Stift den Kanal in der Kopfhaut und setzt im selben Schritt den Graft wieder ein. Aus jedem Graft können mehrere Haare wachsen. „Man spürt, dass die Nadel in den Kopf reingeht, aber es tut nicht weh“, sagt Turtenwald. „Beim Zahnarzt hatte ich schon schlimmere Schmerzen.“

Medizintechniker setzen die Haare ein, Ärzte überwachen

All das wird Tausende Male wiederholt. Jeder Arbeitsschritt wird von Medizintechnikerinnen oder -technikern durchgeführt, Ärztinnen und Ärzte überwachen den Prozess. Ein Anästhesist und ein Haartransplantationsarzt seien in manchen Phasen ständig bei den Klienten, in anderen Phasen würden sie einmal pro Stunde kontrollieren, so Elithair. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Transplantationen in Deutschland.

Frank Neidel, Haarchirurg in Düsseldorf und VDHC-Mitglied, schreibt unserer Redaktion, der Verband sei Eingriffen im Ausland gegenüber positiv eingestellt – wenn diese von dafür qualifizierten Ärzten durchgeführt würden. Das Vorgehen, wie es auch Elithair beschreibt, dass Menschen für Eingriffe angelernt und trainiert würden, komme in der Türkei häufig vor, so Neidel. „Die Kontrolle darüber ist dort kaum möglich“, so Neidel. Dabei bestehe ein hohes Risiko für Komplikationen und eine niedrigere Anwuchsrate der transplantierten Haarwurzeln.

„Glückssache, bei welchem Operateur man landet“

Immer wieder kursieren auch Berichte von Menschen in den Medien, bei denen die Haartransplantation schiefgelaufen ist: Follikel, die ausfallen und nicht nachwachsen; zu tief gesetzte Haaransätze, lückenhafter Haarwuchs oder bleibende Narben. Viele dieser Beispiele dürften auf unlizensierte Schwarzmarktangebote zurückgehen, von denen es gerade in Istanbul auch einige geben soll – ohne entsprechend ausgebildetes Personal. Bei professionellen Kliniken liegt die Misserfolgsquote bei zwei Prozent, so eine Erhebung der ISHRS, einer Interessensvertretung.

Und was denkt der VDHC über Elithair? „Über Elithair selbst können wir keine validen Aussagen machen, wir kennen diese Klinik nur über Werbeversprechen von Social Media. Es ist eine große Klinik und mehr oder weniger Glückssache, bei welchem Operateur man als Patient ‚landet’“, so Neidel.

Björn Turtenwald ist zufrieden – und will nochmal in die Türkei

Turtenwald ist froh, dass er den Eingriff überstanden hat. Danach habe er zwei Wochen auf dem Rücken schlafen müssen, erzählt er. Erst dann seien die Wurzeln der frisch eingesetzten Haare stabil genug, dazu habe er eine blutige Kruste gehabt von den Tausenden kleinen Piksern. Auch die Sonne solle man anfangs meiden, weswegen viele die Eingriffe im Winter machen lassen würden. Nach drei Monaten würden die eingepflanzten Haare nochmal ausgehen, erzählt Turtenwald – ein normaler Vorgang. Aber dann seien sie immer mehr geworden, ein gutes Gefühl, sagt er. „Ich habe den Eingriff nie bereut“, sagt Turtenwald.

Für Turtenwald ist die Haartransplantation weniger eine Schönheits-OP, sondern eher etwas Modisches. „Wie ein Tattoo“, sagt der Schorndorfer. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis. Und er möchte mehr: Bald will er auffüllen lassen – 2000 zusätzliche Grafts sollen sein Haar noch dichter machen.

Wie man laut Haarchirurgen dubiose Angebote erkennt

Persönliche Beratung
Es müsse eine persönliche ärztliche Konsultation/Beratung im Vorfeld erfolgen, inklusive einer Voruntersuchung und der Erstellung eines Behandlungskonzept, so Haarchirurg Frank Neidel vom Verband deutscher Haarchirurgen. Bei Zweifeln solle man eine zweite Meinung einholen. Auf der Webseite sollten die behandelnden Ärzte mit entsprechender Vita gelistet sein, so Neidel weiter.

Bewertungen
Bei „Sonderangeboten“ und Versprechen über hohe Transplantatzahlen mit niedrigem Behandlungspreis sei Vorsicht geboten, so Neidel. Auch bei Schlagworten wie „schmerzfrei“, „tausende zufriedene Patienten“ und Google Bewertungen, die sehr positiv ausfallen, solle man vorsichtig sein.

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