Hacker in Stuttgart Die Stunde der Hacker

Von Akiko Lachenmann 

Sie kennen die Risiken der Netzwelt viel besser als alle anderen – und warnen vor Orwell’schen Zuständen. Vor allem die Ahnungslosigkeit der Politiker entsetzt die Computerspezialisten. Zu Besuch im Shackspace in Stuttgart.

Basteln im Shackspace: Auch in Stuttgart ist das Jahrzehnt der Nerds angebrochen. Die folgende Bildergalerie nimmt Sie mit auf einen Spaziergang durch den Shackspace in Stuttgart-Wangen. Foto: Michael Steinert 12 Bilder
Basteln im Shackspace: Auch in Stuttgart ist das Jahrzehnt der Nerds angebrochen. Die folgende Bildergalerie nimmt Sie mit auf einen Spaziergang durch den Shackspace in Stuttgart-Wangen. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Grissinistangen auf weißen Stehtischen, gedämpfte Unterhaltung – am Rednerpult werden noch schnell das Mikro und die Power-Point-Präsentation getestet. Dann wird’s still im Vortragssaal der Stuttgarter Stadtbibliothek. Referent ist Stefan Leibfarth vom Chaos Computer Club Stuttgart (CCC) alias Leibi. Ein schwäbischer Hacker im fein karierten Hemd. Leibi spricht nicht über die neuesten Kniffe gegen Firewalls. Sein Anliegen ist kein geringeres, als die Welt zu warnen vor mächtigen Konkurrenten: den Geheimdiensten.

Die Hackerszene ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Besessenheit, mit der man vor dreißig Jahren versucht hat, in fremde Netzwerke einzudringen, ist bei einigen Computerfreaks einem politischen Verantwortungsgefühl gewichen. Vereine sind entstanden wie Digitalcourage, der CCC, die Electronic Frontier Foundation, die Free Software Foundation. Mit ihrem Herrschaftswissen können sie Gefahren und Risiken der Computertechnologien besser abschätzen als all jene Normalnutzer, die davon nichts verstehen, Politiker mit eingeschlossen. Und der Wissensvorsprung wächst.

Die Stuttgarter erlebten den Wandel auf ihre Weise. In den 80er Jahren traf sich eine Gruppe namens Suekrates im Jugendhaus Mitte, wo sie bei schummrigem Licht über Hackertechniken fachsimpelte. Aus Suekrates wurde die Linux-User-Group, aus ihr ging dann 2004 der CCC Stuttgart hervor. Zunächst versammelte man sich in den Wagenhallen am Nordbahnhof. „Wir hatten nur eine Steckdose und mussten immer vor den Treffs den Dreck rausfegen“, erinnert sich die CCC-Stuttgart-Sprecherin und „Haeckse“ Andrea Wardzichowski, bekannt im Netz als „Princess“. Eine Weile hausten sie in den Räumen des Umweltverbandes BUND, später im Kommunalen Kino. Als sie dann vor fünf Jahren über die Zeitung erfuhren, dass das insolvente Kino schließt, schaltete Princess, ohne sich viel davon zu versprechen, eine Anzeige. „Bis dahin war kein Vermieter besonders angetan von dem, was wir trieben“, erinnert sich die Sprecherin.

Hackerszene, das ist nicht nur der CCC

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte der Bundes-CCC bereits von sich reden gemacht. Öffentlichkeitswirksam hatte er im Herbst 2006 demonstriert, dass Wahlcomputer, wie sie die Stadt Cottbus bei Bundestagswahlen einsetzte, innerhalb von fünf Minuten gehackt und manipuliert werden können. Das Bundesverfassungsgericht erklärte daraufhin ihren Einsatz für verfassungswidrig.

Als Princess den Anruf von der Stadtbibliothek erhielt, der CCC Stuttgart könne kostenlos den Vortragssaal benutzen, war sie erstaunt. Als sich kurz darauf die Stadtverwaltung meldete, man nehme den CCC Stuttgart gerne auf die Vereinswebseite der Stadt auf, da wusste Princess: „Wir sind in der Bürgergesellschaft angekommen.“

Doch die Hackerszene geht weit über den CCC Stuttgart hinaus. Die ganze Bandbreite trifft man im ersten Stock des ehemaligen Polizeiquartiers an der Ulmer Straße – im Shackspace. Die einen sitzen stumm vor Bildschirmen, die anderen bauen aus Platinenabfall Server oder fliegen kleine, selbst gebastelte Drohnen. Die Deckenlampen werden über Webseiten an- und ausgeschaltet. Wer sich frisch machen will, kann in eine umfunktionierte Telefonzelle steigen und zur eigenen Playlist und blinkenden LED-Leuchten duschen. Hier gilt nach wie vor das ungeschriebene Gesetz, das einst der Hacker „Mendox“ – auch bekannt als Julian Assange – in den achtziger Jahren prägte: „Teile alle deine Informationen.“ Und: „Betrete ein Netzwerk wie einen Nationalpark. Schau dich um, hinterlasse aber keine Spuren.“

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