Innenminister Horst Seehofer macht es vor – und weist die Hand von Angela Merkel zurück. Infolge der Corona-Epidemie pfeift die Bevölkerung auf die Etikette: Plötzlich ist das Händeschütteln gegen die Konvention. Wie nachhaltig wird diese Entwicklung sein?

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Der Handschlag ist beileibe keine deutsche Erfindung, aber kaum eine Nation hat ihn so verinnerlicht. Er ist fest eingegraben in den Umgangsformen des rechtschaffenen Deutschen. Nur eine Begrüßung per Hand ist eine vollständige. Fest und entschlossen soll der Händedruck ausfallen, das hinterlässt Eindruck beim Gegenüber. „Da geb ich dir die Hand drauf“, heißt es. Das drückt Verlässlichkeit aus – Verträge so abzuschließen war in der Vergangenheit üblich und ist es teilweise heute noch. Der Handschlag ist ein zivilisatorischer Akt. Die Bundeswehr hat 2018 sogar einen Zeitsoldaten entlassen, der sich aus religiösen Gründen weigerte, Frauen die Hand zu geben.

„Winke, Winke“ auf sicherer Distanz

Nun aber deutet sich ein rasanter gesellschaftlicher Wandel an: Im Zuge der Corona-Epidemie ist das Händeschütteln plötzlich verpönt. Behörden und Firmen raten ihren Mitarbeitern ganz direkt davon ab. So siegt die deutsche Gründlichkeit in der Virusbekämpfung über die Konvention. Die Sportiven unter den Zeitgenossen geben sich noch die Faust oder den Ellbogen, auch wenn es unpassend wirkt. Vor allem in Gruppen begegnet man sich eher mit einem unbeholfenen Winke-Winke auf sicherer Distanz.

Auch Angela Merkel wandelt auf diesem noch brüchigen Eis: Vor einem Treffen mit Migrantenverbänden wies Innenminister Horst Seehofer die hingehaltene Hand der Kanzlerin buchstäblich mit Links zurück. Merkel reagierte locker: „Keine Hände schütteln. Du hast recht. Das ist ja auch wichtig.“ Zwei Tage zuvor hatte sie selbst auf einer Veranstaltung in Stralsund verkündet: „Ich gebe heute Abend niemandem die Hand.“ Nun macht das Verhalten der beiden Politiker Schule.

Ramelow verweigert Höcke den Handschlag

Derzeit könnte man fast den Eindruck gewinnen, als nähme das ganze Volk an einem Reinlichkeitsunterricht teil. So fragt sich, wie nachhaltig diese Entwicklung sein wird. Muss Etikette neu definiert werden? Und was wird – zum Beispiel – aus dem Friedensgruß in den Kirchen an Ostern und danach? Völlig unabhängig von Corona hat der Linke Bodo Ramelow dieser Tage AfD-Mann Björn Höcke den Handschlag verweigert. Wenn keiner mehr dem anderen die Hand gäbe, würden solche aufsehenerregenden Gesten ihre Bedeutung verlieren.

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