Händeschütteln zur Begrüßung Kommt der Handschlag aus der Mode?

Legendärer Handschlag:  Beim offiziellen Shakehands am 26. Mai 2017 in der US-Botschaft in Brüssel hatte Frankreichs Staatspräsident  Macron die Hand von US-Präsident Donald Trump fest im Klammergriff. „Trump wollte einfach nur seine Hand wiederhaben“, twitterte damals Steve Holland, Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Foto: AFP 14 Bilder
Legendärer Handschlag: Beim offiziellen Shakehands am 26. Mai 2017 in der US-Botschaft in Brüssel hatte Frankreichs Staatspräsident Macron die Hand von US-Präsident Donald Trump fest im Klammergriff. „Trump wollte einfach nur seine Hand wiederhaben“, twitterte damals Steve Holland, Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. Foto: AFP

Donald Trump tut es, der Papst tut es, Sie tun es! Händeschütteln zur Begrüßung ist nach wie vor Standard. Doch einige in Deutschland finden den Handschlag zu distanziert, manche schlicht uncool und viele unhygienisch. Sagen wir uns bald auf andere Weise Hallo?

Leben: Markus Brauer (mb)
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München/Stuttgart - Mit dem Herbst kommt wieder die Erkältungssaison. Menschen scheuen sich, einander die Hand zu geben. Kommt das Händeschütteln aus der Mode? „Der Status quo ist: In Deutschland ist der Handschlag Standard“, sagt Agnes Anna Jarosch, Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats.

Aber: „Die Varianz wird größer, Regeln sind nicht mehr so starr wie früher.“ Wangenküsse seien beispielsweise im Kommen. Jugendlichen sei der Handschlag eh zu uncool, sie begrüßten sich Faust gegen Faust. „Das ist ein genereller Trend“, so Jarosch.

Spielarten der Begrüßung

Auch die Mikro- und Verhaltensbiologin Imme Gerke, die interkulturelle Schulungen anbietet, verweist auf die Vielzahl an Begrüßungsformen, die es weltweit gibt: „Umarmen, Nasenkuss, mit der Stirn berühren, Hand aufs Herz legen, verbeugen – das sind alles Spielarten.“

Das Begrüßungsritual werde sich verschieben, glaubt Gerke. „Aber man sollte sich darauf einigen, dass man sich grüßt – auf welche Weise auch immer.“ Das sei wichtig, um angeborene Aggressionen abzubauen. „Deswegen müssen wir unsere Kinder anhalten, dass sie sich grüßen“, sagt Gerke. „Das ist auch eine soziale Kompetenz.“

Lesen Sie hier: Wozu brauchen wir Rituale?

15 000-mal Händeschütteln im Leben

Ein durchschnittlicher Deutscher schüttelt etwa 15 000-mal während seines Lebens den Mitmenschen die Hand, haben Wissenschaftler ausgerechnet. Richtig die Hände zu geben ohne zu „schlagen“, ist eine Kunst, die eingeübt sein will. Nicht zu lange (drei bis vier Sekunden), nicht zu heftig (weder schütteln noch rühren), nicht zu lasch oder zu kräftig (wirkt erbarmungswürdig oder dominant), nicht zu warm und feucht (zeugt von Nervosität).

Das Händeschütteln ist ein in vielen westlichen Ländern ein gängiges Begrüßungs- und Verabschiedungsritual. Anderswo ist es traditionell auf gleichgeschlechtliche Kontakte – insbesondere unter Männern – beschränkt.

In der modernen Mediengesellschaft ist das öffentliche Händeschütteln ein politisches Signal. Je länger es dauert, je inniger die Umklammerung, je stärker das Lächeln desto größer ist die vorgespielte binationale Verbundenheit. Die Handschläger werden zu Protagonisten der Völkerfreundschaft stilisiert.

Geste des Respekts

Als Geste der Begrüßung und Verabschiedung ist der Handschlag ein kulturübergreifendes Phänomen. Am Händedruck erkennt man instinktiv den Schlaffi oder Egomanen, den Pfadfinder oder Ghetto-Fäustling. Wer Angst vor Viren hat, vermeidet es die ausgestreckte Hand zu ergreifen und stößt damit sein Gegenüber vor den Kopf.

Dasselbe geschieht, wenn der eine glaubt aus religiösen, geschlechtlichen oder standesrechtlichen Gründen über dem anderen zu stehen. Wer den Handschlag verweigert, gilt als extrem unhöflich, unsozial und desintegrativ. Die leere Waffenhand auszustrecken ist ein Akt des Vertrauens. Er reicht sie zur Versöhnung, zum Frieden, zur Freundschaft.

Schon in der Antike war „Dexiosis“, das Reichen der rechten Hand, ein Zeichen der Verbundenheit, des Aufhebens von Grenzen und des Stiftens von Gemeinschaft. Ob man wie im Hinduismus den anderen durch ein berührungsloses „Namaste“ begrüßt oder die Hand umschließt, ist letztlich unerheblich. Entscheidend ist die Geste. Wer sie ablehnt, grenzt sich selbst aus und darf auch nicht auf Respekt anderer hoffen.

Lesen Sie hier: Warum Traditionen so wichtig sind – Wenn der Glaube verdunstet

Angst vor Mikroben ist übertrieben

Vom Hauptargument gegen den Handschlag – Hygiene – hält die Naturwissenschaftlerin Immer Gerke nichts: „Die Angst vor Mikroben ist übertrieben. Das Immunsystem muss üben“, sagt Gerke. „Ein Handschlag ist Mikrobenübertragung ohne den Vorteil der Berührung.“

Tatsächlich befinden sich unzählige Mikroorganismen auf der Hand. „Ob beim Naseputzen, beim Toilettengang, beim Streicheln eines Tieres oder bei der Zubereitung von rohem Fleisch: Die Hände kommen häufig mit Keimen in Kontakt und können diese auf alles übertragen, das anschließend angefasst wird“, schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife senke die Häufigkeit von Infektionskrankheiten nachweislich – das Risiko von Durchfallerkrankungen etwa könne fast halbiert werden.

Die gute Nachricht aus Knigge-Sicht: „Wenn man weiß, dass man gerade eine Virenschleuder ist, dann sollte man sagen: Ich gebe euch heute nicht die Hand“, sagt Umgangsformen-Expertin Jarosch. Und ganz allgemein gelte eine goldene Regel: „Bis fünf Personen reicht man die Hand. Ist die Gruppe größer, reicht ein ‚Grüß Gott‘ in die Runde.“




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