Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu: Wie im März 2020 klaffen bei vielen Supermärkten auf einmal wieder Lücken in den Regalen. Zu Beginn der Corona-Pandemie kam es schon einmal zu unerklärlichen Hamsterkäufen, damals waren Toilettenpapier, Mehl und Hefe heiß begehrt. Jetzt schlägt der Futterneid erneut zu, allerdings beim Sonnenblumen- und Rapsöl sowie erneut beim Mehl. Händler und Produzenten können über dieses Kaufverhalten nur den Kopf schütteln.
Einer von ihnen ist Klaus Andermann, der seit 2010 den Frischmarkt Knittel in Schönaich führt. Er ist einer der wenigen noch komplett eigenständigen Lebensmittelgeschäfte im Kreis Böblingen und kann das Kaufverhalten mancher Kunden in diesen Tagen nicht nachvollziehen. „Am Dienstag haben wir 1000 Liter Öl verkauft“, sagt der Einzelhändler. Das sei in etwa die zehnfache Menge eines normalen Tages. Andermann: „Umgerechnet müsste jetzt jeder Haushalt in Schönaich mit drei Flaschen Speiseöl ausgestattet sein.“
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Viel häufiger als sonst fährt der Händler daher zur Ölmühle Brändle auf die Schwäbische Alb, um sein Lager aufzufüllen. Doch gleichzeitig richtet er einen Appell an die Bevölkerung: „Das ist doch maßlos übertrieben. Öl hat ja auch ein Verfallsdatum. Und wer jetzt übertrieben viel kauft, dem wird es ja im Zweifel schlecht.“ Teilweise komme es sogar vor, dass Kunden im Laden sich über die Hamsterkäufe beschweren – aber selbst zwei Flaschen Öl im Einkaufskorb hätten.
Personal kommt mit dem Auffüllen der Regale nicht hinterher
Ähnliches beobachtet auch Hans Hacker, dem die Edeka-Märkte in Altdorf, Weil im Schönbuch, Waldenbuch und Grafenau gehören. „Bei uns wird derzeit mindestens die dreifache Menge von Speiseöl und Mehl verkauft“, sagt er. Als Gegenmaßnahme sei nur noch die Abgabe von maximal drei Flaschen pro Person gestattet. „Aber die Leute kommen dann eben mehrmals“, sagt er. Dadurch komme ein Teufelskreis in Gang, durch den sich die Regale tatsächlich schnell leeren und der Eindruck der Knappheit entsteht. Problem: Seine rund 160 Mitarbeiter kommen mit dem Nachfüllen kaum hinterher. „So schlimm wie in der ersten Corona-Welle im März 2020 beim Toilettenpapier ist es aber nicht“. Ohnehin verstehe Hacker die Hysterie nicht: „Es ist genug Öl für alle da, für Hamsterkäufe besteht kein Grund.“
Eigentlich könnte er als Geschäftsführer der Altdorfer Mühle frohlocken, welch reißenden Absatz sein Mehl derzeit findet. Doch Karl Ruthardt sieht die Lage ebenfalls kritisch. „Alle schreien nach Mehl“, sagt er. Und: „Die vergangenen Tage waren in puncto Hamsterkäufe die extremsten seit Beginn der Pandemie.“ Mittlerweile läuft die Mühle im Zweischichtbetrieb an sieben Tagen die Woche, um die Mengen produzieren zu können, die der Handel nachfragt. Ruthardt beliefert neun Supermärkte im Kreis Böblingen, darunter sieben Edekas.
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Diese hohe Nachfrage schlage sich auch auf den Preis durch. Allerdings hat die Altdorfer Mühle ihre Preise nur sehr moderat angepasst: Fünf Kilogramm Weizenmehl 405 etwa kosten seit dieser Woche 60 Cent mehr. „Die weltweiten Getreidepreise spielen hingegen verrückt“, sagt er. An der Getreidebörse Matif in Paris etwa wird die Tonne Weizen derzeit mit Preisen um 380 Euro gehandelt. „Zum Vergleich: Zur Ernte 2020 lag der Preis noch bei zirka 168 Euro“, sagt Ruthardt. Der tatsächliche Handelspreis liege in den vergangenen Tagen sogar noch etwas darüber. Beim Raps gibt es offenbar ähnliche Sprünge.
Produzenten und Politik appellieren an die Verbraucher
Ihm ist es daher wichtig, ein klares Signal an die Verbraucher zu senden: „Es ist bis zur Ernte im August genug Mehl verfügbar.“ Niemand müsse sich Sorgen machen. Im Gegenteil: Die derzeitigen Hamsterkäufe verschlimmerten die Situation nur künstlich. Die Politik ruft ebenfalls zur Besonnenheit auf. Am Donnerstag appellierte der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk an die Verbraucher, „solidarisch zu sein und nur in normalem Maße und in haushaltsüblichen Mengen einzukaufen.“ Die Versorgung mit Lebensmitteln sei gesichert, Hamsterkäufe setzten lediglich die Lieferketten unnötig unter Druck.
Preisanstiege seien allerdings zu erwarten, teilt das Ministerium mit. „Die Ursachen liegen nicht nur bei den Preissteigerungen für agrarische Rohstoffe, sondern auch bei den gestiegenen Energiekosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette“, sagt der Minister. Die heimische Landwirtschaft sei aber produktiv genug, um die Bevölkerung zuverlässig zu versorgen.
Krieg stoppt Getreideexporte
Weizen
Beim Weizen gilt die Ukraine zusammen mit Russland als eine der Kornkammern Europas. Die beiden Länder decken rund 30 Prozent des weltweiten Bedarfs an Weizen. Exportiert wurde das Getreide bis jetzt übers Schwarze Meer.
Exportstopp
Aufgrund des russischen Angriffskrieges liefert die Ukraine derzeit gar keinen Weizen mehr in die Welt, Russland nur noch sehr wenig.
Sonnenblumenöl
Am weltweiten Export von Sonnenblumenöl hatte die Ukraine im Jahr 2020 einen Anteil von 51 Prozent, Russland 27 Prozent (Quelle: OVID). Deutschland gehört zu den Importeuren.