„Hänsel und Gretel“ an der Oper Stuttgart Ohne Kirill Serebrennikow über die Freiheit der Kunst

Kirill Serebrennikow, im Hintergrund die Oper Stuttgart Foto: dpa/StZN
Kirill Serebrennikow, im Hintergrund die Oper Stuttgart Foto: dpa/StZN

Obwohl Kirill Serebrennikow weiterhin in Moskau unter Hausarrest steht, hält die Oper Stuttgart an der Premiere von „Hänsel und Gretel“ im Oktober fest. Die Produktion wird allerdings auch ohne den russischen Regisseur nur nur Märchenoper sein, sondern ein Manifest und Ausdruck einer politischen Haltung.

Kultur: Susanne Benda (ben)
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Stuttgart - Normalerweise ist es hier laut und lebendig. Normalerweise flanieren unter den Kronleuchtern im Foyer des ersten Ranges in der Oper Stuttgart Zuschauer, finden sich, ein Glas Sekt in der Hand, zu Grüppchen zusammen, diskutieren, was zuvor auf der Bühne zu sehen war. Manchmal finden außerdem hier Liedkonzerte statt, oder der Chefdirigent des Hauses erzählt mit leuchtenden Augen von der Musik, die er mit dem Staatsorchester in den nächsten Monaten proben und aufführen wird.

An diesem Dienstagmorgen ist aber nichts normal. Viele Menschen sind der Einladung der Oper gefolgt, sie haben Notizblöcke dabei, Kameras, Fotoapparate, und was sie, bevor die Leitung des Hauses am langen Tisch Platz nimmt, miteinander sprechen, klingt gedämpft. Wie wenn hier keine Pressekonferenz stattfinden sollte, sondern ein trauerndes Gedenken.

Irgendwie ist das dann auch so. Als der Opernintendant Jossi Wielerdas Wort ergreift, geht es zuallererst um einen Verlust. Die Anklage gegen Kirill Serebrennikow, dem man in Stuttgart die erste Premiere der Saison anvertraut hatte, und den Hausarrest, unter dem der Regisseur mindestens bis zum 19. Oktober stehen wird, versteht man zu Recht als Angriff auf ein hohes Gut: nämlich die persönliche und die künstlerische Freiheit.

Absagen von Regisseuren aus politischen Gründen gab es in der Bundesrepublik wohl noch nie

Immer wieder erlebt man Absagen von Regisseuren, die aus mancherlei Gründen (Krankheit, Streit oder Eitelkeit) kurz vor der Premiere den Bettel hinschmeißen. So etwas gab es auch schon an der Oper Stuttgart – besonders prominent im Falle von Stanislas Nordey, der 2009 den „Lohengrin“ inszenieren sollte, sich dann aber mit dem Chor und mit dem Generalmusikdirektor Manfred Honeck verkrachte und so maßgeblich die Schwächung und den Fall des Intendanten Albrecht Puhlmann beförderte. Dass ein Regisseur aus politischen Gründen an der Fertigstellung einer Produktion gehindert wird: Das allerdings hat es in bundesdeutschen Theatern noch nicht gegeben. Und das ist der Grund, warum an diesem Vormittag in der Oper Stuttgart eben nichts normal ist.

Wobei selbst das so dann doch nicht ganz zutrifft. Schließlich herrscht in diesem Haus seit den Zeiten des Intendanten Klaus Zehelein ein sehr spezieller, ausgesprochen künstlerischer Geist. Der hat mit Suchbewegungen mehr zu tun als mit dem Finden von etwas Endgültigem, und zu diesem Ethos passen der Fall Serebrennikow und seine Stuttgarter Folgen trotz aller Schrecklichkeit dann doch – zumindest wenn davon die Rede ist, was am 22. Oktober im Opernhaus denn nun genau zu erleben sein wird. „Ein Märchen von Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikow“ steht als Untertitel auf den Plakaten, die für die Premiere von „Hänsel und Gretel“ werben, und wer dem Intendanten und seinem Chefdramaturgen Sergio Morabito zuhört, wenn sie ausführen, dass an diesem Abend neben Engelbert Humperdincks vollständiger Partitur und neben Teilen von Kirill Serebrennikows in Ruanda gedrehtem Film zur Oper auch die politische Situation in Russland, die Arbeit des Regisseurs am Stück und die Freiheit der Kunst thematisiert werden sollen, der ahnt, dass das Ganze ziemlich komplex werden könnte. Ob „Hänsel und Gretel“ unter diesen Umständen tatsächlich eine „Oper für die ganze Familie“ werden kann, wie Jossi Wieler behauptet, wird sich erst zeigen. Fest steht immerhin, dass eine Meta-Inszenierung zu erwarten ist, also eine Inszenierung über eine Inszenierung - oder, wohl noch treffender, eine Inszenierung über die Möglichkeit einer Inszenierung. „Eine Erzählung über einen Erzähler, der in seiner Erzählung unterbrochen wurde“: So klingt das aus dem Mund des Intendanten.

Die Inszenierung entsteht jetzt im Teamwork, eine Form wird noch gesucht

Wer dabei das Sagen hat, wer szenisch bei „Hänsel und Gretel“ die Verantwortung tragen, die Fäden zusammenhalten wird? Zu dieser Frage will Jossi Wieler nichts sagen und Sergio Morabito auch nicht. „Wir arbeiten hier als Team“, sagt Wieler, „und was wir tun, entsteht im Dialog“. Gemeinsam werde man „etwas entstehen lassen“, eine Form entwickeln. Womöglich werde, so Wieler, sogar „die Komplexität des Miteinander-Nicht-Reden-Könnens“ zu einem Teil der Produktion.

Auf jeden Fall ist diese Komplexität ein Teil des Problems. Seit dem 23. August steht Kirill Serebrennikow unter Hausarrest. Man wirft ihm vor, staatliche Subventionen für eine Produktion an seinem Haus, dem Moskauer Gogol-Center, unterschlagen zu haben. Als „beispiellos“ bezeichnet Sergio Morabito diese Vorwürfe vor allem deshalb, weil Serebrennikow keine Entscheidungsbefugnis über die Gelder in seinem Theater gehabt habe – und weil er das Projekt, dessen Fördergelder er veruntreut haben soll, „vollumfänglich realisiert“ habe. „Es drängt sich“, so der Chefdramaturg, „der Verdacht auf, dass die Justiz in Russland nurmehr ein Instrument des Machterhaltes ist.“ Zurzeit führten 99,64 Prozent aller Anklagen in Putins Reich zu Schuldsprüchen – „das ist eine Vorverurteilung, die mit unserem Verständnis von einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun hat.“ Schon vor der Anklage gegen den vielseitigen Film- und Theaterregisseur, der auch Choreograf ist, Bühnen- und Kostümbildner, habe man diesem einen Stein nach dem anderen in den Weg gelegt – spätestens seit seiner inszenatorischen Deutung von Nikolaj Rimsky-Korsakows Oper „Der goldene Hahn“ als Abgesang auf den sowjetischen Imperialismus (2011 am Bolschoi-Theater). Serebrennikow konnte sein Filmprojekt über den Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowsky nicht beenden, weil er dessen homoerotische Neigungen nicht auszuklammern bereit war, ein am Bolschoi-Theater geplantes Ballett über den Tänzer Rudolf Nurejew wurde verschoben, die staatlichen Subventionen für das Gogol-Center schon 2013 auf ein Minimum zurückgefahren. „Das erinnert“, so Georg Fritsch, der bei „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart am Pult des Staatsorchesters stehen wird, „an das, was Dmitri Schostakowitsch unter Stalin erleiden musste.“ Der Dirigent ist, was Serebrennikow betrifft, auf ganz eigene Weise betroffen – nicht nur, weil er schon die von dem russischen Regisseur inszenierte Stuttgarter „Salome“ musikalisch geleitet hat, sondern auch, weil er selbst 1963 in der DDR geboren wurde und deshalb „die Situation kennt, dass man sich fragt, wie man etwas so sagen kann, dass es niemandem schadet“. Für Fritsch gibt der Fall Serebrennikow Anlass, „die Nichtverhandelbarkeit von geistiger und persönlicher Freiheit deutlich zu machen“.




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