Häusliche Gewalt „Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem, sondern ein Männerproblem“

Armut oder Gewalt? Viele Frauen bleiben bei gewalttätigen Männer, weil sie mit ihren Kindern allein finanziell nicht überleben können. Foto: dpa/Jan-Philipp Strobel

Asha Hedayati ist Familienrechtsanwältin und vertritt Frauen, die von ihren Männer geschlagen, missbraucht und unterdrückt werden. Warum der Staat dabei versagt, Frauen und Kinder ausreichen zu schützen, erklärt die Anwältin im Interview.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Warum hat sie ihn nicht verlassen? Das ist oft die erste Frage, die Frauen gestellt bekommen, wenn sie von Gewalt durch ihren Partner erzählen. Die Familienrechtsanwältin Asha Hedayati findet die Frage falsch gestellt. Im Interview erklärt sie, warum sie Gewalt an Frauen als substanzielles Problem in unserer Gesellschaft sieht und warum der Staat mehr tun müsste, um Frauen zu schützen.

 

Frau Hedayati, sie schreiben in ihrem Buch „Die stille Gewalt“, dass vor allem der Staat mehr tun muss, um Frauen vor Gewalt durch ihre Partner zu schützen. Was läuft falsch?

Es wird oft aus einer individualisierten Perspektive gesehen, als seien die Frauen selbst schuld, wenn ihnen Gewalt widerfährt oder wenn sie diese Situation zu lange aushalten. Die Frage ist aber doch nicht: Warum ist sie nicht gleich gegangen? Die Frage ist doch vielmehr: Warum ist der Mann gewalttätig? Warum schafft der Staat es nicht, männliche Gewalt zu beenden und Frauen und Kinder zu schützen. Da ist oft immer noch eine starke Täter-Opfer-Umkehr bei staatlichen Institutionen wie Polizei, Gerichten und Jugendämtern.

Asha Hedayati setzt sich als Anwältin für Frauen ein, die von Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind. Foto: PR/Heike Steinweg

Gewalt gegen Frauen kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor. Was hilft Frauen?

Frauen, die wirtschaftlich gut aufgestellt sind, erleben durchaus auch Gewalt. Aber sie können sich leichter aus einer gewalttätigen Beziehung lösen. Sie kämpfen dafür oft mit mehr Scham und mit dem Stigma, dass sie trotz ihrer besseren Position in der Gesellschaft, Opfer geworden sind. Existenzbedrohlicher ist es aber für diejenigen, die sich finanziell kein eigenes Leben aufbauen können. Diese Frauen müssen sich zwischen Gewalt oder Armut entscheiden.

Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau Opfer eines Femizids. Wann ist die gefährlichste Situation für eine Frau?

Vor allem nach der Trennung – also dem Höhepunkt der emanzipatorischen Entwicklung – ist die Frau oft in größter Gefahr. Die Trennung ist für einen gewalttätigen Mann das Höchste an Kontrollverlust. Er fühlt sich dessen beraubt, von dem er geglaubt hat, darauf einen Anspruch zu haben: nämlich die Frau. Durch die Tötung der Frau versucht er die Macht und die Kontrolle wiederherzustellen.

Sie sagen, oft haben sich die Männer gar nicht groß eingebracht bei der Kinderbetreuung. Nach einer Trennung spielen manche Männer plötzlich vor Gericht die treu sorgenden Väter. Warum funktioniert das immer noch?

Die Justiz und Verwaltung ist geprägt vom Narrativ der Väter, die davor geschützt werden müssten, dass die – ja teils gewaltbetroffene – Frauen ihnen ihre Rechte nehmen würden. Dabei hört die Gewalt für die Frauen nie auf, auch nach der Trennung nicht. Sie werden gestalked in der Arbeit oder in der Schule der Kinder. Oft stressen die Männer meine Mandatinnen auch nach der Trennung über gerichtliche Verfahren oder Sorgerechtsprozesse, obwohl sie sich davor nicht um die Kinder gekümmert haben und die Mutter die Hauptbezugsperson ist. Es geht ums Prinzip und um Macht, sie wollen ihre Rechte ausspielen und häufig geht es ums Geld.

Wie kann es sein, dass Familiengerichte häufig Partnerschaftsgewalt in Kindschaftsverfahren ausblenden?

Väter- und Männerrechtler haben hierzulande teils einen großen Einfluss. Noch immer dominiert der Mythos, Mütter hätten bessere Chancen vor dem Familiengericht. Die Strukturen sind so stark, dass Einzelpersonen und ihre Anwälte kaum etwas dagegen tun können. Oft wird das Bild einer vergeltungssüchtigen Medea gezeichnet, einer rachsüchtigen Expartnerin, die aufgrund einer Kränkung die Kinder gegen den Mann instrumentalisieren und ihn ausnehmen möchte. Dieses Bild ist deshalb interessant, weil der Vorwurf gegen die Mütter in meiner Praxis insbesondere bei den Fällen vorgebracht wird, in denen die Frauen sich für die Trennung aus der Gewaltbeziehung entschieden haben und die Männer aufgrund der Trennung einen Kontroll- und Machtverlust und dadurch eine immense Kränkung erleben.

Welche systematischen Missstände in Sorgerechtsfällen machen Sie immer wieder wütend?

Richtig schlimm finde ich es, wenn der Mann gegenüber der Frau gewalttätig ist, aber der Vater trotzdem ein Umgangsrecht bekommt, weil es heißt, er sei ja nicht gegenüber den Kindern gewalttätig gewesen. Aber die Kinder bekommen das ja mit. Da frage ich mich, wie kann das dem Kindeswohl dienlich sein. Das Gericht glaubt dann irrtümlich, dass die Gewalttätigkeit sich in Luft auflöst und die Kinder erleben, dass die Gewalt des Vaters keine Konsequenzen hat.

Was müsste der Staat dringend tun?

Frauen sind nach wie vor strukturell benachteiligt, oft sind sie in Beziehungen wirtschaftlich abhängig vom Mann. Wenn sie sich trennen, bedeutet dies häufig, dass sie von staatlichen Leistungen leben müssen. Meine Mandantinnen sind Erzieherinnen oder Altenpflegerin, arbeiten Teilzeit oder sind ganz zu Hause. Sie machen „systemrelevante“ Arbeit, aber verdienen so wenig, dass sie allein von ihrem Gehalt nicht leben können. Oft finden sie mit ihrem Einkommen für sich und die Kinder keine Wohnung. Frauen, die sich trennen, muss der Staat wirtschaftlich so unterstützen, dass sie nicht in Existenznot sind.

Jede Frau kann in so eine Beziehung geraten. Was raten Sie Frauen, wie sie sich besser schützen können?

Ich möchte da gar nicht so viel raten. Ich wünsche mir vielmehr, dass Frauen ein freies und selbstbestimmtes Leben führen können, damit sie nicht in Gewaltbeziehungen landen. So können sie auch Warnsignale besser erkennen.

Was für Warnsignale?

Wenn der Kontakt zu anderen vom Partner verboten oder eingeschränkt wird. Frauen brauchen weiterhin Menschen in ihrem Leben, zu denen sie engen Kontakt haben und die ihnen auch spiegeln, wenn etwas gravierend falsch läuft und ihnen sagen können: ‚Deine Wahrnehmung ist nicht falsch – dir geschieht Unrecht.’ Deshalb ist es auch ein richtiges Drama, wenn das Umfeld der Frau ihr in den Rücken fällt oder gar sagt, sie muss das aushalten. Es gibt fast nichts Schlimmeres, weil die Frauen dann den Mut verlieren zu gehen. Sie brauchen deshalb mentale Unterstützung von Nachbarn, Bekannten und Freundinnen.

Am Ende sind es also oft wieder andere Frauen, die helfen?

Ja, leider. Das ist das Problem. Aber es werden bisher immer nur hier und da Symptome bekämpft, nicht die Ursachen. Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem, sondern ein Männerproblem. Deshalb muss man in der Öffentlichkeit immer und immer wieder darauf aufmerksam machen. Ich bin froh, dass viele jüngere Frauen heute ein deutlich besseres Bewusstsein dafür haben. Aber wir kommen nicht umhin, uns die Systemfragen zu stellen.

Welche Systemfragen sind das?

Es geht um Machtverhältnisse, es geht um Care-Arbeit, es geht um den Gender Pay Gap. Um wichtige Themen der Gleichstellung. Und warum Männer immer noch glauben, ein Recht darauf zu haben, Grenzen zu überschreiten und Partnerschaftsgewalt auszuüben und ein übergriffiges Besitzdenken bei Frauen an den Tag zu legen.

Sie sehen Beziehungen, die von körperlichen Übergriffen, Vergewaltigungen und Unterdrückung geprägt sind. Was macht das mit Ihrem Bild von Beziehungen, von der Liebe?

Obwohl oder vielleicht auch gerade, weil ich in dem Bereich arbeite, glaube ich immer noch an die heilende Kraft der romantischen Liebe. Ich mache ja auch Mediationen, in denen sich Paare friedlich trennen oder sogar wieder zueinander gefunden haben. Das ist dann total schön für mich. Ich glaube an die Liebe, aber ich glaube an Liebe auf Augenhöhe.

Zur Person

Leben
Asha Hedayati ist 1984 in Teheran geboren und hat an der Humboldt Universität zu Berlin Rechtswissenschaften studiert. Als Rechtsanwältin arbeitet sie seit fast 10 Jahren im Bereich des Familienrechts und vertritt dabei schwerpunktmäßig gewaltbetroffene Frauen in Trennungs-, Scheidungs-, und Gewaltschutzverfahren. Neben der Arbeit als Anwältin bildet sie Sozialarbeiter von Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen aus.

Engagement
Sie spricht regelmäßig öffentlich zu den Themen häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen. Ziel ihrer Arbeit ist das Sichtbarmachen von Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen marginalisierter Gruppen und das Aufzeigen der strukturellen Problematik beim Thema Gewalt gegen Frauen. (nay)

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