Häusliche Gewalt im Kreis Ludwigsburg Frau Starks Kampf gegen Schläger und Tabus
Karin Stark hat sich mehr als 20 Jahre für Opfer häuslicher Gewalt starkgemacht. Jetzt geht sie. Und nun?
Karin Stark hat sich mehr als 20 Jahre für Opfer häuslicher Gewalt starkgemacht. Jetzt geht sie. Und nun?
Der Fall, der sich vor ziemlich genau zwei Jahren in der Körnerstraße in Ludwigsburg zugetragen hat, ist ein Fall, der beispielhaft steht für das Thema, mit dem sich Karin Stark seit mehr als 20 Jahren mehr als intensiv beschäftigt. Am Abend jenes Dienstags Anfang August zückt ein Mann ein Messer und attackiert seine Frau. Ihr achtjähriger Sohn geht dazwischen und kann Schlimmeres verhindern. Doch der Mann gibt nicht auf, er würgt seine Frau. Erst als sich ein Passant einmischt, ist die Gefahr gebannt. Die Polizei rückt an.
Die Frau lebte zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt von ihrem Mann im Ludwigsburger Frauenhaus. Und wenn man nun erfährt, dass die Familie aus Afghanistan stammt, dann ist der Fall für viele mutmaßlich klar: Damit war zu rechnen! Ist ja klar, dass ein Mann aus dieser fremden Kultur nicht damit zurechtkommt, wenn sich seine Frau von ihm trennen möchte.
Es mag sein, dass die Kultur in diesem Fall eine Rolle spielte. Trotzdem hätte er sich genauso gut innerhalb einer deutschen Familie zutragen können. „Häusliche Gewalt“, sagt Karin Stark, „kommt in allen sozialen Schichten und Kulturen vor.“
Karin Stark ist Erste Kriminalhauptkommissarin im Polizeipräsidium Ludwigsburg, wo sie im Referat Prävention als Opferschutzkoordinatorin arbeitet. Wobei man bald sagen muss: Sie war Erste Kriminalhauptkommissarin und hat als Opferschutzkoordinatorin gearbeitet. Ende dieses Monats geht die 61-Jährige in den Ruhestand. Und leider kann man nicht sagen, dass ihre Stelle nicht wiederbesetzt werden muss.
Häusliche Gewalt, das ist der 50-jährige Mann, der der seine Frau jahrelang drangsaliert – und sie mit einem Tischbein erschlägt, weil sie ihn wegen eines anderen Mannes verlassen will. Oder der 36-Jährige, der seiner Ex-Partnerin androht, ihr die „Fresse zu polieren“, weil er sich von ihr erniedrigt fühlte. Oder auch der 84-Jährige, der seine pflegebedürftige Frau erdrosselt, weil sie nicht in ein Heim gehen möchte.
Wobei die Gewalt nicht tödlich enden muss. Und auch nicht immer körperlich sein muss. Per Definition fallen unter häusliche Gewalt alle Formen der körperlichen, sexuellen und psychischen Gewalt, die zwischen Menschen stattfinden, die in einer nahen Beziehung zueinander stehen.
Karin Stark war dabei, als der Begriff häusliche Gewalt quasi erfunden wurde. Bis dahin gab es Gewalt in der Partnerschaft gewissermaßen nicht oder war „Privatsache“. Ende der 1990er Jahre änderte sich das. 1999 wurde in Ludwigsburg der Runde Tisch häusliche Gewalt für die Stadt und den Landkreis eingerichtet. Ludwigsburg und die anderen 38 Kreiskommunen gehörten zu den landesweit 84 Modellkommunen, in denen der sogenannte Platzverweis erprobt wurde. Der Platzverweis ist eine Maßnahme, mit der die Polizei dafür sorgen kann, dass der gewalttätige Täter sofort die gemeinsame Wohnung verlässt – und sich ihr bis auf Weiteres nicht nähert. Am dazugehörigen Runden Tisch sind all die Institutionen versammelt, die Beratung, Hilfe und Unterstützung anbieten. Wobei mit Beratung nicht nur die Beratung von Opfern gemeint ist. Auch Tätern wird von den Organisationen geholfen. Ein potenzieller Täter, dem rechtzeitig Hilfe gewährt werden kann, erzeugt – so der Gedanke – kein potenzielles Opfer.
Und verstärkt findet nun Prävention an Schulen statt. Kinder und Jugendliche, die rechtzeitig sensibilisiert werden, können – so der Gedanke – den Kreislauf der Gewalt eher durchbrechen.
Als Karin Stark ihre Karriere bei der Polizei begann, war sie eine von ganz wenigen Frauen dort. Für die Kollegen war sie das „Mädle“ und prädestiniert zum Putzen der Kaffeemaschine. Mit miesen Rollenbildern und Vorurteilen kennt sich Karin Stark also aus. Bei der Polizei hat sich anerkanntermaßen vieles zum Besseren gewendet. Über das gesellschaftliche Bild zur häuslichen Gewalt lässt sich das nicht so fest behaupten.
Sätze wie „So was kann mir nicht passieren“ oder „Bei uns gibt’s so was nicht“ hat Karin Stark früher gehört – und sie hört sie noch heute. Gestimmt haben sie noch nie, sagt die Expertin – und denkt zum Beispiel an die Frau, die in einer streng gläubigen Gemeinde mit einem vermeintlich vorbildlichen Ehemann lebte. Dass er gewalttätig ist, glaubte ihr dort niemand. „Es passiert überall, und es passiert sehr im Verborgenen“, sagt Karin Stark.
Bundesweit registrierten die Behörden im vergangenen Jahr rund 161 000 Opfer von Gewalt durch Partner oder Ex-Partner. Im Kreis Ludwigsburg wurden 715 Fälle gemeldet, 68 weniger als im Jahr zuvor – dem Coronajahr. Beratungsstellen hatten gleich zu Beginn des Lockdowns vor der Gefährdung von Frauen und Kindern durch häusliche Gewalt gewarnt. Die quasi gesetzlich verordnete Nähe in kleinen Wohnungen, gepaart mit wirtschaftlichen Nöten und der fehlenden sozialen Kontrolle über Schulen und Kitas, hatten das Schlimmste befürchten lassen.
Tatsächlich wurden im Kreis Ludwigsburg im Jahr 2020 exakt 783 Fälle häuslicher Gewalt angezeigt, im Jahr zuvor waren es 699 – also 84 Fälle weniger. Karin Stark war, wenn man das so sagen kann, fast positiv überrascht, dass die Steigerung nicht deutlicher ausfiel. Aber was heißt das schon? Die Zahlen sind immer zu hoch, und die Dunkelziffer ist noch mal höher.
Ende des Monats gibt Karin Stark ihren Dienstausweis und alles, was dazugehört, im Polizeipräsidium ab. Ihr Engagement gegen häusliche Gewalt jedoch wird sie nicht einstellen. Sie ist ehrenamtlich im hiesigen Opferhilfeverein Weißer Ring aktiv, der auch am Runden Risch vertreten ist. Aufmerksam ist sie ohnehin immer. Vor ein paar Jahren hat sie selbst mal die Polizei alarmiert, weil ein Nachbar seiner Frau Gewalt angetan hat.
Statistik
Statistisch betrachtet wird jede vierte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Opfer seelischer, körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Auch Männer können Opfer häuslicher Gewalt werden. In 80 Prozent der Fälle sind sie aber Täter.
Verweis
Der Platzverweis war in Baden-Württemberg 2000 als Modellversuch erprobt und 2002 flächendeckend eingeführt worden. Baden-Württemberg übernahm damit eine Vorreiterrolle. Inzwischen heißt die Maßnahme Wohnungsverweis, das Prinzip ist aber dasselbe: Der, der schlägt, geht! Die Idee ebenfalls: Wenn das Opfer weiß, der Täter muss Wohnung oder Haus verlassen, sinkt die Hemmschwelle, Hilfe zu holen.
Ablauf
Die Polizei kann den Haus- oder Wohnungsschlüssel beschlagnahmen und ein Rückkehr- und Annäherungsverbot aussprechen. Dieses gilt maximal vier Tage – kann vom kommunalen Ordnungsamt allerdings auf zwei Wochen verlängert werden. Eine weitere Verlängerung ist über einen Antrag beim Amtsgericht möglich.
Hilfe
Die Interventionsstelle beim Ludwigsburger Verein Frauen für Frauen berät Frauen und Männer, die von körperlicher, seelischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen sind. Die Nummer: 0 71 41 / 90 11 70. Ein bundesweites Beratungsangebot ist das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Die kostenlose Nummer 08 00 0 116 016 ist rund um die Uhr aktiv.