Es wird immer schwieriger, die Nachsorge für schwer kranke Kinder, die aus der Klinik entlassen werden, zu sichern. Der Grund ist der Fachkräftemangel. Ärzte und Dienste schlagen Alarm. Manchmal müssen Patienten deutlich länger im Krankenhaus bleiben.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Die Häusliche Kinderkrankenpflege fährt ihre Stellenanzeigen inzwischen durch die Stadt. An den Autos des Vereins prangen die Gesuche nach ausgebildeten Fachkräften – in Voll- oder Teilzeit, da ist man flexibel. Die Notlage verlangt nach ungewöhnlichen Mitteln.

 

„Die Situation ist seit einiger Zeit sehr angespannt“, sagt Anne Graser, die Leiterin der Häuslichen Kinderkrankenpflege. Immer wieder müssten sie neuen Familien absagen, weil sie die Pflege der schwer kranken Kinder nicht abdecken könnten. Anderen Pflegediensten geht es genauso. „Wir können die Anfragen nicht alle bewältigen, wir müssen leider viele Kinder ablehnen“, sagt auch Almuth Listl von der Mobilen Kinderkrankenpflege (Moki). Um mehr Kapazitäten frei zu haben, seien sie bereits dazu übergegangen, Kinder von 15 Jahren an an Erwachsenenpflegedienste abzugeben, berichtet sie. Moki hat ebenfalls Stellen ausgeschrieben und wirbt zudem um Wiedereinsteigerinnen nach der Babypause.

Das Problem wird noch zunehmen

Experten des Olgahospitals schlagen ebenfalls Alarm. „Wir spüren, dass es einen Riesemangel an ambulanten Pflegekräften gibt“, sagt die Onkologin Claudia Blattmann von der sozialmedizischen Nachsorge, deren interdisziplinäres Team den Übergang von der Klinik nach Hause organisiert. Sie hält eine spezialisierte ambulante pädiatrische Palliativversorgung für überfällig, die sich der Familien annimmt und die ärztliche Versorgung abdeckt. Der Anspruch besteht seit Jahren, doch es konnte keine Einigung mit den Krankenkassen über die Finanzierung erzielt werden. Dabei werde das Problem zunehmen, meint die Oberärztin. Es überlebten immer mehr Extremfrühchen und schwer kranke Kinder.

Besonders problematisch sei es, sobald es um beatmete Kinder gehe, die auch nachts betreut werden müssen, berichtet der leitende Oberarzt der Neonatologie und Leiter der Intensivkrankenpflege am Olgahospital, Ulrich Pohlmann. Dass die Eltern sich erholen, sei aber zwingend. Sonst gehe das nicht lange gut. Bei beatmeten Kindern werde deshalb immer der komplette nächtliche Dienst von sieben Nächten die Woche verordnet, berichtet Pohlmann. Doch das könnten die ambulanten Pflegedienste nicht abdecken. Denn nur wenige Schwestern würden sich auch mit einer Beatmungsmaschine auskennen, erklärt der Neonatologe. Die Folge: „Wir kriegen die Kinder nicht nach Hause.“

Krankenkasse ist Pflege zu teuer

Der Facharzt berichtet von einer Familie, die seit einem halben Jahr im Olgäle ist. Eigentlich hätte das Kind, das über ein sogenanntes Tracheostoma beatmet wird, seit drei Monaten entlassen werden können. Für das Kind ist medizinisch getan, was getan werden konnte, die Eltern sind angelernt, was fehlte, war der Pflegedienst. Endlich wurde eine Lösung gefunden. Zwei Kinderpflegedienste würden alle Nächte ab dem nächsten Monat abdecken. Doch die Krankenkasse legt ihr Veto ein: Die Kinderpflegedienste sind ihr zu teuer. Die Kasse sucht deshalb selbst nach einer günstigeren Lösung – im Erwachsenenbereich, wo es fraglich ist, ob die Kräfte auch die nötige Qualifizierung für die Pflege haben.

Ulrich Pohlmann findet es durchaus richtig und medizinisch vertretbar, die Kinder eher zu entlassen, als es früher üblich war. „Es geht hier nicht nur darum, Liegezeiten zu verkürzen, wir wollen den Förderungseffekt“, erklärt er, denn die Kinder profitierten von ihrem familiären Umfeld. Früher hätten zum Beispiel Kinder, die vorübergehend einen künstlichen Darmausgang haben, monatelang im Krankenhaus gelegen. Heute kommen sie zwischen den Operationen nach Hause, was besser für sie ist. Die Eltern werden zuvor angelernt und von den mobilen Pflegediensten dabei unterstützt.

Bei den Pflegediensten glaubt man, dass die Bezahlung hauptverantwortlich ist für den Fachkräftemangel. „Der Pflegeberuf ist unterbezahlt“, sagt Almuth Listl. Qualifizierte Kinderkrankenschwestern würden abwandern und als Erzieherin im Kindergarten arbeiten, weil sie dort mehr verdienten. Sie könnten jedoch nicht mehr zahlen, so Listl, weil die Krankenkassen dies nicht ausgleichen würden. Es werde Qualität gefordert, doch die Kassen seien nicht gewillt, diese auch zu bezahlen, pflichtet ihr Anne Graser von der Häuslichen Kinderkrankenpflege bei. Dabei hätten sie immer schwierigere und kränkere Kinder zu versorgen. Sie rechnet vor, dass ein Intensivkind, das eine 24-Stunden-Betreuung benötigt, bis zu fünf Vollzeitstellen (Urlaub und Krankheit eingerechnet) binde. Zum Vergleich: sie hat 18 fest angestellte Mitarbeiter und zehn Aushilfen im Team.

Wie mehrfach berichtet ist das Olgäle selbst von dem Mangel an Kinderkrankenschwestern betroffen. Weil Intensivschwestern fehlen, kommt es immer wieder vor, dass nicht alle 25 Betten der Intensivastation belegt werden können.