„Haftbefehl“ kommt nach Stuttgart Polyglottes Offenbacherisch mit Migrationshintergrund

Rückblickend betrachtet haben sich die Gegner des Teutonengangsterraps vielleicht nur zu früh gefreut: Während im Radio Cros „Easy“ rauf- und runtergespielt wurde, stand Haftbefehl im Studio, um sein Album „Blockplatin“ aufzunehmen – ein radikaler Gegenentwurf zu Cros Gute-Laune-Hip-Hop. „Blockplatin“ landete nach der Veröffentlichung Ende Januar auf Platz vier der Charts.

Haftbefehls Texte strotzen nur so vor Kraftausdrücken, Gewalt- und Drogenverherrlichung sowie Sexismus. Das war schon das Rezept der Bushidos dieser Republik gewesen. So war Gangsterrap zur erfolgreichsten Hip-Hop-Spielart der letzten Dekade in Deutschland avanciert. Haftbefehl dosiert die Ingredienzen, die es zu einem Rap mit Street Credibility braucht, noch ein bisschen stärker, verpackt seine Sprachbilder in polyglottes Offenbacher Idiom mit Migrationshintergrund, dessen Sprachfluss direkt ins Kleinhirn mündet.

Gansterrapper-Vita wie vom Reißbrett

Auf dem Gymnasium war Anhan nie. Zumindest in der von ihm selbst verbreiteten Version seiner Biografie heißt es, dass er überhaupt keinen Schulabschluss hat. Schon als Jugendlicher verlor er seinen Vater, so die Legende, er rutschte ins kriminelle Milieu ab, begann zu dealen. Einer Gefängnisstrafe entzog er sich angeblich durch die Flucht nach Istanbul – daher auch sein Künstlername. Dann folgte die Karriere als Musiker. Eine für Gangsterrapper wie auf dem Reißbrett konzipierte Vita, deren Wahrheitsgehalt wir gern in einem Gespräch mit Anhan abgeklopft hätten. Leider ließ der böse Bube zwei vereinbarte Interviewtermine wegen allgemeinem Unwohlsein platzen.

Dabei hätte Haftbefehl vielleicht etwas zur erstaunlichen Art und Weise, wie er rezipiert wird, zu sagen gehabt. Jung, aggressiv und mit Migrationshintergrund – der Musiker verkörpert den Alptraum des deutschen Spießbürgers. Trotzdem feiert ihn die hiesige Kulturkritik: In der FAZ wurde Haftbefehl zum „artistischen Genie“ geadelt, weil er in seinen Texten „prekären Slang“ in eine „Metasprache“ verwandle. Auch der „Spiegel“ sprach davon, dass Anhan das „polyglotte Durcheinanderquatschen“, wie man es auf Bahnhofsvorplätzen und überall da hören könne, wo Jugendliche aus Einwandererfamilien herumlungern, zu einer „Kunstform“ mache.

Die „Welt“ diagnostiziert Antisemitismus

Die „Welt“ dagegen bescheinigte dem deutschen Rap bereits im vergangenen Jahr ein Antisemitismusproblem und machte das unter anderem an dem schon etwas älteren Haftbefehl-Song „Psst“ fest, in dem Anhan in einem Vers davon spricht, dass er Kokain an die „Juden von der Börse“ verkaufe; damit bediene er das Stereotyp vom „jüdischen Spekulanten“. Unberechtigt ist diese Kritik nicht, obgleich es ein bisschen zu bequem ist, den Zeigefinger auf antisemitisches Mackertum bei Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu richten, wenn zugleich immer wieder Studien die Verbreitung judenfeindlicher Klischees in der deutschen Mehrheitsgesellschaft belegen.

Gleichwohl: bei allem Amüsement, das einem Haftbefehls mitunter kuriose Wortakrobatik – „Muck bloß nicht uff hier du Rudi / Nix mit Hollywood, Frankfurt Brudi“ – bereiten kann, überschreitet der Musiker immer wieder Grenzen des Erträglichen. So endet das Video zu dem gewohnt feinsinnig betitelten Song „Ich ficke dich“ mit einer Szene, in der einem Mann ein schwarzer Beutel über den Kopf gezogen wird, ehe ihn zwei tätowierte Stiernacken hinrichten. Vielleicht geht das dem „Babo“ aber bald schon selbst auf – kommerzieller Erfolg wirkt domestizierend. Gerade auch bei den einst harten Jungs aus sozialen Problemvierteln.