„Haftbefehl“ kommt nach Stuttgart Der Babo mit der Metasprache

Der Gangsterrapper Haftbefehl feiert Erfolge mit Texten zwischen Poesie, einfallsreichem Kauderwelsch und Gewaltverherrlichung. Vor seinem Auftritt in Stuttgart versuchen die StZ-Autoren Daniel Hackbarth und Ingmar Volkmann, dem Phänomen auf die Spur zu kommen.

Ganz böser Bube aus Offenbach: der Rapper Haftbefehl Foto: RapMag/Echte Musik
Ganz böser Bube aus Offenbach: der Rapper Haftbefehl Foto: RapMag/Echte Musik

Stuttgart - Genie und die Lust am derben Sprachwitz müssen einander nicht ausschließen. Wolfgang Amadeus Mozart schrieb 1777 an seine Cousine die Zeilen: „Oui, par ma la foi, ich scheiss dir auf d’ nasen, so, rinds dir auf d’koi. appropós. haben sie den spuni cuni fait auch?“ Stilistisch und inhaltlich ist das durchaus charakteristisch für die Briefe des Komponisten, in denen er gern in ein kaum verständliches, völlig überdrehtes Kauderwelsch verfiel – wie ja auch in dem Kanon „Bona Nox“, der zum Standard­repertoire des Musikunterrichts gehört.

Nun ist unwahrscheinlich, dass der Offenbacher Rapper Haftbefehl jemals Briefe von Mozart gelesen hat; unwahrscheinlich ist auch, dass irgendwann die Lieder dieses Künstlers, dessen Namen man „Chaftbefehl“ ausspricht, als klebe ein Stückchen Döner deluxe am hintersten Gaumenzipfel, in der Schule gelehrt werden. Trotzdem erinnert die polyglotte Poesie des Musikers zumindest ein bisschen an Mozarts freche Verse – obgleich es bei dem Gangster-Rapper, der derzeit zu den angesagtesten Hip-Hop-Künstlern der Republik zählt und heute im LKA in Stuttgart auftritt, ein kleines bisschen härter zur Sache geht.

„Mach bloß keine harakets“

„Chabos wissen, wer der Babo ist /Hafti Abi ist der, der im Lambo und Ferrari sitzt / Saudi Arabi money rich / Wissen, wer der Babo ist /Attention, mach bloß keine harakets / Bevor ich komm und dir deine Nase brech’“, beginnt Haftbefehls bekanntester Song „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Die Titelzeile ist längst zum geflügelten Wort avanciert. Sie bedeutet ins Hochdeutsche übersetzt in etwa: „Die Jungs wissen, wer der Chef ist.“ Und die aggressive musikalische Untermalung der Reime, die sich aus Versatzstücken des Deutschen, Englischen, Türkischen, Kurdischen oder Arabischen zusammensetzen, sowie der martialische Habitus des Rappers lassen keinen Zweifel, wer in Haftbefehls Augen das Sagen hat: nämlich er selbst. Und das längst nicht mehr nur in Offenbach.

Dabei muss der Erfolg von Aykut Anhan – so heißt der 27-jährige Musiker mit bürgerlichem Namen – eigentlich erstaunen. In Sachen deutschsprachigem Hip-Hop war 2012 der Stuttgarter Rapper Cro groß durchgestartet, und zwar mit braven, intellektuell überschaubaren Texten, die man auch den eigenen Eltern vorspielen kann; die Zeit des Gangsterraps, den etwa das Label Aggro Berlin und Musiker wie Kool Savas oder Bushido im vergangenen Jahrzehnt hierzulande nach amerikanischem Vorbild etabliert hatten, schien vorbei.