Stuttgart - Noch einmal klicken die Handschellen der Angeklagten, noch einmal Sicherheitskontrollen vor dem Saal der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim, noch einmal großer Medienaufmarsch: Nach fast einem Jahr ging am Donnerstag der große Osmanen-Prozess vor dem Landgericht zu Ende. 50 intensive Verhandlungstage unter hohen Sicherheitsvorkehrungen hatte es gebraucht, ehe der Richter Joachim Holzhausen Haftstrafen bis zu sechseinhalb Jahren ausspricht – wegen zahlreicher Gewalttaten, Menschenhandels, Zwangsprostitution und räuberischer Erpressung. Der Osmanen-Gründer und „Weltpräsident“ Mehmet Bagci erhält nur acht Monate Haft auf Bewährung, weil er einen Zeugen beeinflusst haben soll.
Wie sich das Osmanen-Netzwerk ausbreitete
„Die Osmanen waren keine streng hierarchische Organisation, eher ein Franchise-System“, zeichnet Holzhausen in seiner Urteilsbegründung ein Bild des im Juli 2018 verbotenen Juli vergangenen Jahres verboten Boxclubs Osmanen Germania. „Jeder, der genug Geld mitbrachte, konnte ein Chapter gründen.“ Entstanden ist die Organisation im Mai 2015 in Frankfurt, aus einem Vorläuferclub mit Nähe zu türkischen Hells-Angels-Mitgliedern. Mehmet Bagci und sein Vize Selcuk Sahin spalteten sich ab und gründeten den „Boxclub Osmanen Germania“. Dieser wuchs schnell bundesweit an.
„Es entstanden viele Chapter mit regem Eigenleben“, resümiert Holzhausen. Zunächst kooperierten Bagci und Sahin gut mit der Polizei. Doch dann seien aufgrund des schnellen Wachstums der rockerähnlichen Vereinigung „schwer führbare“ Mitglieder aufgenommen worden. So habe es immer wieder Straftaten gegeben – was in Hessen zur Gründung der Ermittlungsgruppe „Shade“ beim dortigen Landeskriminalamt geführt habe. „Das Ziel war damals schon, die Osmanen zu verbieten“, sagt der Richter.
Im Herbst 2016, so die Erkenntnisse der Strafkammer, wurde auch in der Region Stuttgart ein Chapter gegründet, wobei dieses tatsächlich in Nagold ansässig war und nur den Namen „Stuttgart“ trug. Nach kurzer Zeit wurde Levent Uzundal Präsident – und hatte, wie viele Zeugen im Prozess berichten, zunehmend Probleme mit seinem Stellvertreter, Mustafa K. Der Richter Joachim Holzhausen beschreibt diesen so: „Ein gewaltverliebter Möchtegern-Chef mit paramilitärischen Ambitionen.“
Immer wieder habe sich Gewalt in „absurden Strafaktionen“ gegen Aussteiger oder interne Kritiker entladen. Etwa in Altbach (Kreis Esslingen) oder Dettingen (Kreis Reutlingen). Die Abtrünnigen mussten sich, wie in der Verhandlung herausgearbeitet wurde, mit einem Messer ins Bein stechen, wurden brutal geschlagen – einer musste danach sein eigenes Blut aufwischen. Auch in Baden-Württemberg gründete das LKA eine Ermittlungsgruppe namens „Meteor“, überwachte die Mobiltelefone der Osmanen-Anhänger – und sammelte Beweise.
Zähne mit Rohrzange ausgeschlagen
Schließlich eskalierte die Gewalt Anfang Februar 2017 in Herrenberg (Kreis Böblingen) bei einer Abstrafungsaktion gegen einen missliebigen Osmanen-Ortschef aus Stadtallendorf bei Gießen (Hessen). Dieser Fall stand im Mittelpunkt des Prozesses, der Staatsanwalt Michael Wahl sprach in seiner Anklage zunächst von versuchtem Mord. Ein Konflikt zwischen dem hessischen und dem Stuttgarter Präsidenten ging dem nach Überzeugung des Gerichts voraus, es ging um Frauen, Lügen und die zehn Grundregeln der Osmanen, an deren Ende immer eine klare Ansage steht: Das Wort des Präsidenten ist Gesetz.
Nach einem Türkeiurlaub wurde der hessische Ortschef in der Herrenberger Wohnung des Stuttgarter Präsidenten Levent Uzundal nach Einschätzung von Holzhausen malträtiert: Der mittlerweile in die Türkei geflohene Mustafa K. schlug ihm Zähne mit einer Rohrzange aus, schoss ihm ins Bein. Aber verantwortlich für diesen Gewaltexzess sei Uzundal – wie auch der Osmanen-Vizepräsident Selcuk Sahin. Akribisch listet der Richter Joachim Holzhausen Telefonprotokolle und Zeugenaussagen auf, um dies zu belegen. Das ist entscheidend für die sechseinhalb Jahre lange Haftstrafe gegen den Stuttgarter Osmanenchef Uzundal, den das Gericht aber auch für viele weitere Straftaten bundesweit verantwortlich macht.
Polizei verhinderte wohl Messerstecherei in Wuppertal
Uzundal soll in einer internen Auseinandersetzung in Wuppertal mit den Worten „Der muss weg, sonst mache ich das Chapter platt“ nach Überzeugung des Richters den Auftrag gegeben haben, den inzwischen durch die RTL-Sendung „Stern-TV“ bekannten Aussteiger „Cebo“ abzustrafen. Es wäre zu einer großen Messerstecherei in Wuppertal gekommen, hätte nicht jemand die Polizei verständigt.
„Völlig sinnloses Gewaltgeschehen“, sei das, schätzt Richter Holzhausen ein. „Das ist nur mit dem absurden Ehrbegriff der Osmanen zu erklären.“ Nach seinem Spruch muss auch der oberste Osmanen-Vize Sahin knapp dreieinhalb Jahre ins Gefängnis, der ehemalige „Waffenmeister“ des Stuttgarter Chapters knapp viereinhalb.
Das Verfahren zu einer straßenkriegsartigen Szene in Ludwigsburg im November 2016, als 20 Osmanen auf Kurden eingeprügelt haben sollen, wurde eingestellt – möglicherweise war es eine Verwechslung, ein Täter war nicht zu finden.
Osmanen bei Gefangenen „nicht gerade beliebt“
Der Mammutprozess verlief ohne Zwischenfälle, nach anfänglich starkem Medien- und Zuschauerinteresse kamen zuletzt nur wenige Zuhörer. „Die Sicherheitsvorkehrungen waren notwendig“, betont der Richter Joachim Holzhausen. In früheren Verfahren, etwa zu einer Auseinandersetzung zwischen Türken und Kurden 2016 am Esslinger Obertor, habe es Schlägereien im Gerichtssaal gegeben. Die strengen Haftbedingungen seien zum Schutz der Angeklagten erlassen worden: „Die Osmanen sind bei anderen Gefangenen nicht gerade beliebt.“
Die politische Dimension, also der ethnische Konflikt der Volksgruppen und mögliche Verbindungen in die Türkei, waren kein Thema. „Wir sind nicht mit Blindheit geschlagen, wir sehen das auch“, erklärt Holzhausen in seinem Urteil, „aber dazu hatten wir nichts Handfestes.“ Daher habe man darauf geachtet, die politische Ebene nicht mit der von kriminellen Taten zu verquicken, wie der Richter betont: „Das dürfen politische Beobachter, das dürfen die Medien, aber wir als Strafkammer dürfen es nicht.“
Offenbar kommen Holzhausens Abwägung und Tonfall an: Zahlreiche der verurteilten Ex-Osmanen erklären sofort, auf Revision zu verzichten.