Hallenfußball Mit „Brazzo“ und „Schweini“: Zwei Stuttgarter in der Kings League

Ex-Bundesliga-Profi und Teamkapitän Moritz Leitner, Marcel Avdic und Vater Samir vom Team Era Colonia (von links) sowie Hasan Salihamidzic, Präsident bei No Rules FC. Foto: /privat

Kleines Spielfeld, kurioses Regelwerk – und ganz nah dran am Puls der Jugend: Marcel Avdic und sein Vater Samir sind in der neuen Hallenfußball-Liga dabei. Ein Abenteuer mit bekannten Fußballgrößen und manchem Internet-Star.

Sport: Dominik Grill (grd)

Wenn Fußballer ihre Profi-Karriere beenden, stellt sich ihnen die Frage: Wie geht es weiter? Die Möglichkeiten sind breit gestreut: Ausklang in den Niederungen des Amateurfußballs, ein Expertenjob am Mikro, Wechsel in eine andere Branche – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Seit einigen Jahren wird eine weitere Alternative immer populärer: Hallenfußball, aufgepeppt mit Hilfe der Videostreaming-Plattform Twitch und mitunter skurrilen Sonderregeln. Prominentestes Beispiel hierzulande: die Baller League, die im vergangenen Jahr von den Ex-Weltmeistern Lukas Podolski und Mats Hummels gegründet wurde. Als Konkurrenz tritt seit diesem Frühjahr die Kings League an. Mit an Bord sind neben bekannten Fußballgrößen auch völlig genrefremde Protagonisten: Streamer und Influencer wie Papaplatte und Reeze schlagen die Brücke zur Online-Jugendkultur.

 

„Das ist der neue Fußball“, sagt Marcel Avdic. „Es geht darum, zwei Welten miteinander zu verbinden: Streamer auf der einen Seite und Fußball auf der anderen.“ Der 34-jährige gebürtige Stuttgarter ist selbst Ex-Profi, kickte einst in der dritten Liga für die Spvgg Unterhaching und Kickers Offenbach. Zuletzt versuchte er sich auf dem Trainerposten: Bis der Chefcoach Andreas Contino im Dezember hinwarf, war er spielender Co-Trainer beim Bezirksligisten Spvgg Cannstatt. Die gleiche Rolle hat er nun in der Kings League bei Era Colonia inne. Mit vier Siegen in vier Spielen steht das Team an der Spitze des Klassements, hat beste Chancen auf die Play-offs. Gespielt wird bis 4. Mai an insgesamt acht Tagen jeweils in Köln.

Eine neue Ära des Fußballs also? Für Avdic schon – wobei er sich zugleich an die „gute alte Zeit“ zurückerinnert: „Wir sind auf Asche und Asphalt groß geworden. Diese Straßen- und Bolzplatzmentalität gibt es im normalen Fußball kaum noch, in der Kings League aber schon“, sagt er und kritisiert: „Heute ist der Fußball so taktisch und physisch, kaum jemand traut sich mehr, ins Eins-gegen-Eins zu gehen.“

Ganz anders in der Kings League. Ähnlich wie Futsal lebt das Konzept von seiner großen Dynamik. Auf einem Kleinfeld treten sieben Spieler pro Team an, die Spieldauer beträgt zweimal 20 Minuten. Der Clou sind kuriose Sonderregeln und involvierte Internetpersönlichkeiten, die mit Fußball eigentlich so gar nichts am Hut haben, aber mit teils enormen Reichweiten besonders das jüngere Publikum ansprechen. So zum Beispiel die beiden Streamer und Musiker Zarbex und Filow. Auf YouTube, Twitch und Tiktok folgen ihnen Hunderttausende. In der Kings League sind sie die sogenannten Präsidenten des Avdic-Clubs Era Colonia – dabei ist Fußball für sie Neuland. „Mir haben die beiden vorher nichts gesagt“, gibt Avdic zu.

Doch an Fußballprominenz mangelt es dem Format längst nicht: Ins Leben gerufen wurde die Kings League 2022 in Spanien von Gerard Piqué, Weltmeister mit La Furia Roja und Ikone des FC Barcelona. Der nun gestartete deutsche Ableger steht unter der Schirmherrschaft von Bastian Schweinsteiger. Ein anderer Ex-Star des FC Bayern musste gegen Avdics Colonia-Team gerade eine Niederlage einstecken: Hasan Salihamidzic ist einer der Präsidenten des No Rules FC, der ein 3:6 kassierte. Für Avdic war es eine ganz besondere Begegnung. „Brazzo ist mein Landsmann und war immer ein großes Idol“, schwärmt er – das obligatorische Foto samt Umarmung durfte nicht fehlen.

Zum Mann des Spiels wurde derweil Diego Biseswar gekürt, der einst bei Feyenoord Rotterdam kickte und gegen die Brazzo-Sieben einen Viererpack erzielte. Kurios: In der Nachspielzeit brachte auch Colonias Oktay Dal vom Regionalligisten Wuppertaler SV vier Tore auf die Anzeigetafel – dabei netzte er nur zweimal ein, jeweils in beide Tore. Möglich machte es eine Regel, die für Last-Minute-Spannung sorgen soll: In den letzten zwei Minuten des Spiels sowie in der Nachspielzeit zählen die Treffer doppelt – das gilt auch für unglückliche Eigentore. „Das Spiel kann von jetzt auf gleich umschwenken, das macht das Ganze viel interessanter für den Zuschauer“, beschreibt Avdic den Reiz dieses ungewöhnlichen Konzepts.

Er selbst wurde von alten Bekannten nach Köln gelotst. „Die Fußballwelt ist klein und sie haben einen echten Straßenkicker gesucht“, erzählt Avdic. Zusammen mit seinem Vater Samir, der dem Team mit Rat und Tat zu Seite steht, und dem Cheftrainer Abdenour Amachaibou (einst Stuttgarter Kickers), ist er fürs Sportliche zuständig – während die Präsidenten Zarbex und Filow für Unterhaltung abseits des Spielfelds sorgen.

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