Wer sich durch die Geisterlandschaft von Birgit und Wolfgang Lüneberg traut, wird mit Süßigkeiten belohnt. Das hat sich bei den Kindern im Stadtteil Hegensberg längst herumgesprochen.
Eine fette, schwarze Spinne mit blutroten Augen hat die Palme im Vorgarten mit einem dichten Netz überzogen. Ein andere klettert an dicken Fäden die Hausfassade hinauf. Im Vorgarten steht ein Galgen, an dem ein Skelett baumelt. Daneben taucht ein Totenkopf aus einer Toilettenschüssel auf. „Jetzt muss es nur noch dunkel werden“, sagen Birgit und Wolfgang Lüneberg voller Vorfreude. „Wenn die Beleuchtung angeht, ist die Grusel-Szenerie perfekt.“
Für jeden Passanten ist unübersehbar: Das Ehepaar ist auf Halloween bestens vorbereitet. Schon Tage vor dem 31. Oktober haben die beiden vor ihrem Haus im Esslinger Stadtteil Hegensberg eine Landschaft zum Fürchten aufgebaut. „Das war dieses Jahr eine echte Herausforderung. So viele Reißnägel habe ich noch nie gebraucht“, scherzt Birgit Lüneberg. Wind und Regen zu Wochenbeginn hatten der Deko ganz schön zugesetzt. Inzwischen hat ihr Mann Wolfgang kleinere Schäden an den Spinnweben aus Watte behoben und auch geprüft, ob die batteriebetriebenen „Spezialeffekte“ trotz der Nässe alle noch funktionieren. Am Halloweenabend soll es schließlich richtig schön gruselig werden in der Breitingerstraße.
Ein alter Brauch wird an Halloween gepflegt: Für Kinder gibt es Süßigkeiten
Sie selbst könnten mit Halloween eigentlich nicht viel anfangen, räumen die beiden Rentner ein. Früher sei dieser inzwischen so beliebte Brauch ja kein Thema gewesen. „Wir machen das für die Kinder im Ort“, betont die 63-Jährige, die in Hegensberg aufgewachsen und stark verwurzelt ist. Die gespenstische Dekoration sei eine Einladung: Auf der Jagd nach Süßigkeiten dürfen sie gern bei den Lünebergs klingeln. Dutzende kleine Tütchen mit Brausebonbons, Geleebananen und Fruchtgummi in Form eines Gebisses liegen dafür parat. Herausgerückt werden die Naschereien aber nur, wenn die kostümierten Geisterfans einen Spruch aufsagen, sagt Birgit Lüneberg schmunzelnd. „Süßes oder Saures“ sei das Mindeste.
Seit mehr als zehn Jahren schon dekorieren sie ihr Haus zu Halloween – nur ein einziges Mal seien sie am 31. Oktober im Urlaub gewesen, berichtet Birgit Lüneberg. Angefangen hatte alles, als sie noch Inhaber von „Birgits Lädle“ waren – ihr Schreibwarenladen, in dem es auch Süßigkeiten, Spielzeug und Partygeschirr gab, war eine Institution in Hegensberg. „Zu uns kamen viele Schüler. Die fragten dann irgendwann, ob wir etwas zu Halloween machen würden“, erinnert sich Birgit Lüneberg. „Und wir wollten ihnen gern eine Freude bereiten.“
Anders als heute gab es damals jedoch kaum entsprechende Dekorationsartikel zu kaufen. Also bastelte Birgit Lüneberg aus alten, weißen Leinentüchern Geister, denen sie Fratzengesichter aufmalte und die dank kleiner Lichterketten leuchten. Die Fledermäuse sind aus schwarzem Karton. „Und die hier“, zeigt Birgit Lüneberg auf die filigranen schwarzen Spinnennetze in den Fenstern, „sind aus Mülltüten gemacht“. Das eher schlichte Holzkreuz stammt, wie viele weitere schaurig-schöne Dinge, von ihrem Mann, dem leidenschaftlichen Heimwerker.
Halloween-Haus in Esslingen: Am späten Abend ist der Spuk vorbei
Im Lauf der Zeit, ergänzt der 70-Jährige, sei immer mehr Gruseldeko hinzugekommen – unter anderem haben ein sprechender Kürbisgeist, jede Menge kleine Skelette und ein Spukspiegel, aus dessen Rahmen ein Totenkopf herauskommt, wenn jemand vorbeigeht, im Vorgarten ihren Platz gefunden. So üppig ausgestattet wie andere Halloween-Häuser ist ihres allerdings nicht. Und das sei auch gut so, findet das Ehepaar. Den Horror halten sie bewusst in Grenzen: „Die Kinder sollen sich gruseln, aber wir wollen ihnen keine Angst machen“, stellt Birgit Lüneberg klar.
Das kommt an: Rund 100 Kinder – überwiegend im Vor- und Grundschulalter, aber auch Teenager – würden Jahr für Jahr vor ihrem Halloween-Haus stehen, berichten die Lünebergs. „Es hat sich längst herumgesprochen, dass es bei uns immer etwas gibt.“ Sobald sie gegen 17 Uhr die Lichter im Vorgarten anschalten, kämen die ersten kleinen Gäste, die staunend und kichernd durch die eigens aufgebaute Grusellandschaft bis zur Haustür laufen und dort lautstark das begeherte Naschwerk einfordern. „Das geht dann so bis 21 Uhr“, erzählt Birgit Lüneberg.
Eine halbe Stunde später sei mit Rücksicht auf die Nachbarn aber Schluss, fügt Wolfgang Lüneberg hinzu. Das Licht werde ausgeschaltet, der Spuk sei damit vorbei. Am 1. November wollen die beiden die Halloween-Deko wieder abbauen – und einlagern bis zum nächsten Jahr.
Das steckt hinter Halloween
Fest
Der Brauch gilt als amerikanisch, was er in seiner heutigen, kommerzialisierten Form sicher auch ist. Aber ursprünglich hat Halloween europäische Wurzeln. Irische Einwanderer haben das Fest nach Amerika gebracht. Das Samhain genannte Fest wurde von den Kelten begangen, die in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November das Ende des Sommers und den Beginn des neuen Kalenderjahrs feierten. An diesem Abend, so der Glaube, stehen die Tore zur Unterwelt offen.
Rituale
Die Kelten glaubten, dass in dieser Nacht der Geister ihre Vorfahren zu Besuch kommen könnten und hießen sie mit kleinen Köstlichkeiten willkommen. Andere jedoch fürchteten, dass sich die Toten an ihnen rächen wollten und verkleideten sich daher totenähnlich und unheimlich, um böse Geister abzuwehren. Auch die Kürbisfratzen haben in Samhain ihren Ursprung – damals wurden allerdings ausgehöhlte Rüben verwendet, in die furchterregende Gesichter geschnitzt wurden.