Haltungsfehler, Schmerzen und Co. Warum ein gerader Rücken wichtig ist
Wer den geraden Gang nicht pflegt, bekommt nicht nur auf Dauer Rückenschmerzen, sondern wirkt auch nicht selbstbewusst. Was Orthopäden und Benimmexperten raten.
Wer den geraden Gang nicht pflegt, bekommt nicht nur auf Dauer Rückenschmerzen, sondern wirkt auch nicht selbstbewusst. Was Orthopäden und Benimmexperten raten.
Stuttgart - Es ist kein Wunder, dass der Volksmund dieser Pein den Namen „Hexenschuss“ gegeben hat. Der plötzliche Schmerz zwingt den Getroffenen in die Knie. Und die Hexe trifft nahezu jeden: Das Stechen im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule gehört Studien zufolge zu den häufigsten Rückenleiden. Rund 20 Millionen Bundesbürger gehen mindestens einmal pro Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. 25,4 Prozent der Fehltage im ersten Halbjahr 2021 gehen Krankenkassen zufolge auf Erkrankungen des Bewegungsapparats zurück. In den Jahren zuvor lag der Anteil zwischen 22 und 23 Prozent.
Der Rücken des modernen Menschen scheint den Anforderungen des Alltags nur mäßig gewachsen zu sein. Wer sich mit dem komplexen Verbund aus Knochen, Gelenken, Muskeln und Nervensträngen befasst, erkennt rasch: Je mehr der Mensch den aufrechten Gang pflegt, desto weniger Probleme bekommt er mit seiner Haltung. Demgegenüber führt vor allem unergonomisches Sitzen zu vermehrten Rückenbeschwerden.
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Rein physiologisch betrachtet ist die menschliche Wirbelsäule ein Erfolgsmodell der Evolution vom Vier- zum Zweibeiner: Sie sei flexibel und dennoch ungemein robust, erklärt Hassan Allouch, Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie in der Atos Klinik Stuttgart. Der Aufbau der 24 beweglichen Wirbel, kombiniert mit 23 Bandscheiben, lässt den Menschen gehen, rennen und springen. Doch mehr und mehr muten wir dem Bewegungsapparat eine Gefahr zu, für die er eigentlich nicht geschaffen ist: den Stillstand.
Ein Blick in die Büros und Homeoffices zeigt die Allerweltshaltung: den Kopf vorgeschoben, der Nacken kurz und geknickt. Und je länger das Sitzen vor dem Monitor andauert, desto höher werden die Schultern gezogen, der Rücken buckliger gemacht. Die Coronapandemie hat den Trend verstärkt. Denn am heimischen Arbeitsplatz fehlt es oft an ergonomischem Mobiliar – Tisch, Stuhl, Computer bilden keine harmonische Einheit. Bei den dadurch angeeigneten Haltungsfehlern könne die Wirbelsäule nur noch kapitulieren, meint der Mediziner Hassan Allouch. „Der Druck, der da auf den Bandscheiben lastet, ist anderthalb- bis zweimal so groß wie im Stehen.“
Das Gewicht des Oberkörpers erzeugt im Sitzen den stärksten Druck in den unteren Bandscheiben der Lendenwirbelsäule. Kurzzeitig sei das für die Wirbelsäule kein Problem, so Allouch. Ihre Krümmung in Form eines doppelten S mache sie weitaus widerstandsfähiger, als es ein gerader Stab wäre. Doch im Schnitt sitzt ein Bundesbürger siebeneinhalb Stunden am Tag – zu lange für das Rückgrat. Kein Wunder also, dass viele Ärzte das lange Sitzen verteufeln.
Das Streben nach Haltung ist eine Menschheitsaufgabe, die nicht erst mit dem Siegeszug des Computerarbeitsplatzes relevant wurde: Als „Kunst, bey den Kindern die Ungestaltheit des Leibes zu verhüten und zu verbessern“ – so verstand der französische Arzt Nicolas Andry das Wort Orthopädie. Im 18. Jahrhundert ging es vor allem darum, Fehlbildungen bei Kindern durch frühzeitige Korrekturen auszugleichen und sie das aufrechte Gehen zu lehren. Dazu konstruierten Orthopädiemechaniker schon vor 200 Jahren unterschiedliche Geräte und Schienen.
Im 19. Jahrhundert verbreitete sich in Deutschland verstärkt die Annahme, dass Kinder grundsätzlich in ihrem Wachstum unterstützt werden müssten, erklärt Pierre Pfütsch vom Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart: Der Orthopäde Moritz Schreber etwa, Namensgeber der Kleingartenkultur, baute diverse Apparaturen wie orthopädische Kinnbänder, um Fehlbissen vorzubeugen – oder Schulterriemen, die das Kind im Bett in Rückenlage hielten. „Bekannt wurde sein sogenannter Geradehalter, bei dem eine Stange gegen das Schlüsselbein drückt und so eine gerade Sitzhaltung erzwingt“, schildert Pfütsch.
Auch die erwachsene Bevölkerung fand mehr und mehr Gefallen an der Idee, den Körper mithilfe von Technik aufzurichten: In Schweden entwickelte der innovative Mediziner Gustav Zander die Vorläufer der heutigen Fitnessgeräte, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts schnell auch in Deutschland Verbreitung fanden. „Vor allem in gebildeten Kreisen wurde die Körperertüchtigung an Zander-Maschinen zur Mode“, sagt Pfütsch.
Heute erleben solche technische Hilfsmittel eine kleine Renaissance. Im Internet gibt es beispielsweise kombinierte Schulter- und Rückengurte, die innerhalb von zwei Wochen die Haltung verbessern sollen – indem sie den Träger dazu zwingen, aufrecht zu gehen. Selbst Computerprogramme wurden schon entwickelt, die den Nutzer akustisch vor Fehlhaltungen und schmerzhaften Verspannungen bewahren sollen: So gab es in Großbritannien Untersuchungen, bei denen Musiker, die wortwörtlich zu tief in ihr Spiel und damit auch in ihrer Haltung versunken waren, mit Misstönen abgestraft wurden.
Das Streben nach einer möglichst geraden Haltung ist keineswegs eine rein physiologische Angelegenheit: Die Körperhaltung, so sagen es Benimm-Experten, ist eine Sprache, die jeder versteht. „Wer sich gerade hält, wird als gesund, empathisch und leistungsbereit eingeschätzt“, sagt Linda Kaiser, die stellvertretende Vorsitzende der Deutsche-Knigge-Gesellschaft. In den Kursen der Benimm-Trainer wird seit jeher auch auf das Erscheinungsbild der Teilnehmer geachtet: „Wir schauen darauf, dass unsere Klienten sich möglichst aufrecht halten“, sagt Kaiser. Die Regeln hierfür sind eigentlich einfach: „Hals und Kinn sollten unbedingt einen rechten Winkel bilden, wobei die Kinnlinie parallel zum Boden verlaufen sollte“, sagt die Benimm-Expertin. Nur nicht den Kopf zu hoch halten – sonst wirke man hochnäsig, bevor eine Konversation in Gang kommt.
Aufgrund der Coronapandemie wurde das Kursprogramm angepasst: Inzwischen lernen die Teilnehmer bei den Knigge-Trainern auch, wie sie sich im Homeoffice bei Videokonferenzen bestmöglich repräsentieren können. „Auch im Sitzen ist eine gute Haltung Pflicht und kann seinem Gegenüber schon nonverbal Kompetenz und Seriosität vermitteln“, sagt Kaiser.
Natürlich hat es auch Zeiten gegeben, in denen eine solch körperbetonte Sprache missbraucht und für perverse Zwecke ausgenutzt wurde: In der Nazizeit propagierte man den gesunden, athletisch deutschen Körper mit starkem Rückgrat als das Ideal. In Kindergärten wurden die Pädagoginnen dazu angehalten, den deutschen Nachwuchs in erster Linie zur körperlichen Leistungsfähigkeit zu erziehen. „Die disziplinierte äußere Haltung ist die notwendige Erscheinungsform jener inneren Haltung der wachen oder wiederentdeckten nordischen Rassenseele“, heißt es etwa in der 1937 erschienenen Fachzeitschrift „Kindergarten“.
Woher kommt dieser menschliche Reflex, von der Haltung sofort auf die Fähigkeiten eines Menschen zu schließen? „Weil unsere Körperhaltung und unser Bewegungsapparat durchaus auch etwas mit unserer Psyche zu tun haben“, sagt Martin Bürgy, Ärztlicher Direktor der Klinik für Spezielle Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. Vereinfacht gesagt: Die Art und Weise, wie wir unseren Körper bewegen, beeinflusst die Stimmung. Wer traurig ist, sitzt eher zusammengesunken da, derweil sind fröhlich gestimmte Menschen oft dynamischer im Gang und haben eine offenere Körperhaltung.
Auch Martin Bürgy erkennt schon anhand der Körpersprache seiner Patienten, wie es um deren seelische Gesundheit bestellt ist. „Wenn etwas auf der Seele lastet, zeigt sich das oft in einer gebeugten Haltung oder in einer erstarrten Mimik und Gestik“, sagt der Psychiater. Es ist, als würde die innere Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit, die diese Erkrankung verursacht, sämtliche Energie aus dem Körper ziehen. „Bei Menschen mit Depressionen treten Kopf- und Rückenschmerzen oft als Begleitsymptom auf.“
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Kognitionswissenschaftler untersuchen verstärkt das Miteinanderwirken der körperlichen und psychischen Reizverarbeitung. Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover gingen sogar so weit, bei depressiven Menschen die Zornesfalte an der Stirn mit Botox zu lähmen – mit dem Ergebnis, dass sich knapp zwei Monate nach der Behandlung bei rund 60 Prozent der Teilnehmer die Stimmung deutlich verbessert hat.
Auch die Körpertherapie nimmt immer mehr Einfluss in der Behandlung von psychischen Erkrankungen. „Man versucht an der physischen Haltung zu arbeiten, um so auch die seelische Gesundheit zu unterstützen“, sagt Bürgy. So haben Studien schon herausgefunden, dass Sport bei Patienten mit Depressionen oft ebenso gut wirkt wie Antidepressiva. Es schadet also nicht, ein Bewusstsein für den Körper zu schaffen, das die Auswirkungen der eigenen Körperhaltung erkennt, sagt Bürgy. Das könne helfen, aus eingefahrenen Bewegungsabläufen auch mal auszubrechen.
In Asien werden seit Jahrtausenden Übungen aus bewussten Bewegungen praktiziert, um sowohl Körper als auch Geist in einen gesunden Einklang zu bringen. Die Techniken von Yoga, Tai-Chi und Qigong beispielsweise dehnen und kräftigen die Muskeln, fördern Balance und Haltung und stärken die Wahrnehmung des Körpers. Die positive Wirkung gerade bei Patienten mit Kreuzschmerzen ist wissenschaftlich belegt.
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Doch es brauche nicht unbedingt einen Yogakurs, um die Haltung zu verbessern, macht der Wirbelsäulenspezialist Allouch Mut: Es würde schon helfen, sich im Alltag anzugewöhnen, möglichst rückenschonend aufzustehen, Lasten zu tragen oder am Schreibtisch zu sitzen. Ferner sei bei der Arbeit der regelmäßige Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Gehen wichtig. Auch täglich ein paar Minuten für ein paar Spannungsübungen zu opfern, könne Haltungsschäden und damit auch Rückenschmerzen vorbeugen.
„Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, morgens nach den Lehren der Rückenschule die Wirbelsäule zu kräftigen, um sie für die täglichen Anforderungen zu stärken“, sagt Allouch. Erst nehme er sich den Bereich der Halswirbelsäule vor und schließlich den unteren Rücken. Von Hexenschüssen, sagt der Rückenexperte, sei er seither verschont geblieben.