Hanau in Schockstarre Dem Massaker folgt die Angst

Spuren einer grauenhaften Mordserie: Eines der abgefeuerten Projektile des Hanauer Attentäters liegt auf dem Gehweg vor einem Tatort. Foto: AP/Michael Probst

Nach den Anschlägen in Hanau ringen die Menschen vor Ort um Fassung. Jene Einwohner, die ausländische Wurzeln haben, beschleicht das lähmende Gefühl einer latenten Bedrohung. Wie geht man damit um?

Hanau - Am Mittwochabend hat ein Nachbar Tobias R. noch gesehen, beim Zigarettenholen. Er sei zwischen 19 und 20 Uhr in T-Shirt und kurzer Hose zum Zigarettenautomaten gegenüber gelaufen und habe wie immer kurz gegrüßt. Nur zwei Stunden später, um 22 Uhr, eröffnete R. in einer Shisha-Bar im Zentrum der hessischen Stadt Hanau das Feuer. Dann fuhr er zurück in den Vorort Kesselstadt und schoss in einem Imbiss und einem benachbarten Kiosk um sich, wie ein Augenzeuge der türkischen Zeitung „Hürriyet“ berichtete. Neun Menschen kamen bei den Angriffen ums Leben, sechs weitere wurden verletzt. Am frühen Morgen drang die Polizei in das Reihenhaus der Familie R. in Kesselstadt ein und fand den 43-Jährigen tot auf, genau wie seine 72-jährige Mutter. Der Vater wurde von der Polizei als Zeuge mitgenommen.

 

Nayil Adil war ganz in der Nähe des ersten Tatorts, als die Schüsse fielen. Er saß in einer Kneipe nahe der Shisha-Bar Midnight. „Dann kam jemand rein und rief: ‚Hier werden Leute getötet‘“, berichtet er am Donnerstag. Nun steht er gegenüber dem von der Polizei abgesperrten Lokal und kann es noch immer nicht fassen. Er habe Tobias R. früher öfter gesehen, als er selbst noch in Kesselstadt wohnte. „Er wirkte harmlos.“

„Der hat immer gegrüßt“

Auch als Sportschütze ist der Täter nach Angaben seines Vereins nicht mit fremdenfeindlichen Übergriffen in Erscheinung getreten. „Er war total unauffällig“, sagte der Präsident von SV Diana Bergen-Enkheim, Claus Schmidt.

So empfand es auch das Ehepaar T., das in derselben Reihenhaussiedlung lebt wie Familie R. Als sie nach ersten Berichten über die Schießereien Polizeihubschrauber hörten, „bin ich überhaupt nicht darauf gekommen, dass die unseren Nachbarn suchen könnten“, berichtet die Frau. Doch dann seien die Einsatzfahrzeuge gekommen, und gegen 3 Uhr nachts hätten sie gehört, wie in der Nähe eine Tür aufgesprengt wurde. Die ganze Nacht hätten sie und ihr Mann kein Auge zugetan, erst nach fünf Uhr konnten sie ein wenig schlafen. Die in Pakistan geborenen Eheleute kannten R. vom Sehen. „Der war immer ganz schnell, hat gegrüßt, aber dann sofort weggeguckt“, sagt die Frau.

Als feindselig haben sie den 43-jährigen Mann, der laut Augenzeugenberichten gezielt auf Türken und auf andere Menschen mit Migrationshintergrund schoss, nicht empfunden. Doch die Blutnacht hat alles geändert. Die Eheleute haben Angst und wollen ihre Namen nicht veröffentlicht sehen. „Wenn da so viel Hass war – warum hat er nicht einfach mich getötet?“, fragt sich der Mann, dem R. auf dem Weg zum Zigarettenautomaten begegnet war. „Es hätte uns allen passieren können“, sagt auch eine junge Türkin, die mit ihren beiden Freundinnen von der Straße gegenüber auf einen der Tatorte blickt. Es ist der 24/7-Kiosk, laut Aufschrift „sieben Tage die Woche und 24 Stunden für Sie geöffnet“. Über der Fensterfront steht zusätzlich „Arena Bar + Café“. Der Kiosk liegt im Erdgeschoss eines Wohnblocks neben einem Supermarkt. Es ist das Einkaufszentrum im Westen Kesselstadts, zu dem neben der Reihenhaussiedlung zahlreiche Mietblocks und einige kleinere Hochhäuser aus den 60er Jahren gehören.

Schüsse wie Silvesterböller

„Am Kiosk ist ein Bekannter von mir erschossen worden“, sagt ein junger Passant, André Kuhfeld. „Man ist einfach sprachlos.“ Viele Anwohner holten sich in dem kleinen Laden morgens ihren Kaffee, auch ein paar Spielautomaten stehen dort. „Den Besitzer des Kiosks kannte hier jeder“, berichtet die 19-jährige Türkin. Und in der Shisha-Bar, dem ersten Tatort, sei sie vor nicht einmal drei Wochen selbst mit ihren Freundinnen gewesen. „Dass ein Mensch so ausländerfeindlich ist, ist krass. Gerade als Türkin macht man sich da schon Gedanken.“

Auch Kadir Köse wirkt immer noch betroffen. Der Gastronom betreibt das Blind Rabbit in der Hanauer Innenstadt, schräg gegenüber der beiden Bars, wo am späten Mittwochabend das grausame Verbrechen seinen Anfang nahm. „Ich stand an der Theke, als ich plötzlich Schüsse gehört habe“, berichtet er. Das sei so laut gewesen, dass er zunächst an Silvesterböller gedacht habe. Er sei auf die Straße gelaufen und habe Menschen am Boden gesehen. „Dann bin ich wieder reingerannt, um meinen Gästen zu sagen, dass sie vom Fenster wegbleiben sollen.“ Wenig später seien mehrere Polizeiwagen vorgefahren.

Jetzt stehen Menschen vor den Absperrungen der Polizei. Noch immer sind Ermittler in weißen Schutzanzügen im Einsatz. Passanten stehen zusammen, einige unterhalten sich leise, manche schluchzen, viele schweigen. Mehrere Frauen kommen vorbei, eine von ihnen weint hemmungslos und muss gestützt werden.

Kleine Probleme gab es. Aber ein Massaker?

Zu diesem Zeitpunkt ist bereits bekannt, dass der Täter ein ausführliches Bekennerschreiben und ein ausländerfeindliches Video hinterlassen hat. Seine Botschaften wiesen neben „wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien eine zutiefst rassistische Gesinnung“ auf, erklärt am Nachmittag Generalbundesanwalt Peter Frank, der die Ermittlungen an sich gezogen hat. Nun werde man prüfen, ob es Mittäter oder Unterstützer gegeben habe.

Der Hanauer Bürgermeister Claus Kaminsky ruft am Vormittag zu einer Mahnwache für die Opfer auf. Die letzten Stunden „gehören zu den bittersten und traurigsten Stunden, die diese Stadt in Friedenszeit jemals erlebt hat“. All diejenigen in der Stadt, die aus anderen Kulturkreisen oder Ländern stammen, könnten sich darauf verlassen, „dass wir an ihrer Seite stehen“, erklärt der SPD-Politiker. Von den 100 000 Einwohnern Hanaus haben rund 27 000 keinen deutschen Pass.

Gerade in Kesselstadt leben viele Migranten. Zeitweise habe es hier Jugendbanden gegeben, die jüngere Kinder verprügelten, berichtet Anwohnerin Karin Commissari. „Aber seit fünf Jahren hat die Polizei das im Griff.“ Die Rentnerin ist entsetzt, dass ihr Viertel nun durch Bilder einer Bluttat weltbekannt wird: „Gerade dieser Stadtteil hat eine erfolgreiche Entwicklung durchgemacht.“ In dem Viertel leben rund 11 500 Menschen. Andere Anwohner berichten von kleineren Problemen rund um die Hochhäuser.

Doch nun sind die Menschen im „Dorf“, wie viele ihre Siedlung liebevoll nennen, fassungslos. „Man hat jetzt das Gefühl, es kann alles passieren“, sagt eine junge Türkin. Eine 48-Jährige, die mit ihrem Hund unterwegs ist, zeigt sich tief geschockt. „Ich bin todtraurig“, sagt die Hanauerin, die ebenfalls ihren Namen nicht nennen möchte. Sie fügt hinzu: „Ich bin türkischstämmige Deutsche, ich hatte bisher keine Angst.“ Doch seit klar ist, dass der Todesschütze offenbar ein rassistisches Motiv hatte, „habe ich einfach nur noch Angst, vor die Tür zu gehen“.

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