Herr Zieker, die Handball-Fans freuen sich an diesem Mittwoch auf das Spielmacher-Duell Patrick Zieker gegen Kentin Mahé.
(lacht) Das ist zu viel der Ehre. Kentin ist ein abgezockter, enorm spielstarker Weltklasse-Spielmacher, der sein Ausnahmekönnen jahrelang in der französischen Nationalmannschaft gezeigt hat. Ob ich selbst wieder auf Rückraum-Mitte auflaufen werde, weiß ich noch gar nicht.
Beim jüngsten 26:25-Auswärtssieg beim HC Erlangen haben Sie in Ihrer neuen Rolle gleich gezündet.
Der Überraschungseffekt ist uns geglückt. Ich hatte einen Ideenaustausch mit Trainer Michael Schweikardt. Einen Tag vor dem Spiel hat er dann so entschieden, ohne dass wir im Training den ganz großen Fokus darauf legten.
Sie sind gelernter Linksaußen, haben Sie denn schon mal im Rückraum auf der Mittelposition gespielt?
Zu meiner Zeit beim TBV Lemgo war ich mal fünf, sechs Spiele als Spielmacher unterwegs. Wir hatten damals ein Wahnsinnsverletzungspech, Andrej Kogut, Jonathan Carlsbogard und Tim Suton fielen alle gleichzeitig aus.
Beim TVB sprangen Sie nun ein, weil der neu verpflichtete, 21 Jahre junge Spanier Bruno Reguart in den ersten beiden Spielen große Probleme hatte.
Es ist nie einfach für einen jungen, ausländischen Spieler, der die Sprache noch nicht beherrscht, sich in dieser Topliga auf Anhieb zurechtzufinden. In jedem Spiel geht es voll zur Sache, gerade auch physisch.
„Gewöhnungszeit zugestehen“
Die Zeit hat man als Profi aber nicht.
Das stimmt schon, zumal eben unser Nummer-eins-Spielmacher Max Häfner noch mindestens bis November ausfällt und Bruno nicht peu à peu an seiner Seite reinwachsen konnte. Dennoch muss man ihm eine gewisse Gewöhnungszeit zugestehen. Wir tun gut daran, ihn etwas aus der Schusslinie zu nehmen. Wenn er keine Qualitäten hätte, wäre er nicht hier. Zudem zeigt er diese in jedem Training.
Zunächst aber wird auf Routine gesetzt?
Wie gesagt, das wird man sehen. Aber ohne das Spiel beim HC Erlangen zu hoch hängen zu wollen – es ging schon um sehr, sehr viel. Es war Druck auf dem Kessel. Da reifte der Gedanke, verstärkt auf die erfahrenen Spieler zu setzen. Mit Kai Häfner und Lenny Rubin spielten zwei weitere Routiniers im Rückraum neben mir, das half auch mir.
Nicht wenige trauern mit Blick auf den bisherigen Saisonverlauf vor allem den Abgängen von Adam Lönn und Egon Hanusz nach. Sie auch?
Diese zwei Verluste tun schon weh. Adam war ein Führungsspieler auf dem Feld, auch außerhalb ein 1-a-Typ, wie es so viele auf der Welt nicht gibt. Egon ging immer voran, warf sich mit enormem Tempo in die Zweikämpfe. Aber: Solche Veränderungen sind Teil des Sports. Es gehören immer zwei Seiten dazu. Oft haben auch die Spieler andere Zukunftspläne.
Bürkle im Hintergrund
Wie intensiv ist eigentlich der Austausch mit dem Balinger Ex-Coach Jens Bürkle, der beim TVB seit Saisonbeginn zur Sportlichen Leitung gehört?
Hin und wieder ist er in der Halle. Er tauscht sich mit dem Trainerteam aus, auch mit Geschäftsführer Jürgen Schweikardt, aber Jens hält sich weitgehend im Hintergrund.
Stichwort Jürgen Schweikardt: Er sprach zuletzt vom Ziel Klassenverbleib. Außenstehenden kommt das nach Platz elf im Vorjahr ungewöhnlich vor.
Natürlich will sich der Verein nach vorne entwickeln, aber wir haben im Sommer sehr viel an Erfahrung verloren. Unser neu formiertes Team muss sich finden, dies ist Teil des Prozesses. Deshalb gilt es, in dieser verrückten Liga so früh als möglich den Klassenverbleib zu sichern, dann können wir uns immer noch Richtung Platz zehn orientieren.
Wer wird denn die zwei Abstiegsplätze am Ende belegen?
(lacht) Wir jedenfalls auf keinen Fall.
Ihr Ex-Club SG BBM Bietigheim, bei dem Sie von 2008 bis 2012 am Ball waren?
Die SG BBM ist mit Auswärtssiegen klasse in die Liga gestartet. Ich denke, die Chancen sind nicht schlecht, im dritten Anlauf erstmals länger drinzubleiben als nur ein Jahr.
„Wir gewinnen hauchdünn“
Und wie stehen die Chancen, dass der TVB am Sonntagabend nach zwei Heimsiegen mit 6:4 Punkten dasteht?
Oh, der Sonntag und das Spiel gegen die HSG Wetzlar sind noch weit weg. Jetzt zählt nur der Auftritt gegen den VfL Gummersbach. Sie werden nach zwei nicht unbedingt eingeplanten Niederlagen hintereinander heiß sein.
Wie geht’s aus?
Es wird ähnlich spannend wie beim HC Erlangen. Wir gewinnen hauchdünn.
Zur Person
Karriere
Patrick Zieker wurde am 13. Dezember 1993 in Ludwigsburg geboren. Der Linksaußen spielte in der Jugend für die HG Steinheim-Kleinbottwar und die SG BBM Bietigheim. 2012 wechselte er zum TBV Lemgo, ehe es ihn 2019 zum TVB Stuttgart zog. Dort hat er einen Vertrag bis 2025. In 17 Länderspielen erzielte er 32 Tore.
Persönliches
Zieker ist verheiratet mit Hannah. Das Paar hat die Söhne Theo (5) und Matti (3) sowie die Zwillingstöchter Amelie und Mathilda (1). Seine Hobbys sind Hunde und Kochen. (jüf)