„Die Enttäuschung ist bei keinem größer als bei mir selbst, und der Blick auf den Spielplan drückt die Stimmung noch mehr“, sagte Jürgen Schweikardt am Donnerstag. Panik bricht beim Geschäftsführer deshalb aber nicht aus: „Wir hätten das Spiel gegen Eisenach einfach cleverer und besser zu Ende bringen müssen. Vieles ist der Verunsicherung geschuldet, wir müssen jetzt die Ruhe bewahren.“ Arbeiten, arbeiten, arbeiten heiße das Motto, geredet habe man schon genug.
Häfner sieht „mehrere Baustellen“
Doch unerklärliche Fehler, Ballverluste, eine zu zaghafte Abwehr und eine „nicht bundesligataugliche zweite Welle“ (Trainer Michael Schweikardt) prägen immer wieder das Spiel des TVB. Die Mannschaft wirkt bisweilen leblos. Hinzu kommen Formkrisen und Verletzungsprobleme von Schlüsselspielern wie den Rückraumstrategen Adam Lönn und Jonas Truchanovicius, auch Neuzugang Kai Häfner konnte noch nicht die Akzente setzen, die man sich vom erfahrenen Nationalspieler erhofft hat. Wie er sich die Misere erklärt? „Wir haben mehrere Baustellen, wir kommen nicht in unseren Rhythmus und mit jedem Negativerlebnis nimmt die Verunsicherung zu“, sagt der 34-Jährige.
Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einer solchen Talfahrt auch der Trainer in die Kritik gerät. Im Mai 2023 war Michael Schweikardt von der Interims- zur Dauerlösung aufgestiegen und mit einem Vertrag mit 2025 ausgestattet worden. Jetzt macht er die schwierigste Phase durch. „Micha trägt die sportliche Verantwortung, er muss mehr Prozente aus der Mannschaft herausholen“, fordert sein Bruder Jürgen.
Diskussion um TVB Schweikardt
Bei Misserfolgen kommt sie immer wieder auf, die alte Diskussion vom TVB Schweikardt, Papa Günter ist neben Christian May aus dem Hause des Hauptsponsors Kärcher, Wolfgang Andrä (von der gleichnamigen Consulting Group), dem Unternehmer Klaus Mitterlindner und Rainer Heib einer von fünf Mitgliedern der Gesellschafterversammlung. „Wir haben eine absolut professionelle Struktur, die angelehnt ist an ein Wirtschaftsunternehmen. Aber ich verstehe jeden Fan, der nur von außen drauf schaut und diese Parole aufmacht“, sagt Jürgen Schweikardt.
Die, die enger dran sind, wüssten aber: Aufgrund der familiären Konstellation und der Tatsache, dass der Coach auch in anderer Funktion schon viele Jahre im Verein ist, wird mit ihm eher kritischer umgegangen als mit einem externen Trainer. Und die Gesetzmäßigkeiten der Branche kennt Jürgen Schweikardt ohnehin: „Bei 2:40 Punkten wird Micha nicht mehr unser Trainer sein.“ Und bei 2:16? „Fragen Sie mich dann, aber ich gehe davon aus, dass wir nicht 2:16 haben werden“, antwortet der Geschäftsführer.
Etat bei gut 6,5 Millionen Euro
Unabhängig von der aktuellen Schieflage, stellt sich die Frage, warum es dem Verein auch im neunten Bundesliga-Jahr bisher nicht gelingt, sportlich den nächsten Schritt zu machen. Der Etat steigt von Runde zu Runde, inzwischen dürfte er bei gut 6,5 Millionen Euro liegen, die Leistungen auf dem Spielfeld gehen eher in die andere Richtung. Jürgen Schweikardt weiß das, bleibt aber hartnäckig: „Wir sind nicht kilometerweit von unserem Saisonziel Platz zehn entfernt“, sagt er mit Blick auf die kurzfristige Ausrichtung.
Auch mittel- und langfristig lässt sich der 43-Jährige nicht unterkriegen: „Wir kamen aus dem Amateurhandball. Eineinhalb Jahrzehnte ging es nur nach oben. Dann stehen wir vor einem Berg, den wir versuchen zu besteigen, aber immer wieder abrutschen. So lange ich hier bin, werden wir es immer wieder probieren.“
Genauso kämpferisch erwartet er die Mannschaft am Sonntag gegen Flensburg: Ein Erfolgserlebnis wäre ein Riesenschritt, sich zumindest aus dem Tal der Tränen zu verabschieden.
Spielplan
Bundesliga
TVB – Füchse Berlin 29:30, HBW Balingen-Weilstetten – TVB 29:28, TVB – ThSV Eisenach 28:22, MT Melsungen – TVB 35:27, TVB – VfL Gummersbach 29:31, Rhein-Neckar Löwen – TVB 32:24, TVB – SG Flensburg-Handewitt (Sonntag, 8. Oktober, 18 Uhr), HSV Hamburg – TVB (Donnerstag, 12. Oktober, 19 Uhr), TVB – SC Magdeburg (Sonntag, 22. Oktober, 16.30 Uhr), TBV Lemgo Lippe – TVB (Donnerstag, 26. Oktober, 19 Uhr), HSG Wetzlar – TVB (Sonntag, 29. Oktober, 16.30 Uhr), TVB – Frisch Auf (Freitag, 10. November, 20 Uhr), SC DHfK Leipzig – TVB (Donnerstag, 16. November, 19 Uhr), TVB – THW Kiel (Sonntag, 26. November, 18 Uhr), TVB – TSV Hannover-Burgdorf (Samstag, 2. Dezember, 19 Uhr), Bergischer HC – TVB (Sonntag, 10. Dezember, 16.30 Uhr). (jüf)