Herr Gislason, wie schwer fällt es Ihnen, sich bei diesem Lehrgang auf Handball zu konzentrieren?
Das ist schon eine seltsame Situation, aber ich lasse mir die Freude nicht nehmen. Wir sind endlich wieder zusammen, können trainieren und einfach loslegen. Mir hat das gefehlt, und ich habe bei der Begrüßung auch den Eindruck gehabt, dass die gesamte Nationalmannschaft und der Staff Lust auf diesen Lehrgang haben.
Schon im März war Ihre geplante Premiere Corona-bedingt abgesagt worden. Befürchteten Sie das gleiche Szenario erneut, da die Bosnier eine Verlegung wegen mehrerer Corona-bedingter Ausfälle beantragt hatten?
Die Zeiten ähneln sich. Und natürlich habe ich aus der Erfahrung vom März solche Sorgen. Aber wir müssen es nehmen, wie es kommt. Das lässt sich nicht ändern. Es wäre schade gewesen um das Länderspiel, das auch im ZDF und damit im Free-TV zu sehen ist. Ich bin pragmatisch: Dann hätten wir den Donnerstag eben fürs Training genutzt. Mit dem Auswärtsspiel gegen Estland in Tallinn haben wir ein weiteres kurzfristiges Ziel vor uns, und wir denken schon jetzt an die WM in Ägypten.
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In Philipp Weber, Andreas Wolff und Christian Dissinger sind drei Nationalspieler wegen Corona-Fällen in ihren Clubs nun doch nicht dabei. Ergeben die EM-Qualifikationsspiele aus Ihrer Sicht überhaupt Sinn?
Handball ist unser Beruf. In meinen Augen ist es richtig und sinnvoll, all das zu planen und stattfinden zu lassen, was mit Blick auf die Hygienekonzepte zu verantworten ist. Den Fernsehzuschauern möchten wir Freude machen. Wir müssen mutig bleiben, aber auch bereit sein, den einen oder anderen Rückschlag hinzunehmen.
Teilen Sie die Sorgen Ihrer Nationalspieler, die zum Teil kein Verständnis haben für diese Länderspielwoche?
Natürlich habe ich für deren Sorgen Verständnis. Mir ist aber auch der Eindruck wichtig, dass sich alle Nationalspieler bei uns wohlfühlen. Da hat der Deutsche Handballbund ein sehr gutes Hygienekonzept aufgestellt und Vertrauen bei Spielern und Vereinen geschaffen.
Sie haben sich selbst einmal als Adrenalinjunkie bezeichnet. Wie geht es Ihnen eigentlich persönlich nach eineinhalb Jahren Wettkampfpause?
(Lacht) Wenn man 22 Jahre lang ununterbrochen Trainer ist, dann wird man schon ein bisschen abhängig von diesem Druck, und man empfindet es als Geschenk, wenn viel los ist. Von daher war die Pause natürlich manchmal sehr eintönig und etwas langweilig.
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Zum Glück konnten Sie sich auf Ihrem Bauernhof in der Nähe von Magdeburg austoben.
Ich habe den Garten auf Stand gebracht, Obstbäume gepflanzt und alle Handwerkerarbeiten erledigt, für die ich all die Jahre davor als Vereinstrainer nie Zeit gefunden hatte. Jetzt ist auf dem Hof aber auch wirklich alles erledigt.
Und Ihr Akku ist wieder komplett aufgeladen?
Das war er schon nach einem halben Jahr. Ich habe diese Pause genossen, weil man nach einer strapaziösen Saison schon richtig schlapp und kaputt ist. Aber dann hat es eben wieder gekribbelt.
Was fasziniert Sie an Handball?
Es ist für mich die perfekte Sportart, weil sie so extrem abhängig ist vom komplexen Zusammenspiel aller: Angriff, Abwehr, Trainer – jeder muss immer mitdenken. Es ist wie Schach mit Figuren, die denken und sich bewegen können.
Im Vergleich zum großen Bruder . . .
. . . sage ich immer: Stell dir ein Spitzenspiel beim Fußball vor, multipliziere den Faktor von Aktion, Schnelligkeit, Spannung und Taktik mit fünf, und schon kommst du auf ein Spitzenspiel im Handball.
Sie sind ein geschickter Verkäufer des Produkts Handball. Haben Sie die Zeit auch genutzt, um sich selbst zu reflektieren?
Natürlich, das habe ich aber auch schon in den Jahren zuvor ständig gemacht. Lernfähig zu sein ist keine Frage des Alters.
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Sie galten früher bisweilen als aufbrausend – sowohl an der Seitenlinie als auch in der Kabine.
Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, meine Emotionen besser in den Griff zu bekommen. Ich lasse mir nach Spielende mehr Zeit und rede mich nicht mehr direkt nach Abpfiff in Rage. Dann laufe ich auch nicht Gefahr, die falschen Spieler anzugehen. Wobei ich mich auch immer entschuldigt habe, wenn ich jemanden zu Unrecht angegangen habe.
Es hat nicht viel gefehlt und Sie wären als Nationaltrainer in Russland gelandet.
Stimmt. Bei meiner Frau stand ich ja nur im Wort, mit 60 Jahren nicht mehr Bundesliga-Trainer zu sein. Daran habe ich mich gehalten (lacht). Das Angebot, als Nationaltrainer in Russland zu arbeiten, reizte mich und war tatsächlich unterschriftsreif. Dann kam praktisch im allerletzten Moment der Anruf vom Deutschen Handballbund.
Hat sich der Ex-Frisch-Auf-Trainer Velimir Petkovic bedankt, dass er dann den Job in Russland bekommen hat?
Ja, Petko hat sich bedankt.
Als Sie 2008 beim THW Kiel unterschrieben haben, sagten Sie: „Kiel ruft nur einmal an.“
Der DHB hat schon öfter mal angerufen . . .
. . . aber überlegen mussten Sie diesmal nicht lange?
Ich habe immer gesagt, dass ich einmal eine Nationalmannschaft trainieren möchte. Und da ist die interessanteste in der Welt nun mal die deutsche. Gemeinsam mit meiner Frau haben ich entschieden, das Angebot des DHB anzunehmen . . .
. . . der das Ziel Olympia-Gold ausgegeben hat. Größenwahn oder ein realistisches Unterfangen?
Während meiner Jahre in Kiel haben wir nie gesagt, dass wir deutscher Meister werden, aber es war immer unser Ziel, einen Titel zu erreichen. Der deutsche Handball hat die Qualität und den Ehrgeiz, um Medaillen spielen zu können.
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In Ihren Vereinen hatten Sie immer Spieler, die Ihren Matchplan umsetzen.
An wen denken Sie?
An Olafur Stefansson beim SC Magdeburg oder Filip Jicha beim THW – gibt es solch einen Strategen, solch einen Unterschiedsspieler im DHB-Team?
Also in der Abwehr haben wir mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler zwei Leitwölfe, die beide in Kiel spielen und helfen werden, den Matchplan im Nationalteam umzusetzen.
Und vorne im Rückraum?
Müssen verschiedene Spieler die Impulse setzen. Ich denke da an Fabian Wiede, wenn er längere Zeit verletzungsfrei ist. Und es kommen auch Spieler nach, die in Zukunft das Zeug dafür haben, eine sehr wichtige Rolle zu übernehmen. Juri Knorr aus Minden ist erst 20 oder der 22-jährige Sebastian Heymann von Frisch Auf Göppingen – beide habe ich ja schon für die EM-Qualifikationsspiele nominiert.
Aber solange die Unterschiedsspieler fehlen, muss es der Unterschiedstrainer richten?
Ich bin selbstbewusst genug, um sicher zu sein, dass ich helfen kann. Aber ich werde jetzt keine Revolution ausrufen. Alles in so kurzer Zeit auf den Kopf zu stellen wäre der größte Fehler. Auf starke Keeper, eine offensive 6:0-Deckung, Tempogegenstöße und eine schnelle Mitte baue auch ich. Ich kann aktuell nur Feinarbeit leisten.
Wie haben Sie die ersten Wochen in der Bundesliga erlebt?
Ich mache mir schon Sorgen um die Nationalspieler. Corona-bedingt herrscht eine grundsätzliche Unsicherheit. In der Bundesliga jagt eine englische Woche die andere, hinzu kommen Europapokal-Auftritte. Wir sind froh, dass wir überhaupt wieder aktiv sind, aber die Belastung ist viel zu hoch. Die Topspieler müssen jetzt praktisch zwei Jahre lang durchspielen.
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Was könnte die Lösung sein?
Im Prinzip gibt es keine. Der einzige Weg ist, dass die Trainer sehr viel rotieren. Von meinen vier Kreisläufern sind in Johannes Golla und Jannik Kohlbacher schon zwei verletzt. Das Duo Pekeler/Wiencek hat mit Kiel ein Wahnsinnsprogramm mit extrem hoher Belastung zu absolvieren. Das zeigt, wie fragil das Ganze ist.
Wie sicher sind Sie, dass im Januar die WM in Ägypten stattfindet?
Ich bin sicher, dass die WM stattfindet. Die Organisatoren werden alles dafür tun, damit alles sicher abläuft. Die Teams werden nach NBA-Vorbild in einer Bubble komplett abgeschottet sein. Die Frage ist, wie die einzelnen, teilnehmenden Nationen die Pandemie in den Griff bekommen und die Reise nach Ägypten geregelt bekommen.
Was möchten Sie als Trainer noch erreichen?
Ich bin sehr stolz und dankbar, diesen Job als Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft zu haben, und mit Vereinen habe ich schon ein paar Titel schon gewonnen . . .
. . . aber Welt- und Europameister und Olympiasieger waren Sie noch nicht.
Das sind unerfüllte Träume. Deshalb schauen wir mal, was wir zusammen für Deutschland auf die Beine stellen können.