Duell der Linkshänder: Dika Mem (li.) gegen Renars Uscins Foto: imago/Maximilian Koch/Kessler-Sportfotografie
Alles oder nichts: Die deutschen Handballer kämpfen an diesem Mittwoch (18 Uhr/ZDF) gegen Frankreich um den Einzug ins EM-Halbfinale. Was spricht für das DHB-Team, was dagegen?
Es gab Kenner der Handballszene, die sind immer noch fassungslos und fragen sich: Wie konnte der Bundestrainer Ausnahmekeeper Andreas Wolff nach seiner 22-Paraden-Gala gegen Norwegen beim 26:31 der deutschen Handballer gegen Dänemark draußen lassen? Schenkt er das Spiel ab? Was ist das für ein Zeichen ans Team? Der Gegner wäre auch nicht auf die Idee gekommen, seinen Stammtorwart Emil Nielsen auf der Bank zu lassen. Zudem hatte Alfred Gislason seine beiden Stamm-Außen Lukas Mertens und Lukas Zerbe komplett aus dem Kader rotiert.
Jobgarantie für Gislason
Klar, dass solche Entscheidungen die Kritiker auf den Plan rief. Weshalb sich bei der Pressekonferenz vor dem entscheidenden Spiel um den EM-Halbfinaleinzug gegen Titelverteidiger Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr/ZDF) in Herning Ingo Meckes bemüßigt fühlte, dem Isländer eine Jobgarantie auszusprechen. „Wir sind jetzt mitten im Turnier, haben die Chance, ins Halbfinale zu kommen, haben eine Top-6-Platzierung sicher. Von daher gibt es in diese Richtung keine Gedanken, da irgendetwas zu ändern“, sagte der Sportvorstand des Deutschen Handballbundes (DHB).
Nutzt das DHB-Team seinen zweiten Matchball jedoch nicht, werden die Diskussionen losgehen, ob Gislason seinen bis nach der Heim-WM 2027 laufenden Vertrag tatsächlich erfüllen soll. Noch aber hat die Mannschaft alle Chancen auf den Einzug in die Medaillenspiele. Bei den Buchmachern sind die Franzosen bei der Jagd nach ihrem fünften EM-Gold Favorit. Ein Sieg der Deutschen steht bei einer Quote von 3,00, bei einem Sieg der Equipe Tricolore gibt es hingegen nur das 1,60-fache des Einsatzes zurück. Dennoch finden sich durchaus Aspekte, die in diesem Showdown für Deutschland sprechen.
Ausgangsposition Zwar kann man im Handball nicht auf Unentschieden spielen, aber zweifelsohne ist es ein Vorteil, dass der deutschen Mannschaft ein Punkt reicht. „Dies ist nicht zu verachten, bleibt das Spiel eng, lassen sich gewisse Verhaltensweisen in der Crunchtime steuern“, meint Ex-DHB-Sportvorstand Axel Kromer.
Im Blickpunkt: Alfred Gislason und seine Torhüter David Späth (re.) und Andi Wolff Foto: imago/Maximilian Koch
Torwart Gislason wird nach menschlichem Ermessen diesmal mit Wolff beginnen. „Auf keiner anderen Position sind wir so deutlich besser. Andi wird unser allergrößtes Plus werden“, meint Ex-Weltmeisterkeeper Henning Fritz. Gegenüber den beiden französischen Keepern Remi Desbonnet (28 Prozent gehaltene Bälle bei dieser EM) und Charles Bolzinger (25 Prozent) hat Wolff nicht nur bei der Quote (34 Prozent) klar die Nase vorne.
Kaderbreite Die Partie gegen Frankreich ist das siebte EM-Spiel. „Je länger das Turnier dauert, um so mehr wirkt sich der breite Kader, die vielen Wechselmöglichkeiten im deutschen Team aus“, ist sich Italiens Nationaltrainer Bob Hanning sicher.
Steigerungspotenzial Dem DHB-Team ist bisher noch kein überzeugendes Spiel über 60 Minuten gelungen. Nur Torwart Wolff lieferte immer ab, ohne ihn wäre Deutschland nicht mehr im Turnier. Doch im Angriff zündete eigentlich immer nur einer pro Spiel: Mal Renars Uscins, mal Miro Schluroff, mal Marko Grgic. „Wir haben viele Trümpfe, die bisher nur sporadisch stechen, warum sollen es gegen Frankreich nicht mal mehrere auf einmal sein“, sagt Kromer. Auch beim Tempospiel kann das DHB-Team eine Schippe drauflegen, um durch einfache Tore der starken französischen Abwehr aus dem Weg zu gehen.
Olympia-Erinnerungen Da war doch was. Dieses Viertelfinalspiel vor anderthalb Jahren bei den Olympischen Spielen vor 27 000 lärmenden Zuschauern in Lille, das sich ins kollektive deutsche Handball-Gedächtnis gebrannt hat. Mit seinem Tor in der letzten Sekunde brachte Uscins die DHB-Auswahl nach einem kapitalen Fehlpass von Frankreichs Starspieler Dika Mem in die Verlängerung und wurde dort endgültig zum Helden. Am Ende standen 14 Tore auf seinem Konto, Deutschland gewann 35:34 gegen Frankreich – und holte vier Tage später Silber. „Alle wissen, dass es gegen die Franzosen funktionieren kann, das ist gut für den Kopf“, meint Kromer.
Natürlich gibt es, wie so oft im Sport, auch Aspekte, die gegen das DHB-Team sprechen: Die unklare Rollenverteilung in der Mannschaft, die häufig nicht erkennende Strategie im Angriff, zu viele unvorbereitete Würfe aus dem Rückraum, anstatt die Tiefe zu suchen und damit die gegnerische Abwehr zu ermüden. Wie die Chancen stehen? Hanning legt sich fest: 51:49 für uns.“