Handball-EM 2026 Henning Fritz: „Uns können nicht immer die Torhüter retten“

Henning Fritz stand beim Abschiedsspiel von Pascal „Pommes“ Hens im April 2025 noch einmal im Handballtor. Foto: IMAGO/Eibner

Für die deutschen Handballer gibt es vor dem EM-Hauptrundenspiel gegen Norwegen genügend Steigerungspotenzial. Welt- und Europameister Henning Fritz äußert sich.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Der frühere Weltklasse-Torwart Henning Fritz wurde Welt- und Europameister mit Deutschland. Vor dem EM-Spiel gegen Norwegen (Samstag, 20.30 Uhr/ZDF) spricht er über Stärken, Schwächen und Chancen des Teams.

 

Herr Fritz, Deutschland steht nach dem 32:30 gegen Portugal mit 4:0 Punkten in der Hauptrunde glänzend da. Haben Sie damit gerechnet?

Was heißt gerechnet? Wir wissen, was die deutsche Mannschaft kann, und die Erwartungshaltung ist auch, ins Halbfinale zu kommen. Das muss der Anspruch sein. Doch jedem ist auch klar, dass es bei einer EM über zwei Wochen nur gegen Topgegner geht. Alle Spiele sind schwer, aber die Partie gegen Portugal war schon eine ganz besondere Herausforderung.

Warum?

Weil diese körperlich und spielerisch starken Portugiesen in den vergangenen Jahren extrem gereift sind und nach ihrem Sieg gegen Topfavorit Dänemark mit enorm viel Selbstvertrauen ins Spiel gegangen sind.

Bei den Torhütern konnten sie allerdings nicht mithalten.

Das stimmt. 13:6 Paraden für uns sprechen eine deutliche Sprache. Aber nachdem wir die Nervosität abgelegt hatten, waren wir auch in anderen Belangen besser. Wir haben unsere zweite große Stärke, neben der Achse Torwart/Abwehr, genutzt – die Breite des Kaders. Unser Angriff hat mir in der Besetzung mit Miro Schluroff, Nils Lichtlein und Renars Uscins am besten gefallen. Justus Fischer hat es spätestens nach der Roten Karte für Johannes Golla auch sehr gut gemacht.

Die Variabilität . . .

. . . ist unser Trumpf. Hat mal einer der Leistungsträger einen schlechten Tag, springt ein anderer ein. Das ist für den Bundestrainer eine komfortable Situation. Aber eines muss ich noch anmerken.

Hält bei dieser EM überragend: Andreas Wolff. Foto: IMAGO/Maximilian Koch

Bitte.

Unsere Keeper können uns nicht immer retten. Deshalb dürfen wir nicht mehr so abhängig sein von den unfassbar guten Leistungen unserer Torhüter, speziell von Andreas Wolff. Wenn diese mal nicht so überragend halten, stellt sich die Frage, ob die Mannschaft das kompensieren kann.

Was denken Sie?

Ich bin optimistisch, weil die immer noch recht junge Mannschaft mit jedem Spiel dazulernt und wichtige Erfahrungen sammelt.

Was erwarten Sie für ein Spiel gegen Norwegen?

Die Norweger haben eine andere Spielweise. Der skandinavische Handball ist sehr dynamisch und schnell. Bis zu ihrem Sieg gegen die Spanier hatte man gefühlt den Eindruck, die Norweger fallen in dieser Hammergruppe etwas ab. Da hätte die Gefahr bestehen können, sie zu unterschätzen. Doch die deutsche Mannschaft ist ohnehin nicht so gestrickt, dass sie das tun würde.

Was stimmt Sie optimistisch?

Dass es noch genügend Möglichkeiten gibt, die eigene Leistung zu optimieren, vor allem im spielerischen Bereich. Es gab noch kein Spiel über 60 Minuten, das fehlerfrei war, was natürlich auf diesem Niveau auch nur schwer möglich ist. In jedem Spiel schlichen sich Phasen ein, in denen es nicht rundlief. Gegen die absoluten Top-Nationen dürfen wir uns das nicht erlauben. Aber wie gesagt: Das Schöne ist, dass wir als Turniermannschaft noch Entwicklungspotenzial haben.

Wer holt den Titel?

Ganz schwer vorherzusagen. Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass der EM-Titel die höchste Wertigkeit besitzt, weil der Weg zu diesem Erfolg schwieriger ist als der zu allen anderen.

Zur Person

Karriere
Henning Fritz wurde am 21. September 1974 in Magdeburg geboren. Profikarriere: SC Magdeburg (1992 bis 2001), THW Kiel (2001 bis 2007), Rhein-Neckar Löwen (2007 bis 2012). Größte Erfolge auf Vereinsebene: Deutscher Meister 2001, 2002, 2005, 2006 und 2007; DHB-Pokalsieger 1996, 2007; Champions-League-Sieger 2007; EHF-Pokalsieger: 1999, 2001, 2002, 2004. Erfolge mit der Nationalmannschaft: Olympia-Silber 2004, Europameister 2004, Weltmeister 2007. Auszeichnungen: Welthandballer 2004; Deutschlands Handballer des Jahres 2004.

Persönliches
Fritz ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt im badischen Östringen. (jüf)

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