Die Nacht war kurz, die Augen von Axel Kromer ohnehin ziemlich klein. Dann blendete den Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes (DHB) am Sonntagvormittag auch noch das grelle Scheinwerferlicht auf dem Podium. Kromer hielt sich die flache Hand vor die Stirn, kniff die Augen zusammen und begann mit seinen Ausführungen. Die wichtigste Botschaft vor den beiden noch ausstehenden EM-Hauptrundenspielen am Montag (20.30 Uhr/ZDF) gegen Ungarn und am Mittwoch (20.30 Uhr/ARD) gegen Kroatien: „Wir haben immer noch sehr große Hoffnung, ins Halbfinale einzuziehen. Das ist wie ein Achtel- und eine Viertelfinale. Wir müssen beide Spiele gewinnen und darauf hoffen, dass Österreich noch Punkte liegen lässt.“
Dass der Traum vom Halbfinale nach einem Spiel voller Fehler und Pannen noch weiterlebt, ist der erfreulichste Aspekt aus dem 22:22 (11:12) im Tollhaus Lanxess-Arena gegen das österreichische Überraschungsteam. Hinzu kamen der Kampfeswille nach einem 16:21-Rückstand, eine ordentliche Abwehr, ein guter Torwart Andreas Wolff, ohne den das Heimturnier für das DHB-Team schon längst ein Desaster wäre.
Ohne Mut und Tempo
Das alles sagt schon viel über die Angriffsleistung der Mannschaft aus. Sie war erbärmlich. „Die zweite Halbzeit war eine Vollkatastrophe“, sagte Kai Häfner vom TVB Stuttgart. Der während des Spiels komplett indisponierte Linkshänder versuchte erst gar nicht, für den Absturz sämtlicher Systeme irgendwelche Ausflüchte zu finden. Zu offensichtlich waren die Unzulänglichkeiten: kein Mut, kein Tempo bei der ersten, zweiten und dritten Welle, keine Bewegung ohne Ball. Viel zu statisch, hilf- und kopflos präsentierte sich das Team beim Versuch, das Runde ins Eckige zu befördern.
Elf technische Fehler und 23 Fehlwürfe wies die Statistik am Ende aus. „Die Mannschaft hat viele klare Chancen herausgespielt, das ist auch Teil der Wahrheit. Sie hat Keeper Constantin Möstl aber zum österreichischen Volkshelden geschossen“, fand Bob Hanning, der ehemalige DHB-Vizepräsident und Geschäftsführer der Füchse Berlin, der sich über die Alpenhandballer wunderte: „Sie haben den Punkt mehr als verdient, aber ich habe nicht verstanden, dass sie so gejubelt haben. Sie haben eine historische Chance verpasst und uns die Tür offen gelassen.“
Möstl vor Wechsel nach Lemgo
17 Paraden, eine Quote von über 47 Prozent gehaltener Bälle (Wolff 14 Paraden/knapp 39 Prozent) hatte der 23-jährige Keeper vom Alpla HC Hard am Ende auf dem Konto, der vor einem Wechsel im Sommer zu Bundesligist TBV Lemgo Lippe steht. Doch das ist eine Randnotiz. Entscheidend für die deutsche Mannschaft ist, dass sie ihre Probleme im Rückraum in den Griff bekommt, wenn sie bei dieser EM noch etwas reißen will.
Automatismen funktionieren nicht
Eigentlich ist Handball ein Sport der Automatismen, doch von einstudierten Spielzügen, klaren Laufwegen, Kreuzbewegungen oder Passkombinationen war im Team von Bundestrainer Alfred Gislason so gut wie nichts zu sehen. Der für die Regie in der Zentrale zuständige Juri Knorr wirkte bisweilen verzweifelt. Fast schon bewundernswert, wie er trotz aller Rückschläge immer weiter machte und mit sechs Toren vor Rechtsaußen Timo Kastening (4/1), wie in bisher jedem Spiel, die meisten deutschen Tore erzielte.
Extrem viel lastet auf den Schultern des Ober-Löwen aus Mannheim. Und all die Emotionen waren nach der irren Aufholjagd im Österreich-Thriller in ihm hochgekommen und fanden in den Katakomben in der Interviewzone ihr Ventil: „Ich weiß nicht, was ihr wollt. Ich glaube, ihr wollt, dass wir erfolgreich sind, oder? Dass wir wieder ein Wintermärchen für die Leute schaffen, einfach schöne Momente für jeden schaffen, der da draußen ist“, sagte der 23-Jährige, spürbar tief getroffen. Sein Auftritt erinnerte an das legendäre „Eistonnen“-Interview von Per Mertesacker auf dem Weg zum WM-Titel der Fußballer 2014 in Brasilien.
Kritik trifft Knorr
Hintergrund waren speziell die Äußerungen der Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, Pascal Hens und Mimi Kraus. Sie hatten im Dyn-Format „Harzblut“ – Dyn Sports ist eine Streaming-Plattform –, die Leistung des deutschen Spielmachers nach dem Island-Spiel (26:24) bemängelt. Knorr räumte ein, dass ihn die Kritik an ihm „tief getroffen“ habe. Er sei zudem leicht erkältet ins Spiel gegangen, weshalb ihn Gislason gegen Österreich erst nach 13 Minute brachte.
Überhaupt sorgt auch die Wechseltaktik des Isländers für Diskussionen. Zwei Spieler stehen dabei besonders im Blickpunkt: Philipp Weber und Nils Lichtlein. Weber wurde in den bisherigen Spielen nicht richtig integriert, seine Rolle ist unklar, weshalb er wie ein Fremdkörper wirkt. Lichtlein steht mal im Kader, dann wieder nicht, wird kurz eingewechselt und – obwohl er keinen Fehler macht – schnell wieder ausgewechselt.
Gislason bleibt ruhig
Gislason lässt sich, ganz allgemein auf seine Personalrochaden angesprochen, nicht aus der Ruhe bringen. „Ihr müsst ja was schreiben. Ich mache das nach meinem Kopf und meinem Gefühl. Vielleicht liege ich mal falsch, ab und zu aber auch richtig“, sagte er mit einem Schmunzeln. Fortsetzung folgt: am Montag gegen Ungarn.