Handball-EM Vier Hände für Deutschland – oder: Doppelt hält besser

Von Jürgen Frey 

Andreas Wolff und Johannes Bitter bestätigen gleich beim 34:23-EM-Auftaktsieg gegen die Niederlande, wie wertvoll sie für die Handball-Nationalmannschaft sind. Es gibt Gründe, warum das Zusammenspiel der beiden so gut klappt.

Vier Hände für Deutschland: Johannes Bitter (li.) und Andreas Wolff freuen sich über den Auftaktsieg. Foto: dpa/Robert Michael 14 Bilder
Vier Hände für Deutschland: Johannes Bitter (li.) und Andreas Wolff freuen sich über den Auftaktsieg. Foto: dpa/Robert Michael

Trondheim/Stuttgart - Dass der starke niederländische Spielmacher Luc Steins die Trophäe für den „Spieler des Spiels“ bekam, nahm Andreas Wolff mit einem Lächeln zur Kenntnis. Auch der deutsche Torwart hätte dank seiner klasse Leistung und 13 Paraden die Auszeichnung verdient gehabt. „Andi war in der entscheidenden Phase zur Stelle und hat dem Gegner den Zahn gezogen“, freute sich Bundestrainer Christian Prokop nach dem 34:23(15:13)-Auftaktsieg der Nationalmannschaft bei der EM. Und was sagte der zurecht Hochgelobte selbst? Wolff dachte an seinen Torwartkollegen, der nach seiner Einwechslung (52.) noch drei tolle Paraden zeigte: „Auch Jogi Bitter hat überragend gehalten.“

Rituale unter Torhütern

Bei so einem Torwart-Gespann verhält es sich oft wie im richtigen Leben: Es sind diese kleinen Dinge, die das Wesen einer Beziehung zeigen. Ein kurzer Blickkontakt, der mehr ausdrückt als 1000 Worte. Ein Nicken, wenn der Partner Bestätigung sucht. Ein aufmunternder Klaps auf die Schulter. Bei Handballkeepern kommt dann noch ein immer wiederkehrendes Ritual dazu: Handtuch reichen, Trinkflasche aufdrehen, Trinkflasche reichen, Trinkflasche zuschrauben. Mal reicht, dreht und schraubt der eine, mal der andere.

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Dieses Zusammenspiel klappte beim neuen deutschen Torwart-Gespann gleich beim EM-Auftakt. Es sind diese Augenblicke des Vertrauens zwischen zwei Profis, die sich zwar um den Platz zwischen den Pfosten streiten – aber genau wissen, dass sie nur gemeinsam erfolgreich sein können. „Dieses Duo passt ganz hervorragend zusammen“, sagt Markus Baur, der zusammen mit Bitter 2007 Weltmeister wurde. Vier Jahre später trat der Keeper aus der Nationalmannschaft zurück, half 2015 bei den WM-Play-offs noch einmal aus – um nun mit 37 Jahren sein Comeback zu feiern. Schon im Vorjahr hatte der 2,05-m-Riese vom TVB Stuttgart für die Heim-WM parat gestanden, doch entgegen ursprünglich anderer Signale des Bundestrainers entschied sich Prokop damals noch einmal für Silvio Heinevetter (35).

Reizklima nicht schlimm

Wolff und der Fuchs aus Berlin – das war eine bissige Mischung. Beide sind für ihre großen Egos bekannt, beide haben dieses gewisse Maß an Extravaganz. Sie waren nicht die besten Kameraden. Sozusagen ein Traumpaar, ohne sich zu mögen. Torwart-Legende Andreas „Hexer“ Thiel findet solch ein Reizklima grundsätzlich nicht schlimm: „Das Entscheidende ist, dass man professionell miteinander umgeht.“ Wie er und sein Kollege Stefan Hecker das taten: „Jeder hat akzeptiert, dass der andere eine Rakete ist.“

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Bitter ist ein anderer Typ als Heinevetter: ruhiger, abgeklärter, besonnener. Der gebürtige Oldenburger kann auf dem Spielfeld zwar ebenfalls zu einem brodelnden Vulkan mutieren, außerhalb aber ist er nicht auf Krawall gebürstet. „Ich denke, es ist ein großes Plus, dass ich noch nie mit einem Torwartkollegen aneinandergeraten bin, ich kann auf dem Niveau damit leben, wenn ich mal nicht spiele“, sagte der Teamplayer vor der EM im Interview mit unserer Redaktion, ließ aber im gleichen Atemzug keinen Zweifel an seinem Ehrgeiz: „Ich werde alles dafür tun, dass ich die Nummer eins bin.“

Wolff haderte

Beim TVB hat er diesen Status seit 2016 wie kein anderer Schlussmann in der Bundesliga. Heinevetter hat den in Berlin verloren, Wolff seinen beim THW Kiel (2016 bis 2019). Der Europameister von 2016 saß im Duell mit Dänemarks Weltmeister Keeper Niklas Landin häufig auf der Bank, haderte mit sich selbst, stürzte in ein Leistungsloch und wollte am Ende nur noch weg vom deutschen Rekordmeister.

Neue Wertschätzung in Kielce

Seit dieser Saison holt sich der 1,98-m-Mann mit den Holzfälleroberarmen sein Selbstvertrauen beim polnischen Spitzenclub PGE Vive Kielce zurück. Parade für Parade. Spiel für Spiel. Beim vom niederländischen Textilrecycling-Unternehmer Bertus Servaas finanzierten Starensemble blüht er auf. Hier wird er wieder gebraucht. Hier ist er wieder unentbehrlich. Hier trägt der 28-Jährige wieder Verantwortung. Bester Beweis: Trainer Talant Dujshebaev ernannte den gebürtigen Rheinländer zum Kapitän, bringt ihm riesige Wertschätzung entgegen. „Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass Andi die Nummer eins der Welt werden wird. Fraglich ist nur, wann er das schafft“, sagte der Ex-Welthandballer kirgisischer Abstammung dem „Spiegel“.

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Wolff hat in der polnischen Provinz sein emotionales Tief überwunden. Davon soll die deutsche Nationalmannschaft bei der EM profitieren. Bleibt die Frage: Sind sich Wolff und Bitter in ihrem Torwartspiel nicht zu ähnlich? Während der nur 1,93 m große Heinevetter mit seinen unkonventionellen, teils akrobatischen Einlagen im Stil eines unerschrockenen Kung-Fu-Kämpfers versuchte, die Bälle zu parieren, bauen sich Wolff und Bitter mit ihrer immensen Spannweite zum oft unüberwindbaren Hindernis auf. Markus Baur sieht dennoch einen Unterschied: „Jogi Bitter hat die ruhigeren Bewegungen, er wartet enorm lange mit einer Reaktion – er hat den Mut, nichts zu machen. Wolff dagegen reißt die Schuhspitze mit seiner sagenhaften Beweglichkeit schon mal explosionsartig in den Torwinkel.“

Wer mit welcher Technik am Ende im Rampenlicht steht und wer die Trinkflasche reicht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist bei dieser EM, dass ein Motto beherzigt wird: Doppelt hält besser.

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