Draußen tobten 19 750 Zuschauer vor Begeisterung und aus Julian Köster brach alles heraus. Als er den Ball mit einer Energieleistung zum 26:24(11:10)-Endstand im Island-Thriller ins Netz gewuchtet hatte, kam es beim Handball-Nationalspieler zu einer Explosion der Gefühle, er spurtete mit ausgebreiteten Armen quer über das gesamte Feld und jubelte ausgelassen. „Wenn er nach solch einem Sieg locker zur Bank getrabt wäre und keine Miene verzogen hätte, würde ich mir große Sorgen machen“, antwortete Alfred Gislason lächelnd auf eine ziemlich ungewöhnliche Frage, ob er sich über die Ekstase des sonst eher zurückhaltenden Rückraumspielers gewundert habe.
Denn nur durch diesen nicht mit spielerischem Glanz, sondern mit der Brechstange erkämpften Erfolg darf sich die deutsche Mannschaft mit nun 2:2-Hauptrunden-Punkten vor dem brisanten Duell mit dem Überraschungsteam aus Österreich (3:1 Punkte) an diesem Samstag (20.30 Uhr/ARD) weiter Chancen aufs Halbfinale bei der Heim-EM ausrechnen. Ansonsten wäre der Traum vom Wintermärchen im eigenen Land schon vor den abschließenden Hauptrundenspielen gegen Ungarn (Montag/ZDF) und Kroatien (Mittwoch/ARD, jeweils 20.30 Uhr) wohl geplatzt gewesen.
Bessere Wechseltaktik
Neben Weltklasse-Keeper Andreas Wolff war Köster also zum genau richtigen Zeitpunkt voll da, was auch an der gegenüber dem Frankreich-Spiel besseren Wechseltaktik des Bundestrainers lag. „Julian hat ein super Spiel in der entscheidenden letzten Viertelstunde gemacht“, sagte Gislason – und sprach ein Lob aus, das nicht zu toppen ist: „Es gibt nichts, was er nicht kann.“
Das war vor rund 15 Jahren natürlich noch nicht abzusehen, als der kleine Julian erstmals die große Handball-Luft schnuppern durfte. Zur Belohnung für den E-Jugend-Kreismeister-Titel mit dem TuS SV Brauweiler führte er als Einlaufkind einen der Stars des VfL Gummersbach in die Lanxess-Arena. Mit welchem Spieler an der Hand er die Kölner Kult-Spielstätte erstmals betrat, weiß er nicht mehr. Geblieben ist danach stets der Wunsch, eines Tages selbst für große Spiele zurückzukehren.
Einer der vier Unverzichtbaren
Jetzt hat er sogar ein großes Spiel mitentschieden. „Davon träumt man immer, dass man hier am Ende so ein wichtiges Tor wirft und die Fans zum Ausrasten bringt. Das freut mich unglaublich“, sagte Köster. Er paart Schauspielerschönheit mit dem Benehmen von Schwiegermutters Liebling, hat die „FAZ“ vor Kurzem geschrieben. Dass er auf dem Spielfeld neben Wolff, Spielmacher Juri Knorr und Abwehrchef Johannes Golla zu den vier Unverzichtbaren zählt, hat natürlich andere Gründe.
Zum einen ist er grundsätzlich ein Mentalitätsmonster, das sich von immer wieder vorkommenden Fehlern nicht entmutigen lässt. Zum anderen spielt er nicht nur vorne auf der Königsposition im linken Rückraum eine entscheidende Rolle, sondern auch in der Abwehr. Im Innenblock hält er aufopferungsvoll und ungemein beweglich gemeinsam mit Golla in der 6-0-Formation den Laden zusammen. Zudem besitzt er die seltene Eigenschaft, auch in einem offensiven 3-2-1-System vorgezogen exzellent zu decken.
Schlauer Abwehrspieler
Viel regelt er mit Antizipation, ähnlich wie früher im Nationalteam der zurückgetretene Hendrik Pekeler oder sein großes Vorbild, die charismatische kroatische Führungskraft Domagoj Duvnjak (beide THW Kiel). „Für mich ist Julian jetzt schon einer der besten Abwehrspieler der Welt. Er deckt sehr schlau, stellt seinen Körper gut rein. Und vorn ist er viel mehr als ein Schütze“, sagt Gislason, der ihm im November 2021 noch als Zweitligaspieler zum Nationalmannschafts-Debüt verholfen hatte.
Erst im Februar 2021 war er zum VfL Gummersbach gewechselt. Dort steht er bis 2026 unter Vertrag, möglicherweise ab Sommer an der Seite des französischen Spielmachers Kentin Mahe (KC Veszprem). Davor spielte Köster für Bayer Dormagen und eben für den TuS SV Brauweiler, wo die Mutter von Florian Wirtz seine erste Trainerin war. Der Fußballstar stammt aus dem gleichen Dorf wie Köster, sie gingen zusammen auf eine Schule. Deshalb verfolgt der Schalke-Fan auch Wirtz und seinen Verein Bayer Leverkusen.
Bloß kein kölsches Cordoba
Seine volle Konzentration gilt jetzt aber dem Duell mit den Alpenhandballern. Bloß kein kölsches Cordoba lautet die Devise bei der DHB-Auswahl in Anlehnung an die historische 2:3-Niederlage bei der Fußball-WM 1978. „Diese Mannschaft ist brandgefährlich, sie haben einen absoluten Hype und das ist der einzige Fokus, den wir jetzt haben sollten“, sagte Keeper Wolff – und hatte dann noch ein Lob für Köster parat: „Er hat sich zu einem unersetzlichen Führungsspieler entwickelt.“ Und das vorne und hinten.