Handball: Europameisterschaft Bockstark, aber wohl nicht stark genug

Julian Köster ist ein Leistungsträger in der deutschen Handball-Nationalmannschaft und von vielen Fans der Lieblingsspieler – auch von Anja Itterheim und Tobias Unfried. Foto: IMAGO/Grubisic

An diesem Donnerstag beginnt die 17. Handball-EM der Männer in Skandinavien. Wir haben Trainer aus Fellbach und Kernen gefragt, wer für sie der große Titel-Favorit ist.

Die Handballwelt schaut von diesem Donnerstag an bis zum 1. Februar interessiert nach Skandinavien, wo die Europameisterschaft der Männer ausgetragen wird. Besonderes Interesse hierzulande gilt freilich dem deutschen Nationalteam um Bundestrainer Alfred Gislason, das schon in der Vorrunde heftig gefordert ist und zum Auftakt an diesem Donnerstag auf die Mannschaft von Österreich trifft. Wir haben uns bei einigen Handball-Trainern aus dem Verbreitungsgebiet der Fellbacher Zeitung umgehört und wollten unter anderem wissen, was sie dem Team um Kapitän Johannes Golla zutrauen und wer den Titel gewinnt. Bei letzter Frage sind sich fast alle einig. Nur einer schert aus.

 

Im Rückraum in der Breite deutlich besser besetzt

   Den Einzug ins Finale traut Imre Czinkoczi, Co-Trainer der Verbandsliga-Handballer des SV Fellbach, dem deutschen Team durchaus zu. „Weil wir als Zweiter der Hauptrunde ja nicht schon im Halbfinale auf Dänemark treffen, sondern erst wieder im Endspiel“, sagt der 50-Jährige. Dort sieht er aber die besseren Karten bei den Dänen, „weil die in den vergangenen Jahren am beständigsten waren und auch die besseren Einzelspieler haben“. Dass das DHB-Team eine gute Rolle spielen wird, liegt nach Czinkoczis Einschätzung auch daran, dass es im Rückraum in der Breite deutlich besser besetzt ist als in der Vergangenheit, zudem zwei überragende Torwarte und eine gute Abwehr hat. Überhaupt ist er mit der Kaderzusammenstellung von Gislason einverstanden. „Ich schlage mich nicht auf die Seite von Bob Hanning“, sagt er und grinst. Anschauen will sich Czinkoczi alle Partien der Deutschen, die nicht während des eigenen Trainings stattfinden, und alle anderen Spiele, die um 20.30 Uhr beginnen – „wenn der eigene Nachwuchs schläft“.

Gut, dass der Lieblingsspieler dabei ist

    Anja Itterheim, die Trainerin der Regionalliga-Handballerinnen des HC Schmiden/Oeffingen, wünscht dem deutschen Team zwar den Titel – „Das wäre schon cool“ –, allerdings glaubt die 34-Jährige, dass am Ende die hoch gehandelten Dänen doch die Nase vorn haben werden. Das deutsche Team um Coach Gislason habe zwar ein knackiges Programm vor der Brust, aber wenn es in einen Flow komme – ähnlich wie die deutschen Frauen, die jüngst bei deren Weltmeisterschaft Silber gewonnen haben – könne es schon weit kommen. Was den Kader betrifft, hat Itterheim volles Vertrauen in den Bundestrainer, „der sich ja auch entsprechende Gedanken gemacht hat“. Außerdem ist ihr Lieblingsspieler Julian Köster dabei. „Das ist wichtig und gut“, sagt sie und lacht.

Auch in der Praxis wird das eine oder andere Spiel geschaut

Wer am 1. Februar in Herning im Finale steht, ist für Tobias Unfried schon vor dem ersten Anpfiff klar: Deutschland und Dänemark. „Was die Qualität anbelangt, ist das deutsche Team diesmal bockstark“, sagt der Trainer der Oeffinger Verbandsliga-Handballer. Dass am Ende vermutlich trotzdem die Dänen über den Titel jubeln werden, liegt an deren Erfahrung und Eingespieltheit. Beides fehle dem DHB-Team noch. Wenn der große Coup jetzt ausbleibe, könne man sich aber auf die Zukunft mit dieser jungen Mannschaft freuen. Dass Tim Freihöfer nicht nominiert wurde, hat den 52-Jährigen überrascht. Aber Gislason setze da wohl mehr auf Erfahrung. Unverzichtbar für das Team seien auf jeden Fall der Kapitän Johannes Golla und Unfrieds Lieblingsspieler Julian Köster. Um möglichst viele Spiele dieser EM zu sehen, hat Unfried in seiner Physiotherapie-Praxis das Fernsehgerät so aufgestellt, dass man auch mal während der Behandlung schauen kann. „Außerdem habe ich mir während der Deutschland-Spiele ein paar Handballer in den Terminkalender geschrieben“, sagt er und lacht. Mit denen können man dann auch gleich über taktische Kniffe oder dergleichen bestens diskutieren.

Die Dänen könnten auch zwei Topteams ins Rennen schicken

   Dass die Dänen auch bei dieser EM unschlagbar sind, davon ist Richard Babjak, der Trainer der Oberliga-Handballer des TSV Schmiden, überzeugt. Das Team um Trainer Nikolaj Jacobsen sei auf allen Positionen mit Weltklassespielern besetzt. „Die Dänen könnten locker auch zwei Topteams ins Rennen schicken“, sagt der 35-Jährige. Dass die deutsche Nationalmannschaft ins Halbfinale kommt, glaubt er zwar nicht, schließt es aber auch nicht gänzlich aus. „Die Mannschaft kann überraschen“, sagt er. Überraschend findet er auch, dass Linksaußen Rune Dahmke erneut den Sprung in den Kader geschafft hat. „Jeder Trainer hat seine Lieblingsspieler“, sagt er und gibt zu, dass er sich anstelle von Dahmke für Tim Freihöfer entschieden hätte. Teams, die auch für eine Überraschung im Titelrennen sorgen könnten, sind nach Babjaks Ansicht Schweden, Tschechien und Italien. Wobei er vor allem den Italienern um Trainer Bob Hanning viel zutraut.

Für das deutsche Team wird es schwierig

  Für den EM-Titel gibt es laut Moritz Klenk nicht viele Kandidaten. Dänemark ist der heißeste, „weil die Mannschaft individuell am stärksten besetzt ist“, sagt der Spielertrainer des TV Stetten. Wenn das deutsche Team von Beginn an gut performt, kann es sicherlich auch die eine oder andere große Handballnation schlagen. „Aber es wird schwierig“, sagt der 29-Jährige. Als Abonnement des Sportsenders Dyn wird er sich so viele Spiele wie möglich anschauen. Dass er dafür aber ein Training sausen lässt, ist eher unwahrscheinlich.

Lieber Kai Häfner anstelle von Franz Semper nominiert

  Nah dran am Geschehen wird in den kommenden Tagen Felix Link sein. Beruflich bedingt ist der Trainer der Landesliga-Handballerinnen des HC Schmiden/Oeffingen bei den Vorrundenspielen des DHB-Teams im dänischen Herning vor Ort. Allerdings glaubt er nicht, dass Kapitän Golla und Co. in die K.-o.-Phase einziehen werden. Aber die Mannschaft sei jung, auf sie könne man in der Zukunft bauen. In der Titelfrage führe derweil kein Weg an Dänemark vorbei. Außenseiterchancen haben noch Frankreich und Island. Letzteres Team, weil der Weg ins Halbfinale relativ einfach sei. In Sachen Kadernominierung hätte der 26-Jährige für „den formschwachen Franz Semper“ lieber Linkshänder Kai Häfner vom TVB Stuttgart nominiert. „Er ist aktuell so stark wie nie zuvor“, sagt er.

Deutschland hat eine coole Mannschaft

   Einer, der grundsätzlich auf die deutschen Handballer tippt, wenn es um einen Titel geht, ist Christoph Kaufmann. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt der Trainer der zweiten Mannschaft des TV Oeffingen. Warum solle er auf Dänemark setzen, wenn das deutsche Team auch gut ist? „Ich bin Deutschland-Fan. Wir haben eine coole Mannschaft.“ Diese vereine unterschiedliche Charaktere zu einer homogenen Truppe. Den Dänen traut er aber freilich ebenso eine Mitfavoritenrolle zu wie dem Titelverteidiger Frankreich. Mit der Kaderzusammenstellung von Gislason geht der 46-Jährige konform, auch weil in Torwart David Späth und Kreisläufer Jannik Kohlbacher seine Lieblingsspieler dabei sind. Die Spiele der Deutschen und noch ein paar mehr schaut der sich mit seinen drei Söhnen (17, 14, 6) an, die auch handballbegeistert sind.

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