InterviewHandball-Frauen-Bundestrainer Henk Groener „Geld wirft eben doch Tore“

Von Jürgen Frey 

Henk Groener ist seit Januar 2018 Bundestrainer der deutschen Frauen-Handball-Nationalmannschaft. Im Interview äußert sich der Niederländer, warum deutsche Spitzenclubs international nur eine Nebenrolle spielen und wie sich das auf sein Team auswirkt.

Daumen nach oben: Henk Groener will die deutschen Handballfrauen wieder zu Medaillen führen  – am liebsten schon bei der WM im kommenden Dezember in Japan. Foto: Baumann
Daumen nach oben: Henk Groener will die deutschen Handballfrauen wieder zu Medaillen führen – am liebsten schon bei der WM im kommenden Dezember in Japan. Foto: Baumann

Stuttgart - Henk Groener (56) soll die deutschen Handball-Frauen zurück in die Weltspitze führen. Nationalspielerinnen, die in ihren Vereinen auf höchstem Niveau gefordert werden, sind dabei unabdingbar. Im Interview vor dem Final Four um den DHB-Pokal am 25./26. Mai in der Porsche-Arena äußert sich der Niederländer über das Niveau der deutschen Spitzenclubs, den Stellenwert des Frauenhandballs und seine Ziele mit dem Nationalteam.

Herr Groener, werden Sie beim Final Four in Stuttgart in der Halle sein?

Selbstverständlich. Da sind die drei top Teams der Bundesliga zu Gast, besser geht es nicht. Wir werden erstklassigen Sport sehen.

Warum sind diese deutschen Spitzenteams international nur zweitklassig und können mit den Großen der Branche nicht mithalten?

Zweitklassig würde ich nicht sagen. So weit weg sind unsere Spitzenteams nicht. Die SG BBM Bietigheim hat in der Champions-League-Gruppenphase bei Vipers Kristiansand 27:27 gespielt, die Norwegerinnen stehen jetzt im Final Four der Königsklasse.

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Aber fürs Viertelfinale der Champions League konnte sich die SG BBM genauso wenig qualifizieren wie der Thüringer HC.

Das stimmt. Aber die finanziellen Voraussetzungen sind in Osteuropa eben komplett andere. Das Vollprofitum ist dort, genauso wie in Frankreich und Skandinavien, bei so gut wie allen Vereinen der Normalfall. Bei uns in Deutschland ist das nur teilweise möglich. Und diese Unterschiede sind nur begrenzt auszugleichen. Das unterscheidet uns nicht vom Fußball.

Ihre Landsleute von Ajax Amsterdam haben es vorgemacht, wie man mit dem Bruchteil des Etats der ganz Großen für Furore sorgen kann.

(lacht) Das freut mich. Und in Ausnahmefällen lässt sich auch im Frauenhandball mit Herz und Leidenschaft sowie einem Blick für Talente etwas erreichen. Aber im Normalfall wirft Geld eben doch Tore.

Nationalspielerin Julia Behnke wechselt in der neuen Saison von der TuS Metzingen zum Champions-League-Zweiten GK Rostow-Don. Freut Sie das?

Ich freue mich, wenn meine Nationalspielerinnen auf internationalem Top-Niveau spielen, ganz klar. Das bringt die Spielerinnen weiter und hilft uns. Das zeigt ja auch das Beispiel Xenia Smits.

Ihre Torjägerin im Rückraum in der Nationalmannschaft.

Ja. Xenia hat sich mit Metz Handball fürs Champions-League-Final-Four qualifiziert. Von ihrem Wechsel nach Frankreich hat sie profitiert, haben wir profitiert. Doch solch ein Transfer ins Ausland muss auch passen. Jule (Anm. d. Red.: Julia Behnke) muss in Russland auch erst einmal ankommen, den Kulturwechsel bewältigen.

Das umworbene Ausnahmetalent Emily Bölk widerstand den Verlockungen aus dem Ausland und wechselte vor dieser Saison vom Buxtehuder SV zum Thüringer HC.

Das war eine richtige Entscheidung. Sie ist erst 21 und geht den nächsten Schritt bei einem deutschen Topclub, der international spielt. Wichtig ist für mich als Bundestrainer, dass meine Spielerinnen auf einem Niveau spielen, das sie von den Spielen mit der Nationalmannschaft kennen. Und noch etwas halte ich für einen wichtigen Aspekt.

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Bitte.

Das wichtigste ist, dass jede einzelne Spielerin sich selbst in jedem Training, Tag für Tag, fordert, den unbedingten Willen mitbringt, an die Spitze zu kommen. Die Trainerqualität in den Bundesligavereinen haben wir dafür.

Die Frauen-Nationalmannschaft hat die Heim-WM 2017 in den Sand gesetzt. Bei der EM 2018 war in der Hauptrunde Schluss. Auch das Zugpferd sollte im Sinne der Sportart erfolgreicher abschneiden.

Ich denke, das Ganze ist eine gemeinsame Geschichte. Die Nationalmannschaft ist zweifelsohne wichtig, aber auch ein spannendes Rennen um die deutsche Meisterschaft oder das stimmungsvolle Spektakel beim Final Four um den DHB-Pokal jetzt in Stuttgart bringt Aufmerksamkeit, lockt die Medien an und kann wichtige Dienste für den Frauenhandball leisten.

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Was sind Ihre nächsten Ziele mit dem Nationalteam?

Wir wollen uns für die beiden anstehenden Großereignisse in Japan qualifizieren: Für die WM im kommenden Dezember und die Olympischen Spiele 2020.

Und dort wollen sie wie abschneiden?

Wir wollen den nächsten Schritt machen, uns als Team weiterentwickeln. Wir wollen mit begeisternden Handball die Hallen füllen und irgendwann auch um Medaillen spielen.

Wann genau?

(lacht) Frühestens im Dezember.

Was ist wahrscheinlicher: Ein WM-Gewinn des Nationalteams oder ein Champions-League-Triumph eines deutschen Bundesligisten?

Ich kann nicht in die Glaskugel schauen. Das ist eine Frage für die Buchmacher, ich bin Trainer und arbeite daran, dass wir den größtmöglichen Erfolg erlangen.

Zur Person

Henk Groener wird am 29. September 1960 in Leersum/Niederlande geboren.

Groener beginnt im Alter von acht Jahren das Handballspielen beim niederländischen Verein Swift Arnhem. Nachdem Groener anschließend für den deutschen Verein TV Emsdetten, den Schweizer Club Wacker Thun sowie wieder in Deutschland für den TV Aldekerk aufäuft, kehrt er wieder zu Swift Arnhem zurück. Im Jahre 1993 beendet er seine Karriere.

Groener bestreitet 208 Länderspiele für die niederländische Nationalmannschaft, für die er 519 Treffer erzielte. Er trainiert ab 1993 den niederländischen Verein HAKA/E&O Emmen. Im Jahre 1996 wechselt Groener zum deutschen Zweitligisten TV Emsdetten, den er sechs Jahre lang betreut. Anschließend ist drei Jahre lang als Nationaltrainer der niederländischen Männer-Nationalmannschaft tätig. In der Saison 2006/07 trainiert er den Zweitligisten HBR Ludwigsburg. Groener übernimmt 2009 das Traineramt der niederländischen Frauen-Nationalmannschaft. Unter seiner Regie belegt die Niederlande den zweiten Platz bei der WM 2015 sowie den vierten Platz bei den Olympischen Spielen 2016. Kurz nach den Olympischen Spielen beendet er seine Tätigkeit beim niederländischen Handballverband.

Im Januar 2018 übernimmt Groener das Traineramt der deutschen Frauen-Nationalmannschaft.

Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Eines seiner Hobby ist Golf.