Es lief die 54. Minute beim Handall-Bundesligaspiel von Frisch Auf Göppingen gegen den VfL Gummersbach. VfL-Spieler Ole Pregler setzt sich kraftvoll durch und wirft das Tor zur Gummersbacher 24:22-Führung. Danach hält er sich mit Schmerz verzerrten Gesicht den Unterleib. Die Schiedsrichterinnen Maike Merz und Tanja Kuttler schauen sich die Szene an und entscheiden nach Betrachtung der Videobilder auf Platzverweis für Frisch-Auf-Spieler Oskar Sunnefeld. Sie zücken erst die Rote Karte – und gleich hinterher die Blaue Karte.
Was hat es mit dieser Art der Bestrafung auf sich? Die Blaue Karte wurde 2016 eingeführt, um den Zuschauern zu signalisieren, dass dies eine Rote Karte ist, die zusätzlich zur Disqualifikation für das laufende Spiel einen Bericht und automatisch mindestens ein Spiel Sperre nach sich zieht. Sunnefeldt ist erst der elfte Spieler der Handball-Bundesliga, der diese Strafe bekam.
Die Blaue Karte gibt es, wenn eine Aktion als Absicht und besonders rücksichtslos bewertet wird. „Meistens handelt sich dabei um ballferne Aktionen“, sagt Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Holger Fleisch, der am Samstag beim 24:24-Unentschieden der beiden Altmeister in der EWS-Arena als Technischer Delegierter im Einsatz war. Von daher war die Aktion von Sunnefeldt keine klassische Tätlichkeit, sie passierte beim Abwehrwehrversuch eines Wurfes. Für das Schiedsrichter-Gespann stellte sich aber die Frage, was der Arm des Göppingers im Genitalbereich von Pregler zu suchen hatte.
Frisch Auf hat jedenfalls Einspruch gegen die Blaue Karte angekündigt und Trainer Ben Matschke hofft, Sunnefeldt am kommenden Freitag (20 Uhr/EWS-Arena) im Heimspiel gegen Aufsteiger SG BBM Bietigheim einsetzen zu können.
Vergleichbarer Fall Smarason
Im September 2023 hatte es einen vergleichbaren Fall gegeben. Beim Spitzenspiel SC Magdeburg gegen Füchse Berlin hatte SCM-Spielmacher Janus Smarason Füchse-Torjäger Mathias Gidsel auch im Unterleib getroffen. Das Schiedsrichtergespann Ramesh und Suresh Thiyagarajah wertete die Aktion nach Videobeweis als absichtlich und rücksichtslos, zog deshalb zusätzlich zu Rot auch Blau.
Der SCM legte wegen Unverhältnismäßigkeit Einspruch ein – und bekam vom Bundessportgericht Recht. Smarason wurde freigesprochen. Magdeburg setzte den Isländer im folgenden Spiel dennoch vorsichtshalber nicht ein. Grund: Die Handball-Bundesliga (HBL) hatte Einspruch gegen das Bundessportgerichtsurteil angekündigt. Wäre die Sperre doch bestätigt worden, hätte der SCM bei einem Einsatz Smarasons das Spiel möglicherweise am Grünen Tisch verloren. Das wollte Magdeburg seinerzeit nicht riskieren.