Handball-Nationalteam vor EM-Aus Ist die Kritik an Alfred Gislason berechtigt, Herr Kromer?

Frühere Weggefährten: Handball-Bundestrainer Alfred Gislason (li.) und Axel Kromer, heute Geschäftsführer beim Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten. Foto: Imago/Maximilian Koch, Eibner

Auch Axel Kromer, bis vor einem Jahr Vorstand Sport im Deutschen Handball-Bund, ist enttäuscht über den EM-Auftritt des Nationalteams – er bleibt aber optimistisch.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Axel Kromer, der Geschäftsführer des Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten, war bis vor einem Jahr Vorstand Sport beim Deutschen Handball-Bund (DHB). Er kennt die Arbeitsweise und die Qualitäten von Bundestrainer Alfred Gislason bestens – und ist genau deshalb überzeugt davon, dass die Nationalmannschaft trotz der enttäuschenden 27:30-Pleite gegen Serbien bei der EM noch die Wende zum Guten schafft.

 

Herr Kromer, wie haben Sie die Niederlage gegen Serbien gesehen?

Es war, wie schon zum Auftakt gegen Österreich, von Beginn an nicht sehr souverän. In beiden Spielen wirkte es auf mich, als würde im Angriff die Leichtigkeit fehlen.

Hat der Rückraum sein Potenzial ausgeschöpft?

Nein. Der Rückraum ist ein Prunkstück der deutschen Mannschaft. Dort gibt es personell so viele Möglichkeiten, dass man denkt: ein Ass sticht immer. Doch bisher kam bei dieser EM von dort viel zu wenig, weshalb ich mich frage, warum die Spielanlage nicht mehr in Richtung außen geändert worden ist – wobei ich weit weg bin von der scharfen Kritik, die nun von manchen Experten geäußert wird.

Warum?

Weil ich aus meiner Erfahrung heraus eines ganz sicher sagen kann: Es wird im Trainerteam absolut seriös gearbeitet. Die Niederlage gegen Serbien lag sicher nicht daran, dass man sich im Vorfeld zu wenig Gedanken gemacht hat. Die Strategie wird außerdem mit den Spielern gemeinsam festgelegt.

Die zweite Halbzeit gegen Serbien wurde mit sieben Toren verloren. Wie konnte das passieren?

Axel Kromer (li.) und Alfred Gislason bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris. Foto: Imago/wolf-sportfoto

Wir haben leider schon gegen Österreich trotz einer sehr guten Abwehr und eines starken Torwarts nur knapp gewonnen. Deshalb war so eine Hälfte wie gegen die Serben, bei denen plötzlich alles funktioniert hat, im Bereich des Möglichen – obwohl alle dachten, die deutsche Mannschaft sei schon weiter. Klar ist allerdings auch: Bisher war es bei dieser EM, die das härteste Turnier im Handball ist, nicht gut genug.

Dazu kam eine höchst unglückliche Auszeit von Bundestrainer Alfred Gislason, die den 26:26-Ausgleich verhindert hat.

Mir tut es weh, dass sich nun alle über diese Auszeit aufregen. Es ging um Millisekunden – und wenn Juri Knorr den Ball an den Pfosten statt ins Tor wirft, loben alle das tolle Gespür des Coachs.

Juri Knorr hat hinterher ein bemerkenswertes Interview gegeben und unter anderem seine zu geringe Spielzeit sowie die Wechsel-Taktik von Alfred Gislason kritisiert.

Ich weiß nicht, was er genau gesagt hat. Klar ist: Wir alle schätzen Akteure, die nicht nur weichgespülte Interviews geben. Doch kurz nach einem Spiel Dinge zu äußern, die lange nachhallen, ist oft schwierig und niemals clever.

Wie stehen nun die Chancen gegen Spanien?

Ich bin optimistisch.

Wirklich?

Ja, denn Alfred Gislason wird unser Trumpf sein.

Inwiefern?

Er versteht den spanischen Handball perfekt. In allen Spielen unter ihm gegen Spanien war die deutsche Strategie grandios. Ich bin überzeugt, dass die Mannschaft eine tolle Leistung zeigen wird und glaube an einen Sieg. Enorm schwierig ist allerdings, dass es ziemlich sicher ein Erfolg mit drei Toren Differenz sein muss. Das ist psychologisch eine krasse Aufgabe.

Sollte es schief gehen: Ist Alfred Gislason dann mit Blick auf die Heim-WM als Bundestrainer noch tragbar?

Das müssen Sie den DHB-Präsidenten Andreas Michelmann, der sich dazu schon im direkten Vorfeld aus meiner Sicht unpassend geäußert hat, und die weiteren internen Experten fragen.

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