Handball-WM 2023 Juri Knorr – der Unterschiedsspieler mit Starpotenzial

Juri Knorr spielt bislang eine überragende Weltmeisterschaft. Foto: dpa/Jan Woitas

Der deutsche Handball sehnt sich seit Jahren nach einem außergewöhnlichen Spielmacher. Juri Knorr zeigt bei der WM, dass er dieser Unterschiedsspieler mit Starpotenzial sein kann. Ehemalige Spielmacher aus der Region sind vom 22-Jährigen begeistert.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Es läuft für die deutsche Handball-Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft. Schon vor dem letzten Vorrundenspiel an diesem Dienstag (18 Uhr/ZDF) gegen Algerien ist das Hauptrundenticket gebucht. Die „zweite Garde“ dürfte gegen die noch sieglosen Afrikaner einiges an Spielanteilen bekommen. Zu Problemen dürfte das nicht führen – der Pool an guten Spielern aus der Bundesliga ist so groß wie in keinem anderen Land.

 

Das bewegende Thema war in den vergangenen Jahren stets etwas anderes: Die unerfüllte Sehnsucht in der nach großen Erfolgen gierenden Handballnation nach einem außergewöhnlichen Spielmacher. Nach einem kreativen Taktgeber mit Starpotenzial, der in den entscheidenden Momenten den Unterschied ausmacht.

Schöne und effiziente Spielsteuerung

Man muss Juri Knorr nicht gleich zum Retter und Heilsbringer des deutschen Handballs stilisieren, aber der 22-Jährige bestätigt bei dieser WM, dass er alle Voraussetzungen für eine Karriere auf Weltklasseniveau mitbringt. „Juri ist genau der Handballer, den wir in Deutschland gesucht haben“, sagt Michael Schweikardt, der Trainer des Bundesligisten TVB Stuttgart. „Er hat das Spiel mit einer guten Spielsteuerung im Griff. Seine Spielweise ist nicht nur sehr schön anzusehen, sie ist auch effizient.“ Mit zwölf Toren führt Knorr die interne Torjägerliste des deutschen Teams an, alle seine fünf Siebenmeter hat er bisher verwandelt.

Auch wenn bei seinen Anspielen an den Kreis gegen Ende der Spiele kräftebedingt die Präzision nachlässt, seine Assists lassen Handball-Ästheten mit der Zunge schnalzen. „Juri polarisiert, weil zu seiner kreativen, abgezockten Spielweise auch das Risiko gehört, aber Fehler muss man ihm zugestehen“, meint der ehemalige Spielmacher Schweikardt, der bei Knorr ein hohes Starpotenzial sieht: „Der Sport lebt doch von solchen Persönlichkeiten, die einen Wiedererkennungseffekt haben, bei den Mädchen beliebt sind und nicht nur in den Handball-Fachzeitschriften eine Rolle spielen.“

Knorr will Verantwortung übernehmen

Genau so ein Ausnahmespieler war auch Michael „Mimi“ Kraus. Der Weltmeister von 2007 zeigt sich begeistert von dem gebürtigen Flensburger, der in der Bundesliga für die Rhein-Neckar Löwen am Ball ist: „Mit Juri haben wir endlich wieder einen Unterschiedsspieler, der den Ball haben will, der Führungsaufgaben übernehmen will, der als Go-to-Guy Spiele entscheiden will.“ Für den 39-Jährigen hat Knorr das Zeug zum Weltklassespieler. „Er steht in jungen Jahren schon in der Verantwortung. Das ist sehr gut“, sagt der gebürtige Göppinger und verweist auf Superstar Nikola Karabatic. Der Franzose spielte mit 17 Jahren für Montpellier HB in der ersten Liga, mit 19 gewann er die Champions League.

Ganz so früh katapultierte sich der Sohn von Ex-Nationalspieler Thomas Knorr (83 Länderspiele) nicht auf die große Handballbühne. Nachdem er bis zu seinem 14. Lebensjahr noch Fußball im Nachwuchsleistungszentrum des Hamburger SV spielte, stieg er im Alter von 17 mit Handball-Oberligist HSG Ostsee in die dritte Liga auf. „Man muss die Kirche im Dorf lassen, ich bin mit 22 erst aus der zweiten Liga von Pfullingen nach Wallau gewechselt. Juri hat schon 100 Bundesligaspiele und gigantische Voraussetzungen für eine Riesenzukunft. Er muss nur genauso fleißig weiterarbeiten“, sagt Weltmeister-Kapitän Markus Baur, der Coach von Frisch Auf Göppingen.

Was ihm keiner nehmen kann, ist seine Auslandserfahrung: Knorr nahm im Sommer 2018 ein Angebot des FC Barcelona an. Meistens kam er in der zweiten Mannschaft zum Einsatz, er spielte und trainierte aber auch bei den Profis. Er entwickelte sich in der berühmten Talentschmiede La Masia nicht nur sportlich weiter, auch Grundwerte wie Kameradschaft, Bescheidenheit und Respekt wurden ihm vermittelt.

Corona und der Karriereknick

Nach einem Jahr ging es zurück nach Deutschland: zu GWD Minden, in die ostwestfälische Provinz, mitten rein in den knallharten Abstiegskampf. „Ein cleverer Schritt, dort Verantwortung zu übernehmen. Dies spricht auch für sein bodenständiges Umfeld“, findet Baur. Der Hochbegabte zog nach zwei Spielzeiten im Sommer 2021 weiter zu den Rhein-Neckar Löwen. Es folgte ein Lehrjahr unter dem Schweizer Clubidol Andy Schmid – und so etwas wie ein kleiner Karriereknick. Nach einer Covid-Infektion mit starken gesundheitlichen Nachwirkungen zu Beginn der Pandemie 2020 wollte er sich nicht einer Corona-Impfung unterziehen. Dies kostete ihn die EM-Teilnahme 2022. Die persönliche Entscheidung konnte nicht jeder nachvollziehen. Er sei der „Kimmich des Handballs“, hieß es angesichts der Parallelen zum ebenfalls ungeimpften Fußballkollegen. „Das hat mich nicht unberührt gelassen, das gebe ich offen und ehrlich zu“, sagte Knorr später.

Wahrscheinlich haben ihn aber auch diese Erfahrungen weitergebracht. „Von meinem Naturell her bin ich eben kein Mitläufer“, sagt der Spielmacher. Sondern ein Anführer. Und damit genau das, was der deutsche Handball so lange gesucht hat.

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