Handball-WM U 21 Ein Handball-Titel als Versprechen für die Zukunft?
Die deutschen Handball-Talente haben bei der U-21-Weltmeisterschaft den Titel gewonnen. Was bedeutet das für die Zukunft. Die Experten aus der Region äußern sich.
Die deutschen Handball-Talente haben bei der U-21-Weltmeisterschaft den Titel gewonnen. Was bedeutet das für die Zukunft. Die Experten aus der Region äußern sich.
Es gab einen Pokal, Konfetti und Medaillen – wie das eben so ist, wenn ein Titel gefeiert wird. Also tanzten auch die deutschen Handballer nach dem gewonnenen WM-Finale gegen Ungarn ausgelassen durch die Max-Schmeling-Halle. Es gab neben dem sportlichen Wert dieses Titels auch noch einen weiteren Grund zur Freude – bei einer ganzen Sportart.
Die Halle in Berlin war ausverkauft, und an den TV-Geräten schauten bei Eurosport im Schnitt 1,03 Millionen Menschen zu, in der Spitze waren es sogar 1,27. Wer nun denkt, das sei nichts Ungewöhnliches für die deutsche Handball-Nationalmannschaft, der sollte wissen: Es spielte nicht das A-Team – es stürmten die U-21-Junioren zum Titel und besten TV-Quoten. „Diese mediale Reichweite“, freute sich auch Jürgen Schweikardt, der Geschäftsführer des Bundesligisten TVB Stuttgart, „ist außergewöhnlich. Das zeigt, wie hoch das Interesse am Handball ist.“ Das die Talente nun befeuert haben.
Dies ist deshalb nicht ganz unwichtig, weil schon im Januar 2024 wieder ein Heimturnier ansteht: die Europameisterschaft bei den „Großen“. Weshalb Martin Heuberger, der Nachwuchscoach im Deutschen Handballbund (DHB), meinte: „Ich hoffe schon, dass wir ein bisschen Handballfeuer in Deutschland entfacht haben.“
Davon kann er ausgehen, weil seine Mannschaft acht Siege in acht Spielen eingefahren und dem deutschen Handball eine glänzende sportliche Perspektive aufgezeigt hat. „Die Jungs haben sich super präsentiert“, bestätigte Schweikardt. Ex-Profi Stefan Kretzschmar nannte das Team „tolle Botschafter“. Und Markus Baur ergänzte: „Der WM-Titel ist ein Riesenerfolg für den deutschen Handball. In der Breite ist die Mannschaft sehr gut besetzt gewesen.“
Der Weltmeister von 2007 und aktuelle Coach von Bundesligist Frisch Auf Göppingen war einst selbst Nachwuchstrainer des DHB, führte sein damaliges Team unter anderem zum EM-Titel – und weiß, welche Debatten ein solcher Triumph auch auslösen kann. Nämlich jene, ob nicht etliche Spieler dieses Teams schon bald beim Bundestrainer Alfred Gislason im Einsatz sein müssten. Baur stimmte zwar einerseits in die Lobeshymnen ein und sagte: „Es war nicht allein ein Triumph des Kollektivs. Die deutsche Mannschaft verfügt über einige herausragende Talente, die auch einmal die A-Nationalmannschaft prägen können.“ Er warnte aber davor, zu früh zu viel zu erwarten.
„Die EM 2024 kommt noch zu früh“, sagte Baur, auch wenn es nicht ausgeschlossen ist, dass der eine oder andere auf den Zug aufspringen kann. Die besten Chancen hat Torhüter David Späth von den Rhein-Neckar Löwen, Nils Lichtlein (Füchse Berlin) wurde zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Markus Baur („Die Basis ist auf jeden Fall gelegt worden“) dachte lieber ein paar Jahre weiter, in Richtung der Heim-WM 2027, zumal er einschränkte: „Andere Nationen haben noch einmal ganz andere Ausnahmespieler. Ich gehe davon aus, dass vor allem skandinavische Nachwuchsspieler einen Tick früher in den Topligen ankommen.“ Und damit auch bei ihrer jeweiligen Nationalmannschaft.
Dennoch können es manche kaum erwarten, bis sich der aktuelle Erfolg dieses Juniorenteams bei den Herren niederschlägt. „Es muss die Aufgabe sein, den einen oder anderen Spieler jetzt schon zu integrieren“, sagte etwa Bob Hanning und forderte, den Umbruch im Nationalteam nicht auf 2027 zu verschieben: „Warum sollten wir weiter auf das Alte setzen? Wir müssen jetzt das neue Zeitalter einläuten.“ Überraschend kam das im Fall Hanning übrigens nicht. Er ist Geschäftsführer der Füchse Berlin und coacht den 1. VfL Potsdam. Beide Clubs sind eng miteinander verwoben und stellten ein Drittel der U-21-Weltmeister.
Ohnehin ist auffällig, dass der Süden Deutschlands bei der Kaderbesetzung klar unterrepräsentiert war. Das lag zum einen an besonderen Umständen – etwa, dass TVB-Toptalent Fynn Nikolaus sich im Vorfeld der WM im Verein für eine neue Position entschieden hatte. „Sonst hätte auch er eine gute Rolle spielen können“, sagte Schweikardt. Das lag aber auch an „keinem neuen Trend“, den der Stuttgarter Geschäftsführer so beschrieb: „Viel fokussiert sich auf Berlin.“
In und um die Hauptstadt bieten sich für Talente gute Möglichkeiten mit je einem Erst- und Zweitligisten sowie einer Förderstruktur samt Internat. Das zieht. So wechselte etwa der Reutlinger Tim Freihöfer 2018 von der JSG Echaz-Erms in den Fuchsbau. Nun ist er U-21-Weltmeister – wie Lasse Ludwig, der als 15-Jähriger aus dem badischen Helmlingen nach Berlin ging. Nils Lichtlein kam 2016 aus Regensburg, Moritz Sauter (heute 1. VfL Potsdam) ging als 13-Jähriger vom HC Erlangen zu den Füchsen. Diese Karrierewege zeigen zweierlei.
Erstens sagte Markus Baur: „Auch im Süden Deutschlands haben wir immer wieder gute Talente.“ Aber zweitens gilt für den Göppinger Coach auch: „Bei den Rahmenbedingungen, etwa den Internaten, sind aktuell Berlin, Leipzig oder Magdeburg schon einen Tick weiter.“ Jürgen Schweikardt sieht es als Ansporn, dass sich ein Club wie der TVB Stuttgart auch in diesem Bereich weiterentwickelt: „Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir langfristig auch in diesem Bereich beste Strukturen schaffen.“
Die Arbeit geht dem deutschen Handball also an vielen Stellen nicht aus in den kommenden Monaten und Jahren. Trotz Pokals, Konfetti und der Medaillen.