Handel und Gastronomie in der Pandemie Längerer Lockdown: Angst vor dem Tod auf Raten

Die Innenstädte sind wegen des Corona-Lockdowns derzeit vielerorts menschenleer. Etliche Händler befürchten, dass sie 2021 wirtschaftlich nicht überstehen werden. Foto: imago/Olaf Döring

Handel und Gastronomie sind entsetzt darüber, dass die Politik ihnen immer noch keine klare Perspektive für die Wiedereröffnung der Betriebe gibt. In den Einkaufsstraßen der Republik droht eine Pleitewelle historischen Ausmaßes, Hunderttausende Jobs sind in Gefahr.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Berlin/Stuttgart - Weite Teile der Wirtschaft laufen Sturm gegen den Beschluss von Bund und Ländern, den Corona-Lockdown mindestens bis zum 7. März zu verlängern. Insbesondere in Handel und Gastronomie ist die Stimmung gereizt. Beide Branchen vermissen eine klare Perspektive für die Öffnung geschlossener Betriebe. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnte vor einem massenhaften Ladensterben und einer weiteren Verödung der Innenstädte.

 

HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth warf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten Versagen und Wortbruch vor. „Wir sind mehr als enttäuscht über die gestern beschlossenen Änderungen.“ Trotz gegenteiliger Ankündigungen wüssten viele Händler immer noch nicht, wann sie ihre Läden wieder aufsperren dürfen. Die Wirtschaftshilfen des Bundes kämen beim Handel kaum an.

„Frust und Verzweiflung“

Die Politik habe sich vor ihren Beschlüssen nicht mit Branchenvertretern abgestimmt, beklagte Genth. Es sei nicht nachzuvollziehen, warum Friseure bereits zum 1. März mit strengen Hygienekonzepten wieder öffnen dürfen, Einzelhändler jenseits von Supermärkten und Drogerien aber nicht. Hier sei bald mit zahlreichen Klagen von Betroffenen zu rechnen, wenngleich die Erfolgsaussichten begrenzt erschienen. Der Schorndorfer Modehändler Riani kündigte bereits eine Klage an, er fordert eine Gleichstellung mit Friseurbetrieben. Die von Bund und Ländern geplante Regelung, dass bei ersten Öffnungsschritten unter bestimmten Bedingungen zunächst nur ein Kunde je 20 Quadratmeter Ladenfläche in die Geschäfte gelassen werden solle, sei weltfremd und willkürlich, sagte Genth weiter.

Auch in der Gastronomie ist der Ärger groß. „Wir haben nicht mit einem konkreten Öffnungsdatum gerechnet, aber definitiv mit einer Aussage, wann und unter welchen Voraussetzungen Hotels und Restaurants wieder Gäste empfangen dürfen“, sagte Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. Sie ergänzte: „Dass Hotels und Restaurants in dem vorliegenden Beschluss mit keinem Wort erwähnt werden, löst in der Branche Frust und Verzweiflung aus.“ Industriepräsident Siegfried Russwurm sagte, angesichts des gestiegenen Infektionsrisikos durch Mutationen sei es richtig, auf vorschnelle Öffnungen zu verzichten. Bund und Länder hätten es aber versäumt, eine klare Perspektive für eine stufenweise Öffnung der Wirtschaft aufzuzeigen.

Deutlich mehr Pleiten erwartet

Bund und Länder hatten am Mittwoch beschlossen, den Lockdown um weitere drei Wochen zu verlängern. Friseure können eher wieder öffnen. Eine schrittweise Öffnung des Handels wird erst in Aussicht gestellt, wenn die die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Corona-Neuinfektionen je 100 000 Einwohner binnen einer Woche, „stabil“ unter den Wert von 35 gedrückt werden konnte. Wann Gastronomie und Hotels wieder Gäste empfangen können, ist vollkommen offen.

HDE-Hauptgeschäftsführer Genth zeichnete am Donnerstag ein düsteres Bild über den Zustand des Einzelhandels. Pro geschlossenem Verkaufstag verlören die rund 200 000 betroffenen Unternehmen etwa 700 Millionen Euro Umsatz. Laut einer aktuellen HDE-Umfrage geht mehr als jeder zweite Händler in typischen Innenstadt-Branchen wie Bekleidung, Elektronik, Spielwaren oder Uhren/Schmuck davon aus, dass er ohne weitere Hilfen im Laufe des Jahres sein Geschäft wird aufgeben müssen. Bisher habe der HDE mit rund 50 000 Pleiten und dem Verlust von 250 000 Jobs gerechnet, sagte Genth. „Es können deutlich mehr werden.“

Gigantische Umsatzeinbußen

Falls die Geschäfte im März wieder öffnen, dürfte der Umsatzeinbruch gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 für den Handel (außer Lebensmittel) rund 15 Prozent oder 25 Milliarden Euro betragen. Bei einer Öffnung im April wären es laut einer Prognose des Verbands 37 Milliarden und bei einer Öffnung im Mai sogar 47 Milliarden Euro. Während der stationäre Einzelhandel darniederliegt, boomt das Online-Geschäft.

Auch im Südwesten sieht die Branche kein Licht am Ende des Tunnels. „Die Stimmung unter den Händler ist katastrophal. Uns wurde ein planungssicheres Öffnungskonzept versprochen“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann. „Aber eine sichere und faire Öffnungsstrategie können wir nicht erkennen, das ist ein Skandal.“ Hagmann kritisierte die Ungleichbehandlung des Handels. Wenn etwa ein Modehändler monatelang seinen Laden zusperren müsse, bekomme er die Winterwaren nicht mehr los – die er aber schon lange im Voraus kaufen musste. „Die Händler können die Waren nicht abbestellen, wenn man kurzfristig die Grundlagen für die Inzidenzwerte verändert. Außerdem müssen sie die Lieferanten bezahlen“, sagte Hagmann.

Bisher ging der Verband davon aus, dass im Zuge der Pandemie in diesem Jahr 6000 Geschäfte in Baden-Württemberg schließen. Mit der Verlängerung des Lockdowns könne die Zahl noch weiter steigen.

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