Welche Rolle spielt der Einzelhandel und wie kann man ihn erhalten? Timm Hettich, der Wirtschaftsförderer der Stadt Winnenden, nennt im Interview verschiedene Ansätze.
Wie kann man den Einzelhandel unterstützen? Zu dieser Frage nennt der Wirtschaftsförderer der Stadt Winnenden, Timm Hettich, verschiedenste Ansätze. Wir haben anlässlich der „Stadtbild“-Debatte bei ihm nachgefragt. Im Laufe dieser hatten sich die drei Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos/Tübingen), Richard Arnold (CDU/Schwäbisch Gmünd) und Matthias Klopfer (SPD/Esslingen) mit Vorschlägen zu Wort gemeldet und unter anderem eine Stärkung des Einzelhandels als Mittel gegen „Angsträume“ gefordert. Sie regten eine Absenkung der Mehrwertsteuer für den stationären Handel und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für den Onlinehandel an.
Herr Hettich, welche Rolle spielt der Einzelhandel aus Ihrer Sicht für ein lebendiges Stadtbild?
Der stationäre Einzelhandel ist für ein lebendiges Stadtbild von zentraler Bedeutung. Er prägt seit Jahrzehnten die Innenstädte und wirkt wie ein sozialer Magnet. Seine Rolle verändert sich zwar, bleibt aber weiterhin essenziell für Atmosphäre, Sicherheit und Aufenthaltsqualität in unseren Innenstädten. Ohne Einzelhandel würden die Innenstädte veröden und aussterben.
Was sagen Sie zu dem Vorschlag, den Onlinehandel stärker zu besteuern?
Der Vorschlag, den Onlinehandel stärker zu besteuern, ist aus meiner Sicht sinnvoll und wünschenswert. Das gilt besonders für große internationale Plattformen wie Shein oder Temu, die mit extrem billigen Produkten arbeiten und deren Herstellungsbedingungen regelmäßig wegen fehlender Umwelt- und Sozialstandards kritisiert werden. Auch Konzerne wie Amazon profitieren von globalen Strukturen, ohne lokal vergleichbare Beiträge zu leisten. Eine gezielte und faire Besteuerung könnte diese Ungleichgewichte verringern.
Welche Rolle spielen überteuerte Mieten für das Verschwinden des Einzelhandels?
Überhöhte Mieten bleiben ein kritischer Faktor. Sie verhindern Experimente und erschweren moderne, kleinere Handelskonzepte. Kommunen können hier nur moderieren, doch Gespräche und vermittelnde Rollen wirken oft stabilisierend. Für das Verschwinden des Einzelhandels sind die Mieten aber nicht hauptverantwortlich.
Wie könnte der Einzelhandel aus Ihrer Sicht unterstützt werden? Welche Strategien verfolgen Sie in Winnenden gegen Leerstand?
In Winnenden verfolgen wir ein umfassendes und sehr wirkungsvolles Konzept zur Stärkung des Einzelhandels. Mit unserem Förderprogramm „RückenWind“ unterstützen wir gezielt Neugründungen im Handel und in der Gastronomie, erleichtern den Einstieg und bringen frische Konzepte in die Innenstadt. Ergänzend vermitteln wir verfügbare Flächen aktiv und pflegen einen engen Dialog mit Eigentümern, um passende Nutzungen schnell zusammenzuführen.
Ein zentrales Erfolgsinstrument ist unser starkes Citymarketing. Wir erzeugen hohe Besucherfrequenzen durch ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm und setzen auf eine klare, positive Sichtbarkeit in den sozialen Medien. Kostenfreies Parken ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal, das unsere Innenstadt von anderen Städten im Kreis abhebt und für Kunden attraktiv macht. Besonders erfolgreich ist unser „Gschenk -und Jobkärtle“. Allein beim Jobkärtle beteiligen sich 20 Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern den steuerfreien Sachbezug monatlich auf das Jobkärtle einzahlen – das schafft spürbar zusätzliche Kaufkraft und bringt viele neue Kundinnen und Kunden in unsere Innenstadt. Darüber hinaus profitiert der Einzelhandel, wenn Städte gezielt in die Qualität ihrer Aufenthaltsräume investieren. Attraktive Plätze, kurze Wege und ein angenehmes Umfeld machen die Innenstadt zum Erlebnisraum und steigern die Freude am Besuch.
Zur Person
Amtsleiter Timm Hettich ist Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr in der Stadt Winnenden. Hettich ist außerdem ehemaliger Geschäftsführer des Marketingvereins „Attraktives Winnenden“, bei dem er seit Juli 2025 Mitglied im Vorstand ist.