Handgranaten-Angriff in Altbach Tobt ein neuer Bandenkrieg in der Region?

Einschlaglöcher einer Handgranate an einem Baum auf dem Altbacher Friedhof Foto: Ines Rudel/ 

Seit Monaten kommt es zu Auseinandersetzungen – zuletzt flog auf einem Friedhof eine Handgranate. Ermittelnden des Landeskriminalamtes sprechen am Mittwoch erstmals von „Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppierungen“.

Der Anschlag auf die Trauergemeinde am vergangenen Freitag hat auf dem Altbacher Friedhof Spuren hinterlassen. Eine Scheibe an der Aussegnungshalle ist in eine Fläche aus tausend kleinen Teilchen zerbröselt, ein paar Meter weiter ist ein Baumstamm übersät mit Einschlaglöchern, und auf dem Weg daneben hat sich ein weißer Fleck in den Asphalt gebrannt, offensichtlich durch die Tatwaffe, eine Handgranate. Ein älteres Ehepaar schaut am Mittwoch nach, ob die letzte Ruhestätte ihres Sohnes, drei Gräber weit entfernt, Schaden genommen hat. Alles ist in Ordnung, stellen sie fest, und gießen die Blumen.

 

Ein 23-jähriger Iraner, gegen den Haftbefehl erlassen wurde, soll die Granate geworfen haben. Der Anschlag geschah, als ein junger Mann beerdigt werden sollte. Gerade 20 Jahre war er alt, er stammte aus Kenia. Er war am Altbacher Bahnhof am frühen Samstagmorgen, 3. Juni, von einem Zug erfasst worden und gestorben. Auf der Beerdigung waren mehrere Hundert Menschen.

„Rivalisierende Gruppierungen“

Darunter offenbar auch einige junge Männer mit kurdischen Wurzeln, die in den zurückliegenden Wochen wohl in eine Art Bandenkrieg mit wenigstens einer anderen Gruppierung getreten sind: Die Ermittelnden des Landeskriminalamtes sprachen am Mittwoch erstmals von „Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppierungen“. Welche Gruppierungen, das will man noch nicht sagen. Nach Informationen unserer Zeitung stehen auf der einen Seite junge Kurden. Der Anschlag hängt demnach wohl mit einer Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen, darunter Schießereien, zusammen, die seit Monaten Unruhe in der Region stiften und die Polizei auf Trab halten.

Die von dem 23 Jahre alten Iraner angegriffene Trauerfeier wurde von Stuttgarter Polizeikräften überwacht. Das ergaben Recherchen unserer Zeitung. Allerdings verließen die Polizisten offenbar fluchtartig den Tatort, als die Handgranate explodierte. Nach einem der Polizisten wurde zeitweise sogar als möglichem zweitem Tatverdächtigen gefahndet – weil man ihn flüchten sah. Zudem soll das eigentlich zuständige Landeskriminalamt (LKA) zuvor eine technische wie menschliche Überwachung der Beerdigungsfeier abgelehnt haben.

Hinweis auf organisierte Kriminalität

Auf Anfrage verweist das Polizeipräsidium Stuttgart auf seine Kolleginnen und Kollegen in Reutlingen. Dort betont eine Sprecherin diplomatisch, man könne zu „den Einsatzmaßnahmen anderer Dienststellen keine Stellung nehmen“. Auch eine nachträgliche Bewertung dieser Maßnahme obliege ihrer Dienststelle nicht. Das LKA kommt gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart zu dem Ergebnis, „keine Stellung beziehen“ zu können. Dem stünden einsatztaktische Belange wie auch die laufenden Ermittlungen, dabei vor allem verdeckte Maßnahmen, im Wege.

Nach Recherchen unserer Zeitung stellten Experten vor dem Begräbnis fest, dass Freunde und Bekannte des Verstorbenen auf sozialen Medien Spendenaufrufe posteten, um die Beerdigung zahlen zu können. Zudem luden sie über die Plattformen Facebook und Tiktok dazu ein, an der Trauerfeier auf dem Friedhof der etwa 6500 Einwohner großen Kommune teilzunehmen. Und dieser Aufruf verfing vor allem bei Personen, die von der Polizei der organisierten Kriminalität im Raum Ludwigsburg zugeordnet werden.

Rettungskräfte bedroht

Aus diesem Grund entschied die Polizei offenbar, die Trauerfeier zu observieren. Demnach waren die Beamten mit sechs Fahrzeugen vor Ort, als der 23 Jahre alte Iraner die Handgranate über die Friedhofsmauer auf die Trauergäste warf. Dann griffen sie aber nicht ein, sondern verließen den Tatort – obwohl die Situation vor Ort sich weiter zuspitzte: Denn nach der Explosion verfolgten etwa 50 der Trauergäste den mutmaßlichen Handgranatenwerfer. Sie stellten den Mann und schlugen ihn zu Boden, malträtierten ihn mit Schlägen und Tritten weiter. Sie bedrohten auch Rettungskräfte. Der mutmaßliche Täter wurde mit schweren Kopfverletzungen in kritischem Zustand in eine Klinik geflogen. Gegen ihn erging ein Haftbefehl, unter anderem wegen versuchten Totschlags.

Fraglich ist, ob die Stuttgarter Polizisten den Handgranatenwurf oder zumindest den Übergriff der Trauergäste auf den Iraner hätte verhindern können, wenn sie den Bereich um den Friedhof nicht verlassen hätten. Durch die Explosion wurden zehn Trauergäste verletzt, einer schwer. Inzwischen zeichnet sich immer klarer ab, dass nur ein glücklicher Umstand dazu führte, dass nicht wesentlich mehr Menschen bei der Handgranatenattacke zu Schaden kamen. Offenbar verhinderte ein Ast eines Baumes ein Blutbad auf dem Altbacher Friedhof. Denn die Granate war offenbar am Geäst abgefedert und so auf der oberen Ebene des in einem Hang angelegten Friedhofes explodiert – und nicht inmitten der Trauergäste.

Im Umkreis bis 18 Meter tödlich

Bei einer Explosion der im früheren Jugoslawien hergestellten Handgranate des Typs M75 werden bis zu 3000 Kügelchen freigesetzt, die in den Hartplastikmantel des Sprengkörpers eingegossen sind. In einem Umkreis von 12 bis 18 Metern wirkt eine Explosion der M75-Granate tödlich, in einem Umkreis bis zu 54 Meter verletzt und verstümmelt sie Opfer.

Die M75 war die während der Balkankriege von 1995 bis 2001 am häufigsten eingesetzte Handgranate. Von ihr wurden Millionen hergestellt. In Bosnien, Kroatien, dem Kosovo und in Mazedonien wurden sie vor allem dazu genutzt, um Kämpfer in Stellungen auszuschalten. Zudem wurde sie wegen ihrer kurzen Verzögerungszeit von drei bis vier Sekunden eingesetzt, um sie, versteckt in Häusern und Wäldern, mithilfe von Stolperdrähten zu zünden. Zum Ende des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre war eine Schiffsladung der Handgranaten M75 und des baugleichen Typs M93A nach Skandinavien gelangt. Der Sprengkörper ist seitdem europaweit bei Banden und Clans beliebt, die damit gewaltsam Konflikte austragen.

Drei tatverdächtige Männer gefasst

Das Motiv für den Granatenangriff von Altbach ist noch unklar. Seit Monaten kommt es in der Region Stuttgart immer wieder zu Gewaltdelikten mit Schusswaffen. Laut dem Landeskriminalamt gibt es Anhaltspunkte dafür, dass „sowohl diese Schussabgaben im öffentlichen Raum als auch die Tat in Altbach im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen zweier rivalisierender gewaltbereiter Gruppierungen“ stehen. Die Aufklärung des Ablaufs und der Hintergründe der Taten sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Ermittlungskooperation der Polizeipräsidien Ludwigsburg, Reutlingen, Stuttgart und Ulm sowie des Landeskriminalamts Baden-Württemberg.

Am Mittwoch wurden drei tatverdächtige Männer gefasst, die an der Schlägerei beteiligt gewesen sein sollen. Die 19, 20 und 21 Jahre alten Männer mit deutscher, türkischer und georgischer Staatsbürgerschaft sollen unter den 50 Personen gewesen sein, die den mutmaßlichen Granatenwerfer angriffen.

Ein spannender Fund

Bei einem von ihnen, dem 19-Jährigen, fand die Polizei eine Schusswaffe und Munition. Ein spannender Fund: Die Polizei überprüft nun, ob diese Waffe bei einer der Schießereien in den zurückliegenden Monaten eine Rolle gespielt haben könnte. Dann wäre der Bezug zu weiteren Taten eindeutig geklärt. Es bleibt die Frage nach den Motiven.

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