Handwerk besorgt um Ausbildung Handwerk will Meisterpflicht ausweiten

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Das Handwerk sieht die Betriebe mit einem Meister an der Spitze als Rückgrat der Ausbildung an. Die Zahl dieser Betriebe sinkt jedoch schon seit Jahren.

Seit der Abschaffung der Meisterpflicht hat die Zahl der Fliesenlegerbetriebe stark zugenommen. Foto: dpa
Seit der Abschaffung der Meisterpflicht hat die Zahl der Fliesenlegerbetriebe stark zugenommen. Foto: dpa

Stuttgart - Das Handwerk will für mehr Berufe als bisher wieder die Pflicht zur Ablegung einer Meisterprüfung einführen. „Wir brauchen mehr Meisterbetriebe“, sagte der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wenn es immer weniger Meister gibt, ist die Weitergabe von Wissen und qualifizierter Ausbildung gefährdet“. Betriebe mit Meistern an der Spitze sind das Rückgrat der Ausbildung im Handwerk: „90 Prozent des Nachwuchses werden in Betrieben ausgebildet, in denen die Absolvierung einer Meisterprüfung vorgeschrieben ist“, berichtet Oskar Vogel, der Hauptgeschäftsführer des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT).

Ein Problem für das Handwerk ist, dass zwei Drittel aller Anfänger dieses im Laufe ihres Berufslebens wiederverlassen. Die gute Konjunktur, für die Handwerker mit Blick auf ihre Ertragslage durchaus erfreulich, verschärft den Mangel an Fachkräften und Azubis. Allein im Südwesten könnten 45 000 zusätzliche Fachkräfte und 10 000 Lehrlinge eingestellt werden, sagt Vogel. Konsequenz des Mangels: Die Preise steigen, die Wartezeiten werden länger. Wer einen Handwerker im Bereich Sanitär-, Heizung, Klima braucht, muss sich mehr als acht Wochen gedulden.

In den kommenden Jahren steht in vielen Betrieben ein Generationswechsel bevor

Möglicherweise kann die Digitalisierung dem Mangel an Fachkräften etwas entgegenwirken: „Die eingesparte Zeit könnte dann für die Arbeit bei den Kunden genutzt werden“, meint Vogel. Noch aber gibt es nach den Worten von Schwannecke bei der Digitalisierung im Handwerk „deutlich Luft nach oben“. Ein Manko, das behoben werden muss. Dies auch deswegen, weil in den kommenden fünf Jahren allein im Südwesten für 20 000 Betriebe ein Nachfolger gefunden werden muss. Interessenten aber würden wohl eher einen neuen Betrieb gründen, als einen bestehenden auf Vordermann bringen, der bei der Digitalisierung nichts oder zu wenig getan hat, meint Vogel. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, das kommt den Wünschen des Handwerks entgegen, wurde vereinbart zu prüfen, ob für einzelne Handwerke wieder eine Meisterpflicht eingeführt werden soll. Bei der Novellierung der Handwerksordnung 2004 war diese für zahlreiche Gewerke abgeschafft worden. Begründet wurde dies von der damaligen Bundesregierung mit dem Hinweis auf die hohe Arbeitslosigkeit. Mit der Abschaffung des Meisterzwangs sollten – auch für Arbeitslose – Neugründungen erleichtert werden. „Inzwischen hat sich der Wind aber gedreht“, sagt Vogel, „wir müssen jetzt nicht mehr die Arbeitslosigkeit bekämpfen, sondern den Facharbeitermangel“. Im Bundestag hat sich eine Arbeitsgruppe zum Thema Meisterpflicht gebildet, der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat zwei Gutachten in Auftrag gegeben.

Die Zahl der Meisterprüfungen ist bei den Fliesenlegern deutlich gesunken

Im Augenblick ist nur noch für die Führung von 41 Betrieben in Handwerksberufen eine Meisterprüfung oder die Anstellung von geprüften Meistern erforderlich. Bei 53 Berufen handelt es sich dagegen um „zulassungsfreie“ Handwerke, für die kein Meistertitel verlangt wird. Hierzu zählen etwa Fliesenleger. Dass es seit der Novellierung der Handwerksordnung eine enorme Zunahme der Fliesenlegerbetriebe gab, ist dem Zentralverband des Deutschen Baugewerbes ein Dorn im Auge. „Ungelernte ohne jegliche Qualifikation“ hätten sich bei den Kammern in die Handwerksrolle eintragen lassen, sagt ein Verbandssprecher. 2004 habe es bundesweit 12 000   Fliesenlegerbetriebe gegeben, inzwischen seien es mehr als 71 000. Dagegen sei die Zahl der jährlichen Meisterprüfungen von 550 auf nur noch 100 im Jahr gesunken, ausgebildet würden jährlich nur noch 2200 Lehrlinge – halb so viele wie 2002.

Die Wiedereinführung der Meisterpflicht könnte in manchen Bereichen Probleme bringen

Doch gerade bei Gewerken, für die ein Meistertitel vorgeschrieben ist, geht die Zahl der Betriebe fortlaufend zurück. Zwar will der Zentralverband des Handwerks noch keine Angaben zu möglichen Gewerken machen, für die seiner Ansicht nach eine Wiedereinführung der Meisterpflicht in Frage kommen könnte. Gleichwohl gibt es aber Andeutungen, wohin die Reise gehen könnte. So meint etwa Vogel, zusätzlich zum hohen Ausbildungsstandard und zum Gefahrenrisiko könne auch der Verbraucherschutz herangezogen werden.

Die Wiedereinführung der Meisterpflicht indes könnte auch neue Probleme mit sich bringen – so etwa bei den Gebäudereinigern. Möglicherweise könnte es dann in eine Aufspaltung von Betrieben mit und solche ohne Meisterpflicht kommen, befürchtet Wolfram Schlegel, Geschäftsführer des Gebäudereinigerverbands in Baden-Württemberg. Dies deswegen, weil dann möglicherweise in gefährlicheren Berufen – etwa der Fassadenreinigung – wieder die Meisterpflicht eingeführt würde, nicht aber bei Reinigungskräften, die Büros sauber hielten. Das, so die Besorgnis von Schlegel, könnte „auch zu einer Aufspaltung des heute geltenden einheitlichen Tarifwerks führen.“