Handwerk in Ostfildern Friseure kämpfen um Nachwuchs – Branche fordert mehr Rückhalt

Andreas Deuschle (links) macht sich im Salon von Marcel und Tanja Stick ein Bild von Problemen des Friseurhandwerks. Foto: Markus Brändli

Die Friseurmeister Marcel und Tanja Stick aus Ostfildern wünschen sich mehr Rückhalt von der Politik. Es geht um Steuern, um Bürokratieabbau und Hilfen.

Reporterin: Elisabeth Maier (eli)

Mit Fachkräftemangel, fehlendem Nachwuchs und der wachsenden Konkurrenz durch Barber Shops hat das Friseurhandwerk zu kämpfen. „Wir bilden aus, aber es fehlt der Nachwuchs“, sagt Marcel Stick, der mit seiner Frau Tanja in Ruit, Sillenbuch und Riedenberg drei Friseursalons betreibt. Die Wettbewerbsvorteile für Kleinunternehmen, die von der Umsatzsteuer befreit sind, kritisiert Stick ebenso wie viele seiner Kollegen.

 

„Da fehlt uns die politische Lobby“, sagte der Ruiter im Gespräch mit dem Landtagsabgeordneten Andreas Deutschle (CDU), der sich im Rahmen seiner Sommergespräche mit Problemen des Handwerks beschäftigte. Stick wünscht sich, dass für alle Friseurgeschäfte die gleichen Regeln gelten. Die Umsatzsteuer sollte aus seiner Sicht für alle auf sieben Prozent gesenkt werden. Er und seine Frau beschäftigen in ihren Salons 25 Mitarbeitende. „Wichtig ist uns, dass wir faire Löhne zahlen“, sagt Tanja Stick. Das zahlt sich für die Friseurmeisterin aus, denn die Fluktuation ist in ihren Salons relativ gering.

Steigende Energiekosten machen den Betrieben ebenso zu schaffen wie steigende Preise für hochwertige Pflegeprodukte. Barbershops und Billig-Friseurketten machen den etablierten Friseurgeschäften zwar Konkurrenz. Die sieht das Ehepaar Stick aber gelassen. „Wir haben unsere Stammkundschaft, die persönliche Beratung und den Kontakt schätzen“, sagt Tanja Stick. Ihre Terminbücher sind voll. In Deutschland gibt es nach Sticks Worten 80 000 bis 90 000 Friseursalons. Wegen der Regelung für Kleinunternehmer sind etwa ein Drittel davon von der Umsatzsteuer befreit. Das findet Marcel Stick ungerecht. „Weniger Bürokratie“ wäre auch für das Friseurhandwerk wünschenswert, sagt der Unternehmer. Da appellierte er an den Landtagsabgeordneten Deuschle, per Gesetz Hürden abzubauen.

Fachkräftemangel trifft auch die Friseursalons. Die junge Generation sieht zunehmend Schattenseiten des einstigen Traumberufs. Vergleichsweise geringe Bezahlung und schwere Arbeitsbelastung schrecken ab. „Wir würden ausbilden, aber die Bewerber fehlen“, sagt Marcel Stick. Er und seine Frau engagieren sich in der Innung für die Ausbildung des Nachwuchses. Und sie wollen Vorbild sein. „Uns macht der Beruf Spaß, wir sind Dienstleister aus Leidenschaft“, sagt Tanja Stick. Sie geht wie ihr Mann mehrmals die Woche zum Fitness-Training. So stecken die beiden langes Stehen gut weg. Ihnen macht der Beruf Freude. Die wollen sie an ihr Team und die Kundschaft weitergeben.

Junge, gut ausgebildete Fachkräfte wandern ab

Dass junge, gut ausgebildete Fachkräfte in die Barbershops oder in Filialen der Billig-Ketten abwanderten, sei ein Problem. Da will das Ehepaar Stick mit fairen Löhnen und mit guten Arbeitsbedingungen gegensteuern. Außerdem hat der Unternehmer viel Geld investiert, um die Geschäftsräume in Ruit zu erweitern. „Da haben wir lokale Handwerker beschäftigt“, sagt Stick, der für die Freien Wähler im Ostfilderner Gemeinderat sitzt.

„Von den Nachwirkungen der Corona-Zeit erholen wir uns erst jetzt“, sagt der Friseurmeister. Von den Hilfen, die der Betrieb damals vom Land erhalten hat, habe er 90 Prozent wieder zurückgezahlt. „Uns war es wichtig, dass wir unsere Leute voll weiterbezahlen konnten“, sagt Tanja Stick. Denn die Familien seien auf ihre Einkommen angewiesen. In Zeiten der Lockdowns kamen die Sticks auf die Idee, einen Online-Shop anzubieten. „Das war ein gewagtes Experiment“, sagt Marcel Stick. Doch sein Mut hat sich ausgezahlt. Neben Haarschneidemaschinen sind da Pflegeprodukte zu haben. Dazu musste er zunächst die Hersteller überzeugen.

Im Friseurhandwerk fehlt der Nachwuchs. Foto: dpa

Das Konzept ging auf. „Inzwischen haben wir Bestellungen aus ganz Deutschland.“ Für die Kundschaft, die in Zeiten der Lockdowns nicht in die Salons kommen durften, haben die Sticks Haarpflege-Pakete zusammengestellt, die auf die individuellen Bedürfnisse der Kundschaft abgestimmt waren. Dennoch spricht Stick von beträchtlichen Einbußen. In Zeiten häuslicher Isolation sei „der Sinn für Schönheit verloren gegangen“.

Zeit für die Kundschaft im Pflegeheim nehmen

Das hat sich geändert. Als bodenständiges Familienunternehmen beschäftigen die Sticks für die Terminvereinbarung an der Rezeption in den drei Salons angelernte Kräfte. Das kostet zwar zusätzlich Geld, aber Tanja Stick weiß, wie wichtig persönlicher Kontakt ist. Obwohl Termine theoretisch mit Künstlicher Intelligenz vereinbart werden könnten, steht für sie der Mensch im Mittelpunkt. Die Sticks begleiten ihre Kundschaft bis ins hohe Alter. Samstags besucht das Ehepaar Kundinnen und Kunden im Pflegeheim, die selbst nicht mehr in den Salon kommen können. Sie schön zu frisieren, hat für Tanja Stick mit Würde zu tun. Da nimmt sie sich gerne Zeit.

Ausbildungsberuf mit Perspektive

Schönheit als Beruf
Der Friseurberuf ist einer von 340 anerkannten Ausbildungsberufen. Die Ausbildung erfolgt dual und dauert drei Jahre. Bei guter Leistung kann sie um ein Jahr verkürzt werden. Der Lehrplan ist vielfältig und neben dem Haarschnitt, der Coloration und der Frisurengestaltung lernen die Männer und Frauen den professionellen Umgang mit Kunden. Darüber hinaus werden ihnen die wichtigsten Make-up Techniken näher gebracht und sie bekommen Einblick in die Nagelkosmetik.

Voraussetzungen
Begeisterung für kreative Gestaltungen ist nach den Worten der Friseurinnung eine wichtige Voraussetzung für den Beruf. Handwerkliches Geschick ist ebenso gefragt. „Die Fähigkeit auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren“, ist gefordert, dazu kommen Empathie und Kontaktfreude. „Du benötigst keinen bestimmten Schulabschluss um eine Ausbildung zum Friseur zu machen“, ist auf der Homepage der Innung nachzulesen. Ein guter Schulabschluss sei dennoch gerne gesehen. Weitere Informationen auf der Homepage: www.die-friseurinnung.de

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