Handwerk in Stuttgart Der älteste Uhrmachermeister in Stuttgart

Mario Teising (links) und Bernd Walter zeigen ein Marine-Chronometer der Royal Navy aus dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bernd Walter zählt zu den Urgesteinen im Uhrmacherhandwerk. Einer, der Zeitmesser noch selbst bauen und reparieren kann.

Lokales: Iris Frey (if)

Wer in der Hechtstraße im Einkaufszentrum in Mönchfeld das Uhrengeschäft von Christa und Bernd Walter betritt und die hölzernen Schwenktüren in die Werkstatt hinter dem Verkaufsraum durchschreitet, der kommt ins Staunen. Denn hier liegt fein säuberlich alles an seinem Platz, jedes Schräubchen und jeder Bohrer – inmitten tickender, surrender und klingender Zeitmesser. Frisch repariert und poliert oder noch in Arbeit. Es ist die Welt von Bernd Walter. Der gefragte Uhrenexperte, der am 26. Juli seinen 85. Geburtstag feiert, hat noch lange nicht genug von der Arbeit. Täglich steht er an der Drehbank oder an einem seiner beeindruckenden, selbst gebauten Prüfgeräte, wie einem Schwingungsmessgerät. Im weißen Kittel steht er da, freut sich auf die Arbeit – weil sie so vielseitig ist.

 

Bernd Walter hat schon 1978 den ersten Computer gebaut

Während er jedes tickende Zeitmessinstrument repariert, bedient seine Frau (76), eine ausgebildete kaufmännische Angestellte, die Kundschaft. Beide arbeiten seit 56 Jahren Hand in Hand im Geschäft. „So lange sind wir auch verheiratet“, sagt Christa Walter. Der Stuttgarter Tüftler hat schon früh versucht, es sich bei der Arbeit auch einfach zu machen: „Ich habe mir schon 1978 einen ersten Computer gebaut für die Lagerhaltung und um Rechnungen zu schreiben.“ Seine Frau und er arbeiten heute noch mit jeweils zwei Bildschirmen. Walters Rechnungen gleichen einer Art wissenschaftlicher Ausarbeitung, mit farbigen Fotos, die die Arbeit dokumentieren und vielen Erklärungen zur Reparatur.

Elterliches Geschäft im Tagblatt-Turm übernommen

Schon Walters Vater Adolf hatte früher im Stuttgarter Tagblatt-Turm ein Uhrengeschäft. Sohn Bernd hat die tickende Welt von klein auf erlebt, aber seine Lehre in Bad Cannstatt absolviert. Danach ging er mehrere Jahre zur Fortbildung in die Schweiz, unter anderem nach Bellinzona im Kanton Tessin, dann in die Uhrenfabrik Cestina nach Grenchen im Kanton Solothurn sowie nach Zürich. Danach ist er ins elterliche Geschäft zurückgekehrt. 1966 hat Walter seine Frau kennengelernt. 1968 haben sie geheiratet. Seit 24 Jahren sind sie nun in Mönchfeld im Ladenzentrum eine gefragte Adresse weit über Stuttgart hinaus mit Kunden von Afrika bis in die USA, berichtet Walter.

Seit 24 Jahren Werkstatt und Verkauf in Mönchfeld

Die vielfältige Arbeit des selbstständigen Uhrmachers schätzt auch Uhrmachermeister Mario Teising aus Herrenberg. Der junge Kollege ist seit 2012 montags in Mönchfeld in der Werkstatt bei Bernd Walter vor Ort. Warum es heute an Nachwuchs fehlt und so viele Uhrmacher aufhören? „Viele zieht es in die Industrie“, sagt Teising. Dort verdiene man zwar mehr, aber die Arbeit sei eintöniger. Teising arbeitet auch mit seiner Frau, wie Walter. Er schätzt dessen „gute Ratschläge fachlich und privat“. Sie tauschen sich über Problemfälle aus. „Manches geht auch nur zu zweit zu reparieren“, sagt Teising, der seit 2019 selbstständig ist. Immer weniger Uhrmacher bilden auch aus, der Kosten wegen, sagen beide. Viele Firmen seien auch nicht mehr eigentümergeführt. So ist Walter noch einer der wenigen, der alles kann, was zur Herstellung und Reparatur von Uhren nötig ist. So kann er auch eine französische Comptoise von 1780 reparieren mit vier Glocken und Vierviertelschlagwerk. Teising und Walter führen sie voller Stolz vor. Auch eine Pariser Pendeluhr mit Lyra um 1840 soll noch gewartet werden.

Besonderes Stück: ein Marine-Chronometer

Walters besonderes Schätzchen ist ein Marine-Chronometer. „Der Wert ist nicht einzuschätzen aufgrund der besonderen Historie“, erzählt Teising dazu. Es stammt aus dem Flaggschiff der Royal Navy HMS Nelson vom Zweiten Weltkrieg und zeigt geografisch die Längengrade an. „Wir haben sie repariert“, sagt Walter stolz. Die Uhr wurde ausgemustert, kam 1941 in ein Chronometer Depot der Royal Navy – und über Umwege von England nach Deutschland. Noch zu reparieren hat Walter ein russisches Schiffschronometer aus den neunziger Jahren. Das erinnert ihn daran, dass er sich 1958 bei einer russischen Uhrenfabrik in Moskau beworben hatte. Auch nach Guatemala hat er sich damals beworben. Die Zusage kam jedoch just nach seiner Zusage in Bellinzona. So ging es in die Schweiz, bis heute ein Dorado der Uhrmacherei.

Gute Augen und Disziplin erforderlich

Was zu einem guten Uhrmacher gehört? Gute Augen, Geduld und Disziplin, sagt Teising. Walter bemängelt die schlechte Ausbildung: „Azubis sollten Strom und Spannung unterscheiden können.“ 1997 hatte er seinen letzten Lehrling. Walters Sohn ist Uhrmacher in der Schweiz. „Er hat es richtig gemacht“, sagt der Mönchfelder, der auch selbst Messgeräte für elektronische Uhren gebaut hat. „Elektronik hat mich schon immer interessiert.“ Walter hat alles, was das Uhrmacherherz begehrt, auch eine Schaublin-Drehbank, den „Rolls-Royce unter den Drehbänken“. Spannzangen in Reih und Glied und Bohrer: Der kleinste Bohrer ist 0,04 Millimeter groß und der größte 20 Millimeter. Stolz ist Walter auch auf sein selbst gebautes Gerät, mit dem er die Schwingungen einer Stimmgabel-Uhr einstellen kann. „Das Uhrmacherhandwerk wurde weggeschrumpft gegen Ersatzteilreparaturen“, sagt Teising, der die Entwicklung bedauert. Die Handwerkskammer Region Stuttgart zählt aktuell zwölf Uhrmacherbetriebe mit Hauptberuf Uhrmacher in Stuttgart, sagt eine Sprecherin. Aktuell gibt es keine Auszubildenden im Uhrmacherhandwerk im Kammergebiet.

Kleinster Bohrer ist 0,04 Millimeter groß

So gibt es immer weniger Menschen, die das alte Handwerk aufrechterhalten. Walter ist einer von ihnen. Eine Kaminuhr von 1880 mit Figuren aus der Schweiz muss er noch reparieren. Die Zeit läuft. Hoffentlich weiter fürs Handwerk.

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