InterviewHandwerkspräsident Reichhold „Jeder Schülerfindet eine Ausbildung“

Von Stefanie Köhler 

Jugendliche im Südwesten haben so gute Chancen wie lange nicht, eine Lehrstelle zu bekommen. Viele erfüllen jedoch nicht die Anforderungen der Betriebe, kritisiert Handwerkspräsident Reichhold.

Zu viele Lehrstellen-Bewerber mit schlechten Rechen- oder Deutschkenntnissen: Handwerkspräsident Rainer Reichhold sieht Handlungsbedarf für die Schulpolitik im Land. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky
Zu viele Lehrstellen-Bewerber mit schlechten Rechen- oder Deutschkenntnissen: Handwerkspräsident Rainer Reichhold sieht Handlungsbedarf für die Schulpolitik im Land. Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky
Stuttgart – - Herr Reichhold, in wenigen Monaten startet das neue Ausbildungsjahr. Finden Jugendliche jetzt überhaupt noch eine Lehrstelle?
Jeder Jugendliche, der eine Ausbildung machen möchte, findet derzeit eine Ausbildung. Zum 30. September 2016 waren in Baden-Württemberg rund 10 000 Lehrstellen im Handwerk unbesetzt. Dieses Jahr gehen wir von einer ähnlich hohen Zahl aus. Der Wirtschaft geht es unendlich gut. Und den Unternehmern ist klar: Wenn sie nicht ausbilden, droht ihnen der Facharbeitermangel.
Wo fehlen besonders viele Azubis?
Die Lebensmittelbranche, Stuckateure oder Stahlbetonbauer suchen dringend Nachwuchs. Viele Jugendliche haben ein falsches Bild von vielen Berufen – im Lebensmittelhandwerk arbeitet man nur nachts, auf dem Bau schleppt man sich kaputt. Das stimmt nicht mehr, das Handwerk hat sich gewandelt. Die Arbeitsbedingungen sind so angepasst, dass man den Beruf ein Arbeitsleben durchhält.
Muss das Handwerk mehr für sich werben?
Für Jugendliche muss ein Beruf interessant sein, und dahingehend bieten wir genug passende Information. Unsere Imagekampagne „Das Handwerk – Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ zeigt in den sozialen Medien in Filmen, was das Handwerk tut oder welche Karrierechancen es gibt. Auf dem Videoportal Azubi-TV, das auch online abrufbar ist, stellen Lehrlinge ihren Beruf vor. Jugendliche machen während ihrer Schulzeit mehrere Praktika. Unsere Betriebe präsentieren sich bei den Lehrlingstagen der Schulen oder bei den Ausbildungsberatungstagen. Es liegt an den Jugendlichen, dass sie sich informieren.
Trotzdem bekommen Tausende Jugendliche im Land keine Lehrstelle. Zugleich klagen Arbeitgeber, dass sie keine passenden Lehrlinge finden. Wie passt das zusammen?

Nicht jeder kriegt eine Ausbildung in seinem Traumberuf und an seinem Wohnort. Eine gewisse Flexibilität muss da sein. Es kann nicht jeder junge Mann Kfz-Mechatroniker und nicht jede junge Dame Friseurin werden. Bei den 133 Ausbildungsberufen im Handwerk müssen die Jugendlichen sich überlegen, welche ähnlichen Berufe es gibt. Für jemanden, der Kfz-Mechatroniker werden will, sind vielleicht auch Berufe interessant, in denen es um Maschinen, Motoren und Technik geht. Innerhalb eines Berufsfeldes – Metall, Pflege, Schneiderwesen – muss man etwas nach links und rechts schauen, dann stößt man auf wirklich spannende Berufe. Und wenn die gewünschte Ausbildung nicht direkt am Wohnort möglich ist, muss man eben ein Stückchen fahren.

Die Betriebe haben auch zu hohe Ansprüche: Laut Berufsbildungsbericht 2017 bevorzugen sie Abiturienten, Jugendliche mit Hauptschulabschluss haben wenig Chancen. Warum fällt es der Wirtschaft so schwer, Hauptschüler in die Ausbildung zu integrieren?
Das würde ich so nicht unterschreiben. Das Handwerk bildet seit Jahrzehnten Haupt- und Werkrealschüler aus. Es kommt immer auf die Persönlichkeit der jungen Menschen an. Wer geeignet erscheint, hat eine realistische Chance. Trotzdem: Jeder Azubi muss mit den Inhalten, die in der Berufsschule gelehrt werden, und den gestiegenen Anforderungen der Kunden Schritt halten. Er muss das Wissen, das er vermittelt bekommt, umsetzen können.
Und das gelingt zu wenigen Bewerbern?
Leider ja. Es reicht nicht, eine Ausbildung zu wollen und Engagement zu zeigen, etwa in Form von Praktika. Der junge Mensch muss auch Können und Lernbereitschaft zeigen, und das artikuliert sich über seine schulische Leistung. Die Ausbildung im Handwerk ist anspruchsvoll. Wir brauchen handwerklich begabte Leute, die in der Lage sind, die Themen innerhalb einer Ausbildung inhaltlich zu verstehen und anzuwenden. Sie müssen technische Zusammenhänge begreifen, dazu gehört gut Lesen und Schreiben zu können. Ein gewisses Verständnis für Mathematik ist auch nötig, egal welchen Beruf der Azubi lernt. Wenn jemand mit Ach und Krach seinen Hauptschulabschluss schafft und sonst nichts vorzuweisen hat, genügt das für eine Lehre nicht. Er muss sich erst weiterqualifizieren. Nicht bei allen Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden, ist die schulische Qualifikation schuld. Manche haben ein persönliches Defizit. Azubis müssen im Team arbeiten können und sollten Grundtugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit mitbringen. Bei jungen Leuten, die zu spät oder gar nicht zum Vorstellungsgespräch oder auf der Baustelle erscheinen, sehe ich das nicht.
Wen sehen Sie in der Pflicht, die Defizite der Jugendlichen zu beheben?
Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen Rahmenbedingung schaffen, damit jeder Jugendliche so gefördert wird, dass er einen Beruf erlernen kann. Daran sind die Eltern so beteiligt wie die Schule. Ich denke an eine ausführliche Evaluation des gesamten Schulsystems. Aber auch wir als Betriebe leisten unseren Teil. Es gehört aber nicht zu den Aufgaben der Betriebe, die Versäumnisse aus dem Schulunterricht nachzuholen, obwohl viele dies tun. Dass Jugendliche grundsätzlich lernfähig sind, merkt man daran, dass jeder ein Smartphone hat und es problemlos beherrscht – unabhängig vom Bildungsabschluss.
Was investiert das Handwerk in Azubis?
Das Handwerk hat Vorbildcharakter. Viele Betriebe bestehen aus einem Meister, der der Inhaber ist, meist arbeiten noch die Ehefrau mit und zwei, drei Gesellen. Der Azubi kommt also in eine „Handwerkerfamilie“. Er wird in einen Kollegenkreis aufgenommen, der ihn mitzieht und unterstützt, bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit oder schulisch – sofern der junge Mensch auch lernen will. Hier bieten die Handwerksorganisationen zum Beispiel Lernbegleiter an.
Warum sind auch Abiturienten so wichtig?
Wir haben in Baden-Württemberg 133 000 Handwerksbetriebe, ein Drittel davon steht in den nächsten zehn Jahren zur Übergabe an. Dafür brauchen wir Führungskräfte, die in der Lage und willens sind, ein eigenes Unternehmen zu führen, vorauszudenken und Kollegen anzuleiten. Personen mit einem höheren Bildungsabschluss sind per se dafür geeignet. Man kann ihnen einen größeren Horizont zutrauen, weil sie – hoffentlich – bereit sind, etwas mehr zu lernen als andere. Abiturienten können auch über die duale Ausbildung den Meistertitel machen und dann studieren. Eine Ausbildung im Handwerk ist grundsätzlich weder eine Sackgasse noch das Ende des Karrierewegs, es bietet allen viele Aufstiegsmöglichkeiten – mit Jobgarantie: Es gibt keinen arbeitslosen Handwerksmeister, ob selbstständig oder angestellt, aber ich weiß von genug arbeitslosen Hochschulabsolventen.
Die Stuttgarter Zeitung, die Stuttgarter Nachrichten und das Stuttgarter Wochenblatt haben mit „Perspektive Ausbildung“ eine Ausbildungs-Offensive, bei der Schulabgänger und Betriebe mit vakanten Ausbildungsplätzen zusammenkommen sollen. Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr ihren Abschluss machen und für den Herbst noch keine Zusage für einen Ausbildungsplatz haben, können kostenlos eine Suchanzeige für ihre Wunschausbildung aufgeben. Mehr Details gibt es hier. http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.lage-auf-dem-ausbildungsmarkt-lehrlinge-werden-haenderingend-gesucht.6d6160c5-4362-4ac4-9d43-e3e4b33874c6.html http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.azubimarketing-kreativ-bei-der-azubisuche.c00b7fb1-3581-45c2-ad63-af7b4cccbbeb.html