Hannover 96 Alles, nur nicht normal

Von Christian Otto 

Eine Mischung aus Entschlossenheit und Genialität: Jan Schlaudraff ist Hannovers Mann für die besonderen Fälle – auch gegen den VfB Stuttgart?

Der Lupfer ins Glück: Jan Schlaudraff trifft zum 2:1 für Hannover. Foto: dpa 2 Bilder
Der Lupfer ins Glück: Jan Schlaudraff trifft zum 2:1 für Hannover. Foto: dpa

Hannover - Sein frecher und sehenswerter Elfmeter besiegte einfach alles. Mit diesem einen spektakulären, aber auch riskanten Schuss hatte Jan Schlaudraff alle vergessen lassen, dass ihnen ein zweifelhafter Schiedsrichter um ein Haar diesen großen Fußballabend verdorben hätte. Hannover 96 war am Donnerstagabend, als das Hinspiel der Zwischenrunde in der Europa League gegen den FC Brügge Aufregung auslöste, von dem Portugiesen Jorge Sousa gleich mehrfach benachteiligt worden.

Sie hatten durch ein Kopfballtor von Maxime Lestienne (51. Minute) schon mit 0:1 zurückgelegen. Doch ein Treffer des eingewechselten Artur Sobiech (73.) und eben dieser verwandelte Strafstoß von Schlaudraff (80.) machten noch einen sehenswerten 2:1-Heimsieg möglich. Der Lupfer von Schlaudraff, der den gegnerischen Torhüter Vladan Kujovic im Moment der größten Spannung regelrecht veräppelt hatte, war von der Mehrheit der 42.000 Zuschauer erst bestaunt und dann bis in die späte Nacht schmunzelnd diskutiert worden.

"Ich hoffe insgesamt auf ausgleichende Gerechtigkeit"

"Ich kann Jan zu diesem Tor nur gratulieren. Aber ich bin wirklich gespannt, ob er das immer so macht", sagte Christoph Daum, der geschlagene Trainer des FC Brügge. Der langjährige Bundesligacoach, der dank seiner wortreichen Ausführungen und blumigen Analysen immer noch hohen Unterhaltungswert besitzt, sah sich seinerseits vom Schiedsrichter um ein Erfolgserlebnis gebracht.

Dem Elfmeter von Schlaudraff war eine Fehlentscheidung des Referees vorausgegangen, der ein Foul an Sobiech gesehen haben wollte. "Ich hoffe insgesamt auf ausgleichende Gerechtigkeit", sagte der leicht säuerliche Daum und wollte nicht wahrhaben, dass vor allem Hannover während der 90 packenden Minuten immer wieder benachteiligt worden war.

Es war eine beeindruckende Mischung aus Entschlossenheit und Genialität, die die Sieger zu bieten hatten und die bewirkt, dass die Niedersachsen vom Einzug ins Achtelfinale träumen dürfen. "Selbst wenn am Ende sogar ein 3:1 möglich war: wir können mit dieser Leistung zufrieden sein. Aber wir sind auch gewarnt", sagte der starke Schlaudraff, der dem taktisch klug agierenden Team immer wieder diese besonderen Momente beschert.

Schlaudraff präsentiert sich deutlich gereift

Es war bezeichnend, dass der frühere Nationalspieler, der in der Schlussphase der Partie auch die Kapitänsbinde getragen hatte, kurz vor dem Abpfiff auf besondere Art Verantwortung übernahm. "Jan hat mir hinterher glaubhaft versichert, dass dieser Schuss für ihn die sicherste Variante ist", sagte der Hannoveraner Trainer Mirko Slomka und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Es gab vor einem Jahr noch das Bestreben in Hannover, sich von Schlaudraff unbedingt zu trennen, weil er nach vielen Verletzungen und großen Nachlässigkeiten seine Sympathien komplett verspielt hatte. Mittlerweile präsentiert sich der Großverdiener deutlich gereift und ist im Alter von 28 Jahren zum Erfolgsgaranten für seinen Club geworden "Natürlich habe ich mir vor dem Elfmeter auch kurz Gedanken über die möglichen Konsequenzen gemacht. Aber ich bin froh, dass alles gutgegangen ist", sagte der Held eines Abends, auf den morgen im Heimspiel gegen den VfB schon wieder der Bundesligaalltag wartet.

"Wir werden von Jan sicher noch das eine oder andere Kunststück zu sehen bekommen", sagte der Verteidiger Emanuel Pogatetz. Dass Schlaudraff es in Kürze wieder wagt, einen solchen Elfmeter zu schießen, muss im Normalfall bezweifelt werden. Aber was war in der wechselhaften Karriere des Jan Schlaudraff, der es zu seiner besten Zeit bis in das Team des FC Bayern geschafft hatte, bisher schon normal?