Hannover Messe 2023 Industrie muss ihre Wandlungsfähigkeit beweisen

Moderne Technik – im Bild eine Wärmepumpe – muss für die Verbraucher beherrschbar bleiben. Foto: dpa/Silas Stein

Viele Verbraucher zweifeln am Sinn neuer Technologien. Für den Klimaschutz und den Wohlstand des Landes aber sind sie unabdingbar, meint Matthias Schmidt.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Muss denn alles komplizierter werden? Brauchen wir wirklich eine Waschmaschine, die selbsttätig mit dem Stromnetzbetreiber aushandelt, ob sie die T-Shirts nachts um zwei oder um vier schleudern soll – abhängig davon, was der Strom gerade kostet und ob genügend davon da ist? Ist es den Aufwand wert?

 

Damit das funktioniert, braucht die Maschine Internet und muss lernfähig sein (Achtung: Künstliche Intelligenz), und überhaupt sollte noch jemand klären, welche Daten dafür verwendet, wo sie gespeichert und vielleicht auch mal wieder gelöscht werden. Sympathie für alle, die da denken: Früher ging es auch mit Waschbrett und Seife. Ein solcher Blick zurück aber übersieht die Vorteile. Es geht nicht um belanglosen Schnickschnack, sondern auch um die Zukunft der deutschen Industrie.

Die Messe sollte zeigen: Es gibt viel zu gewinnen

Sie trifft sich diese Woche bei der Hannover-Messe, und wenn man Gunther Kegel folgt, dem Präsidenten des Elektro- und Digitalverbandes ZVEI, steht die Sache mit der Waschmaschine dabei für ein zentrales Thema: Wie nutzen wir sauberen Strom, der auf absehbare Zeit ein knappes Gut bleiben wird, möglichst effizient? Wie organisieren wir die Daten, zu denen die Industrie Zugang braucht? Es geht um Innovationen im großen Stil, um nicht weniger als die Transformation ganzer Wertschöpfungsketten. Und in der Folge um Arbeitsplätze und Wohlstand in Deutschland. Es wäre kein geringes Verdienst der Messe, wenn dort deutlich würde: Es gibt dabei viel zu gewinnen, und zwar vor allem ein künftiges Wirtschaften, das Klimaschutz ermöglicht, statt die Erde weiter aufzuheizen.

Die Industrie muss dazu nicht nur die Lösungen entwickeln, sondern sie auch für den Verbraucher beherrschbar gestalten. Waschmaschinen oder auch Wärmepumpen müssen laufen, selbst wenn das technische Verständnis des Nutzers nicht über den Einschaltknopf hinausgeht. Die Innovationskraft und Zuverlässigkeit der deutschen Unternehmen, die in der Vergangenheit Wettbewerbsnachteile wie hohe Arbeits- und Energiekosten aufwiegen konnten, müssen sich hier erneut beweisen.

Ein banger Blick muss nach Shanghai gehen

Bundeskanzler Olaf Scholz gibt sich alle Mühe, die Transformation zum Fundament eines neuen deutschen Wirtschaftswunders zu erklären. Der stark zu Bedenken und Scheindebatten neigende Zeitgeist kann diese optimistische Note wohl gebrauchen. Handfeste Zukunftssorgen der Industrie dürfen trotzdem nicht ausgeblendet werden, seien es die neue Konkurrenz aus China oder die vermehrten Warnungen vor einem Exodus der hiesigen Produktion. Die parallel stattfindende Automesse in Shanghai zeigt, was passiert, wenn die Europäer zu träge agieren: Chinesische Hersteller setzen sich bei bezahlbaren Elektroantrieben und Software an die Spitze. Gepaart mit dem Energiepreisschock befeuert dies die Debatte über eine Deindustrialisierung Deutschlands.

Zwar steht hinter manchem Unkenruf wohl die Hoffnung, ein sterbendes Geschäftsmodell noch zu retten oder neue Subventionen zu ergattern. Viele Probleme aber gab es schon lange, bevor Putin den Gashahn zugedreht hat. Und sie sind nicht verschwunden: eine überbordende Bürokratie und quälend langsame Genehmigungsprozesse. Es mag beruhigen, wenn etwa der Bosch-Chef Stefan Hartung die Sorge vor einem industriellen Exodus aktuell für übertrieben hält. Man sollte aber auch hinhören, wenn er angesichts des Fachkräftemangels „endlich eine koordinierte Einwanderungs- und Bildungspolitik“ fordert. Wenn die Transformation klappen soll, müssen sich beide beweisen: die Industrie und die Politik.

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