Hans Gunsch sagt, trotz 55 Jahren Malerfahrung sei jedes Bild eine Herausforderung. Die Waiblinger Galerie Schäfer zeigt seine Menschenbilder, die tief berühren.

Malen – darin hat Hans Gunsch ein gutes halbes Jahrhundert Erfahrung. Trotzdem kommt er öfter frustriert aus dem Atelier nach Hause. „Dann sage ich zu meiner Frau: Ich kann nicht malen.“ Die Gattin kenne das, sagt der 68-Jährige und lacht. Wer in der Galerie Schäfer in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) vorbeischaut, kann sich selbst ein Bild vom Werk des Aichtalers machen. Unter dem Titel „Nah und fern 1“ sind dort bis 11. Oktober seine Arbeiten zu sehen. (Achtung: Die Galerie ist von 15. bis 28. September geschlossen.)

 

Alle Bilder zeigen Menschen, bei deren Anblick dem Künstler klar war: Das ist ein Modell für mich. „Ich frage dann, ob er oder sie für ein kurzes Fotoshooting zur Verfügung steht und wähle daheim eine Pose aus“, erklärt Hans Gunsch. Am liebsten fängt er auf seinen Gemälden die Momente ein, in denen seine Modelle sich unbeobachtet fühlen und ganz bei sich sind.

Zwei Freunde, die ihre Köpfe zusammenstecken. Ein Mädchen, das auf eine Mauer klettert. Ein Lausbub am Strand. Es sind keine spektakulären Szenen, die Hans Gunsch auf die Leinwand bringt. Vielleicht gerade deshalb wirken die Menschen so lebendig, echt und nah. „Manche Leute haben Tränen in die Augen, wenn sie vor dem passenden Bild stehen“, sagt Hans Gunsch, für den die Malerei eine emotionale Tätigkeit ist: „Da fließt mit jedem Pinselstrich Seelisches von mir rüber.“

Wichtig in den Kunstwerken: Nähe, Resonanz und Echo

Hans Gunsch vor der Galerie Schäfer, in der seine Ausstellung bis 11. Oktober läuft. Foto: Frank Eppler

Distanz und Nähe, Resonanz und Echo spielen in Hans Gunschs Werk eine große Rolle. Doch er will dem Betrachter nichts aufzwingen: „Ich will mit meinen Bildern nichts aussagen. Sie haben keine Botschaft. Jeder soll seine eigene Geschichte darin sehen. Ich will nur dazu animieren, genau hinzuschauen.“ Seine Ölbilder malt er in Schichten, oft kommen Orange, Braun und Grau zum Einsatz. Für die Figur an sich braucht Gunsch meist nicht viel Zeit – die Gestaltung des Raums drumherum ist viel langwieriger.

Ernsthaft angefangen mit der Malerei hat er als 13-Jähriger. Weil er keinen Studienplatz an der Staatlichen Akademie der Künste Stuttgart bekam, entschied er sich 1979, das neue Fach Kunsttherapie zu studieren. Der Berufsberater riet ihm ab, doch Hans Gunsch reizte die Aussicht, Soziales und Kunst verbinden zu können. „Ich bin da mit Naivität rein.“ Obwohl er aus einem Arbeiterhaushalt kommt, hatte er die Rückendeckung seiner Eltern: „Sie haben mir immer das ermöglicht, was ich machen wollte.“

Mitbegründer des Karl-Schubert-Seminars

„Es war das richtige Studium“, sagt Hans Gunsch – auch wenn er nie als Kunsttherapeut gearbeitet hat. Drei Jahre war er nach dem Studium als freier Künstler tätig, sattelte aber angesichts der Familiengründung um. Mit seiner Frau, einer Krankenschwester, baute er ein Angebot für ambulant betreutes Wohnen auf: „Erst später habe ich realisiert, dass das die erste ambulant betreute WG für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland war.“ Und er ist Mitbegründer des Karl-Schubert-Seminars, einer Fachschule für Heilerziehungspfleger.

Seit seinem Renteneintritt vor drei Jahren geht Hans Gunsch Tag für Tag ins Atelier und malt. 15 bis 20 Bilder hat er parallel in der Mache. Wenn er ein neues beginnt, weiß er nicht, wie es am Ende aussehen wird. Fußball-Trainer Sepp Herbergers Motto „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ gilt in abgewandelter Form auch für Hans Gunsch: „Nach dem Bild ist vor dem Bild“. Denn jedes einzelne seiner Werke ist eine neue Herausforderung, auch nach 55 Jahren. „Ich habe bei jedem Bild das Gefühl, ich lerne was dazu. Jedes Bild ist nur der nächste Schritt, nicht der letzte.“ Und deshalb, sagt der Maler, werde er wohl noch auf dem Totenbett den Pinsel schwingen.