Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel Ziemlich beste Feinde

Thomas Tuchel (rechts) und Hans Joachim-Watzke werden keine Freunde mehr. Foto: imago/DeFodi/imago sportfotodienst

In Dortmund steigt der Eiszeitgipfel zwischen der Borussia und Paris St.-Germain – mit den Protagonisten Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel. Die Geschichte eines Zerwürfnisses.

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart/Dortmund - Hans-Joachim Watzke also soll über Thomas Tuchel reden. Und Thomas Tuchel über Hans-Joachim Watzke. Das war so nicht vorgesehen, denn im Grunde wollte Watzke nie mehr über Tuchel reden und Tuchel nicht über Watzke. Vorsichtig sollte man ja sein mit reißerischen Formulierungen im überhitzten Fußballgeschäft. Wer Watzke und Tuchel aber als Intimfeinde bezeichnet, nun ja, der übertreibt es wohl nicht.

 

Nun ist die Funkstille durchbrochen. Die beiden Streithähne reden wieder. Nicht miteinander, natürlich nicht. Aber übereinander. Das ergab die Auslosung des Achtelfinals der Champions League, die dafür sorgte, dass Tuchel an diesem Dienstag als Trainer von Frankreichs Edelclub Paris St.-Germain zu Borussia Dortmund zurückkehrt (21 Uhr). Und dass es Fragen gab. An Tuchel über Watzke. Und an Watzke über Tuchel.

„Werden sicherlich keine großen Freunde mehr“

BVB-Geschäftsführer Watzke sagte vor Tuchels Rückkehr also dies: „Wir haben zwei Jahre gut zusammengearbeitet, und zum Schluss wurde es etwas zäh. Wir werden auch sicherlich keine großen Freunde mehr.“ Und weiter: „Und wenn ich ihn sehe, werde ich ihn sicherlich begrüßen und denke, dass er das auch tun wird.“

Das ist nicht ausgeschlossen – so lassen sich Tuchels Worte interpretieren, die ebenfalls moderat wirken: „Dieses Spiel ist keine Bühne, um etwas aufzuarbeiten. Die Dinge sind aufgearbeitet für mich.“

Watzke und sein ehemaliger Trainer taten also alles dafür, um ihr Zerwürfnis vor dem Wiedersehen mit einigen rhetorischen Kniffen kleinzureden. Wenn die beiden die Kunst der Diplomatie nur mal früher angewandt hätten.

Sportlich lief es gut

Vor zweieinhalb Jahren lagen die Dinge noch anders. Da schoss Watzke öffentlich unverblümt gegen Tuchel. Und umgekehrt. Das Verhältnis liegt seither darnieder, tief vergraben, in Schutt und Asche.

Was war passiert? Als Nachfolger von Jürgen Klopp verlor Tuchel von 2015 an zwei Jahre lang kein Bundesliga-Heimspiel mit dem BVB, er gewann 2017 den DFB-Pokal. Es lief, sportlich. Menschlich lief es auch.

In die falsche Richtung.

Wer in Dortmund nach Gemeinsamkeiten von Tuchel und Watzke suchte, fand keine. Auf der einen Seite stand der Taktikfetischist Tuchel. Der Kopfmensch, der Asket. Und auf der anderen der gern hemdsärmelig auftretende Watzke, der noch heute bei jeder Gelegenheit die Fußballromantik verteidigt und versucht, die Ruhrgebietsfolklore, die seinem Wesen nahekommt, vorzuleben. Echte Liebe gegen echte Kälte, das war, zumindest in Watzkes Wahrnehmung, der Aggregatzustand während Tuchels Amtszeit.

Nach dem Sprengstoffanschlag kam es zum Zerwürfnis

Über dessen menschliche Seite debattierten sie in Dortmund zunächst hinter den Kulissen. Fehlende Kritikfähigkeit, Launenhaftigkeit, fehlende Identifikation, übertriebenes Zetern nach Niederlagen, das waren nicht nur Watzkes Vorwürfe. Sondern auch die von Manager Michael Zorc. Im Alltag sei dieser Tuchel zu detailversessen und pedantisch, oft zu schroff im Umgangston. Sagten einige Spieler. Andere schwärmten von Tuchel und dessen fachlichen Fähigkeiten. Die Mannschaft war gespalten. Die Fanszene des BVB irgendwann auch.

Inmitten dieser aufgeladenen Stimmung erfolgte im April 2017 der Knall. Im wahrsten, im schrecklichsten Sinne.

Zum öffentlichkeitswirksamen Bruch zwischen Watzke und Tuchel kam es nach dem Sprengstoffanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco. Tuchel und einige Spieler hatten sich von Watzke gedrängt gefühlt, das Spiel schon am Tag danach nachholen zu müssen. Weil Tuchel nach der Partie ein Bild von Funktionären zeichnete, die über die Köpfe der Spieler und des Trainers hinweg entschieden hatten und es dafür breite öffentliche Zustimmung gab, stand Watzke plötzlich als kalter Geschäftsmann da.

Dass mit dem Anschlag die Rollenbilder beim BVB durcheinandergerieten, konnte Watzke nicht verkraften. Denn genau so plötzlich stand dieser kühle Matchplan-Trainer als Herzensmann da, der sich demonstrativ für mehr Menschlichkeit ausspricht. Offenbar tief gekränkt, schlug der Geschäftsführer zurück, offenbarte Anfang Mai einen „klaren Dissens“ mit dem Coach und deutete so einen Vertrauensbruch an. Tuchel holte den Pokal. Zwei Tage später wurde er entlassen.

Ein Satz wie ein Eisklotz

Einige Monate später war Tuchel als Zeuge im Prozess gegen den Attentäter auf den BVB-Mannschaftsbus geladen. Als der Staatsanwalt ihn nach dem von Watzke geäußerten „Dissens“ rund um den Anschlag befragte, sagte Tuchel dies: „Der Dissens bestand darin, dass ich im Bus saß und Aki nicht.“ Punkt. Ausrufezeichen. Rumms! Ein Satz wie ein Eisklotz.

Dass Tuchel aber auch anders kann und offenbar dazugelernt hat, das zeigt er nun bei PSG. Neue Töne sind zu hören. Was für ihn Erfolg ausmache, wurde der Coach in einem Interview des „Guardian“ gefragt. Dazu gehöre ein gutes Verhältnis zu seinen Profis, antwortete er. PSG-Mittelfeldmotor Marco Verratti sagt, dass Tuchel den Spielern sehr nahe sei: „Er ist ein guter Mensch.“ Superstar Neymar lud den Coach zur Geburtstagsfeier ein. Dresscode: alles in rot. Tuchel kam in rotem Anzug, roter Fliege und mit Geschenk.

Gut möglich, dass Hans-Joachim Watzke sich in Dortmund kneifen muss, wenn er von solchen Geschichten hört.

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