Beim Konzert nimmt der Liedermacher Hans Söllner am Sonntagabend in der Berkheimer Osterfeldhalle kein Blatt vor den Mund. Warum er erst nach einer Dreiviertelstunde zu singen anfing? Nun, das habe steuerliche Gründe.
Mit seiner Mischung aus Reggae, Folk und bayerischem Dialekt trifft er einen Nerv. Seit Jahrzehnten zählt Hans Söllner zu den festen Größen der deutschen Liedermacherszene. Kompromisslose Texte und Einsatz für Gerechtigkeit, so wie er sie versteht, sind sein Markenzeichen. Am vergangenen Sonntagabend trat er vor knapp 500 teils kommunikationsfreudigen Zuhörern in der Osterfeldhalle in Berkheim auf.
Sein rebellisches Wesen sorgte im Laufe seines Lebens immer wieder für Konfrontationen mit der Staatsmacht. Gegen den 69-Jährigen liefen zahlreiche Verfahren, unter anderem wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln, Beleidigung und Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.
Hans Söllner gerät mit der Esslinger Polizei aneinander
Auch bei seinem Konzert in Esslingen im Jahr 2014 kam es zur Konfrontation mit der Polizei. Daran hatte der Sänger noch detaillierte Erinnerungen, die er mit dem Publikum teilte. „Sie haben extra den Hund geweckt“, berichtete er. Söllner hatte damals Anzeige gegen drei Polizisten erstattet, wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung, Machtmissbrauch und Amtswillkür. „Es war ein schöner Abend“, sagte der Sänger augenzwinkernd. Verschwitzt und ohne Jacke hätten ihn die Beamten vor seinem Auto fixiert, gefilzt und lange im Freien stehen lassen. Die Polizei hatte damals gegen ihn wegen des strafbaren Besitzes und Erwerbs von Betäubungsmitteln Anzeige erstattet. Beide Verfahren wurden eingestellt.
Keine Cannabis-Wolken vor der Halle – trotz Teillegalisierung
Viel hat sich seitdem verändert: Marihuana, die Droge, der Söllner nicht nur einen Song gewidmet hat, wurde teillegalisiert. Ob der eine oder andere Besucher sich vor dem Konzert noch einen Joint genehmigt hatte, muss Spekulation bleiben. Man kann es vermuten. Doch weder mussten Besucher vor dem Betreten der Halle durch cannabisgeschwängerte Rauchwolken laufen noch war die Polizei vor Ort, um Besucher zu kontrollieren.
Mehr als seine Gitarre und die Mundharmonika braucht er auf der Bühne nicht, um eine intime Atmosphäre zu schaffen, die trotz der Größe der Halle an ein Wohnzimmerkonzert erinnerte. Mit den zerzausten blond-grauen Haaren, der Gitarre in den Armen und dem hellen Mehrtagesbart im Gesicht erinnerte Söllner daran, wie ein gut gelaunter Kurt Cobain im Alter hätte aussehen können.
Der Sound versprühte einen Hauch von Bob Dylan, besonders als Söllner zum Ende des Konzerts seine Mundharmonika bespielte. Völlig angstfrei nutzt er das Instrument aber nicht. Die Mundharmonika sei schlecht verarbeitet, ein US-amerikanisches Produkt übrigens, und neige dazu, Barthaare an der Oberlippe herauszureißen. Dass er zuweilen bei einer Performance Tränen in den Augen habe, liege also weniger an den tiefen Emotionen, die seine Lieder hervorriefen, sondern vielmehr an physischen Schmerzen.
Seine Lieder und Ausführungen richteten sich oft scharf gegen politische Missstände und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Deutlich wurde in diesem Zusammenhang auch, dass Söllner nicht für alle Spitzenpolitiker viel übrighat. „Ich habe mir sagen lassen, dass Inzucht einfach gefährlich ist“, fiel ihm beim Gedanken an einen Grünen-Politiker ein. Und warum ist Friedrich Merz so geworden, wie er heute ist? Wurde er als Kind zu oft mit „April, April“-Rufen von anderen Kindern gehänselt?
Der bayrische Liedermacher wird auch in Esslingen verstanden
Immer wieder bewies er seine Fähigkeit, ernste Themen mit bayerischem Humor und einem Augenzwinkern zu präsentieren. Der breite Dialekt wurde von weiten Teilen des Publikums offenbar problemlos verstanden, der Applaus kam an den richtigen Stellen. In Zeiten der politischen Überkorrektheit ist Söllner er selbst geblieben. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, bleibt bodenständig, auch wenn das nicht allen im Publikum gefallen hat, wie vereinzelte Zwischenrufe hin und wieder belegten.
Der musikalische Teil des Abends ließ lange auf sich warten. Eine dreiviertel Stunde ließ Söllner seinen Gedanken freien Lauf. Immer wieder mäandrierten seine Gedanken von einem Thema zum nächsten, bevor er zum ersten Lied des Abends ansetzte, nur um dann wieder abzubrechen und erneut zu sprechen. Nach der 44. Minute könne er nun singen, denn ab 44 Minuten zähle der Abend als Seminar. Dann seien nur sechs Prozent Mehrwertsteuer fällig, für ein Konzert müsse er 19 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, erklärte er.
Söllner: Humor tritt auf Gesellschaftskritik
Das Publikum bedankte sich nach rund zwei Stunden mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen bei dem Künstler, der es geschafft hatte, seine Gäste nicht nur musikalisch zu berühren, sondern auch zum Nachdenken zu bringen. Ohne Zugabe wollte ihn das Publikum nicht gehen lassen. Das Konzert von Hans Söllner war mehr als nur ein musikalisches Ereignis – es war ein Abend voller Emotionen, Reflexionen und Gemeinschaftsgefühl. Mit seiner einzigartigen Mischung aus Musik und Gesellschaftskritik hat Söllner einmal mehr unterstrichen, warum er zu den bedeutendsten Liedermachern Deutschlands zählt.
Nebenerwerb: Marihuana
Business
Der Liedermacher ist nicht nur ein talentierter Musiker, sondern auch ein Cannabis-Aktivist. Über seinen Online-Auftritt verkauft er sein „homegrown“ Cannabis. Die Stecklinge gibt’s im offiziellen Shop, in welchem beispielsweise erdiges OG Kush, fruchtiges Amnesia oder „das allseits beliebte Wedding Cake“ beworben werden. „Mit einem THC-Gehalt von 18 bis 28 Prozent ist für alle Vorlieben was dabei“, heißt es auf der Homepage.
Live
Wer das Konzert in Esslingen verpasst hat, hat erst am 13. Juni 2025 die nächste Gelegenheit, den Sänger zu live zu sehen. Dann tritt er im Jakobmayer in Dorfen (Landkreis Erding) auf. Das Konzert im Mai in München ist bereits ausverkauft.
Karriere
Geboren wurde Johann Michael Söllner am 24. Dezember 1955 in Bad Reichenhall. Nach seiner Schulzeit schloss er eine Lehre als Koch ab. Nach seinem Umzug nach München begann er ab 1979 öffentlich aufzutreten. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Album „Hey Staat!“, das 1988 herauskam.