„Hans und Grete“ in Stuttgart RAF-Terroristen machen Jagd auf Moby Dick
Der RAF-Terror, die Suizide von Stammheim und der Staat: „Hans und Grete“ heißt eine ambitionierte Performance von Musiktheaterprofis und Studierenden am Wilhelma-Theater.
Der RAF-Terror, die Suizide von Stammheim und der Staat: „Hans und Grete“ heißt eine ambitionierte Performance von Musiktheaterprofis und Studierenden am Wilhelma-Theater.
Moby Dick ist riesig im Vergleich zu seinen Verfolgern. Bis zum oberen Rand des Bühnenportals erhebt sich die Silhouette des Wals. Moby Dick, das ist der Staat. Und die Walfänger im Boot – Kapitän Ahab, der Steuermann Starbuck und der Rest der Crew –, das sind die Terroristen der RAF. So plakativ das Bild, so eindrucksvoll ist es auch. Die Bühnenbildnerin Birgit Angele hat eine historische Illustration der Walfangszene ins Zentrum der Musiktheaterperformance „Hans und Grete“ gestellt. Am Samstagabend wurde das Stück für zwei Schauspieler und einen Chor im Wilhelma-Theater uraufgeführt.
Inhaltlich geht es um den Terror der ersten RAF-Generation, um die Suizide im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim 1977. Das Libretto stammt von Bernd Schmitt, der an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Sängerinnen und Sänger im szenischen Spiel unterrichtet. Statt konventioneller Dialoge sprechen Werner Strenger als Mann/Hans und Lena Entezami als Frau/Grete Textfragmente aus RAF-Briefen, Tagebüchern, Interviews, dem Märchen „Hänsel und Gretel“ und anderen historischen Quellen. Dabei agieren Entezami und Strenger getrennt voneinander in zwei abgetrennten Green-Screen-Zellen, beobachtet von Kameras, deren Bilder auf die Moby-Dick-Silhouette im Vordergrund des Bühnenraums projiziert werden. Die verbalen Konfrontationen der Schauspieler werden vom Chor (Komposition: Huihui Cheng) begleitet. Statt auf Instrumente setzt der Sounddesigner Felix Nagl auf organische Rhythmen, die mithilfe von Elektroden vom Körper der Darsteller abgenommen und in elektronische Geräusche übersetzt werden.
Ein ebenso durchdachter wie komplizierter Aufbau, voll von Ideen und Versatzstücken, die es zu entschlüsseln gilt. Zwar gibt es eine Vorstellungseinführung; doch wer mit der Geschichte der RAF, mit ihrer speziellen Sprache, ihrer Ideologie und der historischen Aufarbeitung ihrer Taten nicht vertraut ist, könnte es dennoch schwer haben in diesem mit gerade einmal sechzig Minuten sehr knappen, dafür arg kopflastigen Werk. Zwar entstehen immer wieder reizvolle Bilder in der Interaktion von Werner Strenger und Lena Entezami mit der Kamera, die dissonanten Vokalisen des Chors und die spartanische Klangkulisse verstellen aber den sinnlichen Zugriff auf das Bühnengeschehen mehr, als dass sie ihn fördern. Einzelne Phrasen erschüttern noch immer in ihrer vermessenen Dogmatik: „Entweder tot oder Egoist!“ zum Beispiel. Oder: „Unsere letzte und stärkste Waffe ist unser Körper, ihn haben wir kollektiv eingesetzt.“
Die Slogans bleiben aber Formeln und purer Sound ohne Bedeutung. Dabei wäre es interessant gewesen zu fragen, was vom Schrecken der RAF noch übrig ist. Wenn manche in den hilflosen Aktionen der sogenannten „Letzten Generation“ schon terroristische Akte erkennen wollen, scheint doch die alte Angst wieder auf. Dabei belaufen sich heutige Forderungen bloß auf ein günstiges Nahverkehrsticket und ein Tempolimit auf Autobahnen. Die RAF mag zwar Geschichte sein, doch Moby Dick ist nach wie vor verletzt. Das hätte man erzählen können.
Hans und Grete: Wilhelma-Theater. Weitere Vorstellungen am 29. Januar, 2., 3. Februar, jeweils 20 Uhr, 4. Februar, 18.30 Uhr