Die vier Tage von Lagos
Der Bundestrainer sieht die Sache anders, gelassener. Denn Flick hat da einen gewissen Erfahrungsvorsprung. Ihm reichten schon vor etwas mehr als zwei Jahren genau vier Tage der Vorbereitung für den großen Triumph – den Gewinn der Champions League. Flick war es, der als damaliger Trainer des FC Bayern für das viertägige Trainingslager im portugiesischen Lagos kämpfte. Das Ziel war klar: der Sieg beim Finalturnier von Lissabon, der dann folgte. Noch heute sind sich alle Beteiligten einig: Die vier Tage von Lagos, der Klimawechsel, der neue Geist, die konzentrierte Arbeit in kürzester Zeit, das Akklimatisieren, all das war der Grundstein für den Münchner Erfolg.
Jetzt also akklimatisiert sich Hansi Flick wieder mit einer Fußballmannschaft. Wieder bleiben ihm vier Tage Zeit. Mit der DFB-Elf ist er am Montag in den Oman geflogen, an diesem Mittwochabend steigt ein Testspiel gegen den Oman (18 Uhr MEZ/RTL), ehe es tags darauf nach Katar ins WM-Quartier geht. Flick kämpfte für diesen Kurztrip. Weil er den Kurztrip nach Lagos nicht vergessen hat.
Titelmission voller Unwägbarkeiten
Das Turnier, das er jetzt spielt, heißt WM. Flick, der Fußballkönig von Europa aus dem Jahr 2020, will 2022 als Bundestrainer die Welt erobern – aber, keine Frage: Seine Titelmission in Katar ist eine voller Unwägbarkeiten. Damals, mit den Bayern in Lagos und Lissabon, war Corona noch der einzige Gegner. Flick wusste (oder zumindest ahnte er es), dass seine Münchner Mannschaft wie eine gut geölte Maschine funktionierte.
Heute ist das anders. Noch nicht mal Flick weiß, ob und wie seine Mannschaft ins Rollen kommen wird. Denn wer auf seine Zeit als Bundestrainer nach dem Amtsantritt im Sommer 2021 blickt, der weiß angesichts des tollen Starts und der deftigen Delle zum Schluss mit der miserablen Leistung Ende September beim 0:1 gegen Ungarn, dass alles drin ist: Das Potenzial ist da für den Titel. Die deutsche Mannschaft hat, wenn mal so will, aber auch das Zeug dazu, in der Vorrunde zu scheitern.
Da trifft es sich gut, dass in diesen Tagen voller Unwägbarkeiten immerhin auf Hansi Flick Verlass ist. Denn klar ist: Auch in der Wüste wird Flick immer Flick bleiben. Ein Mann bleibt sich treu. Und bleibt damit vor allem: Mensch.
Die menschliche Seite
Joshua Kimmich kennt diesen speziellen Trainertypen gut, beim FC Bayern München gewann er mit Flick als Coach alles, jetzt planen die beiden bei der WM den nächsten großen Wurf. Der Mittelfeldmann sagt: „Die menschliche Seite ist top bei Hansi, für ihn sind wir nicht nur Spieler, die er für sein System benutzt, sondern er sieht auch wirklich den Menschen dahinter.“
Flick also punktet in seinem unmittelbaren Umfeld mit Kompetenz und Empathie, für sich selbst setzt der 57-Jährige diese Leitplanken fürs tägliche Handeln: „Ich erwarte Vertrauen und Loyalität, gebe beides aber auch immer selbst. Zweitens ist die Qualität meiner Mitarbeiter ganz wichtig. Und der dritte Punkt, der das Ganze abrundet, ist der Spaß, den man gemeinsam hat.“
Einen Spaß macht sich Hansi Flick manchmal daraus, wenn sich jemand fragt, wie man denn bitte die nötige Autorität ausstrahlen könne, wenn man – wie von ihm selbst gewünscht – überall nur mit seinem niedlich klingenden Spitznamen angesprochen wird. Aber Hans-Dieter, das ist nichts für den Hansi. Hans-Dieter, das ist in Flicks Augen längst nur noch der Eintrag in seinem Personalausweis. Hans-Dieter ist etwas für ewig Gestrige, für Hierarchiehörige. Hansi Flick löst die Dinge lieber mit seiner Art der natürlichen Autorität. „Ich gebe mich immer so, wie ich wirklich bin“, sagt er selbst dazu trocken.
Dabei ist Flick immer nahbar im Umgang mit seinen Spielern. Er interessiert sich für private Dinge, will den Zeitgeist der Jugend erforschen und auch da immer auf Ballhöhe sein, er kreiert mit jedem Einzelnen eine Art Nestwärme. Aber wenn es sein muss, also auf dem Fußballplatz, dann kann der Hansi streng sein – sehr streng.
Totale Hingabe
Demokratisch und antiautoritär, das wiederum ist seine Umgangsform mit dem Trainerteam und dem Stab rund um die DFB-Elf. Jeder kann und muss sich unter, oder besser, neben Flick maximal einbringen. In jeder Diskussion, bei jeder Entscheidung. Der Bundestrainer fordert viel ein von seinen Mitarbeitern, er erwartet die totale Hingabe. Er gibt aber auch viel. Etwa dann, wenn er seine Co-Trainer öffentlich lobt, was nicht selten passiert.
Wenn es also wirklich klappen sollte mit dem großen Triumph in Katar, dann hielte sich einer bei den Feierlichkeiten eher im Hintergrund. Hansi Flick würde im Konfettiregen die anderen glänzen lassen.