Wie gefährlich ist der Erreger? Stuttgarter Chefarzt: „Keine Panik wegen Hantavirus“

, aktualisiert am 08.05.2026 - 16:39 Uhr
Jörg Latus ist Chefarzt am Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart und unter anderem Experte für Hantaviren. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Das Hantavirus macht derzeit Schlagzeilen. Auch in Stuttgart gibt es immer wieder Fälle. Muss man nun vorsichtig sein? Der Mediziner Jörg Latus vom Robert Bosch Krankenhaus klärt auf.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

 Das Hantavirus ist zurück in der öffentlichen Wahrnehmung: Ein Ausbruch auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff sorgt seit Tagen für Schlagzeilen. Doch auch in Stuttgart und der Region kommt es immer wieder zu Infektionen. Der Mediziner Jörg Latus, Chefarzt der Abteilung für Allgemeine Innere Medizin und Nephrologie am Robert Bosch Krankenhaus (RBK) in Stuttgart, erklärt im Interview, wie gefährlich der Erreger ist und wie man sich schützen kann. Da Hantaviren die Nieren schädigen können, hat der Experte für Nierenleiden mehrere groß angelegte Studien zu Langzeitfolgen der Erkrankung durchgeführt.

 

Herr Professor Latus, das Hantavirus macht derzeit Schlagzeilen. Die Todesfälle auf dem Kreuzfahrtschiff zeigen, der Erreger ist kein fernes Tropenproblem. Auch in Stuttgart und der Region stecken sich immer wieder Menschen an. Muss man nun vorsichtig sein?

Erst mal sollten wir Ruhe bewahren. Zum einen treten Infektionen mit Hantaviren generell sehr selten auf. Zum anderen gibt es weltweit zahlreiche Virus-Stämme, asiatische, amerikanische und europäische, die jeweils von unterschiedlichen Nagetieren übertragen werden. In Deutschland herrschen zwei Stämme vor: Im Osten und Norden das Dobrava-Virus, das vor allem von Brandmäusen übertragen wird und viel seltener vorkommt als der Puumala-Virus, der im Südwesten hauptsächlich auftritt. Diese Variante wird meist von der Rötelmaus übertragen. Für den Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff ist inzwischen die Andres-Variante des Hantavirus bestätigt.

Vorsicht vor der Rötelmaus: Mit ihren Ausscheidungen können sie Menschen mit dem Hantavirus infizieren. Foto: dpa/Kimmo Taskinen

Was für eine Variante ist das?

Sie tritt hauptsächlich in Argentinien auf. Für diesen Virus-Stamm ist bei sehr engem Kontakt eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung beschrieben. Hantaviren in Europa sind im Vergleich zu vielen Varianten in Asien oder Amerika oft weitaus weniger gefährlich.

Infizierte haben aber auch hierzulande teils schwere Krankheitsverläufe.

Ja, das stimmt. Das Puumala-Virus kann mit schweren Symptomen einhergehen. Teils dauert es fünf, sechs Wochen bis zur Genesung, in Ausnahmefällen sogar einige Monate. Ich gebe dennoch Entwarnung und möchte die Bevölkerung beruhigen: In aller Regel stirbt man nicht daran. Richtig gefährlich wird es meist nur dann, wenn man bereits schwere Vorerkrankungen hat - und das Hantavirus dazu kommt.

Wie steckt man sich überhaupt an?

Dafür ist kein direkter Kontakt mit den Nagern notwendig. Die infizierten Tiere, meist Mäuse und Ratten, scheiden die Viren in ihrem Speichel, Urin und Kot aus. Wenn wir Menschen mit diesen Ausscheidungen in Kontakt kommen, können wir uns anstecken. Meist passiert das, wenn wir aufgewirbelten Staub einatmen, der Erreger enthält. Aber auch kontaminierte Lebensmittel oder ein Biss von einem kranken Tier kann die Ursache sein. Die Zahl der Krankheitsfälle schwankt dabei von Jahr zu Jahr, je nachdem, wie hoch der Bestand der Nagetiere ist - und wie viele Tiere das Virus in sich tragen. Hantavirus-Infektionen können übrigens das ganze Jahr über auftreten, die meisten Erkrankungen werden aber von April bis September beobachtet.

Und wo besteht ein Ansteckungsrisiko?

Überall dort, wo Nager leben oder gelebt haben, etwa in Scheunen, Schuppen, Ställen oder auch in Garagen, Kellern und auf Dachböden. Zudem kann man sich auch bei Aktivitäten im Freien anstecken, bei Waldspaziergängen zum Beispiel, beim Joggen, bei Gartenarbeiten, beim Zelten.

Wie lang ist kontaminierter Staub oder Erde ansteckend?

Die Viren sind in der Umwelt recht stabil. Sie können sich mehrere Wochen halten. Auch die Zeit vom Kontakt mit dem Virus bis zum Auftreten erster Symptome dauert üblicherweise zwei bis vier Wochen. Symptome können jedoch in Ausnahmefällen bereits nach fünf Tagen auftreten oder erst nach bis zu 60 Tagen, also rund acht Wochen später.

Welche Symptome treten auf, wenn man sich infiziert hat?

Bei den in Mitteleuropa vorkommenden Hantavirus-Typen ist der Verlauf oft vergleichsweise mild – insbesondere im Vergleich zu der aktuell auf dem Kreuzfahrtschiff vermuteten Variante. Daher bleibt die Erkrankung manchmal sogar unbemerkt. Kommt es doch zu Symptomen, hat man zunächst vor allem hohes Fieber. Da denken viele, dass das schnell wieder vorbei geht. Meist hält das Fieber aber mehrere Tage an, und es kommen wie bei Grippe Gliederschmerzen und ein starkes Schwächegefühl hinzu. Häufig begleitet von Kopfschmerzen, zuweilen auch von Magen-Darm-Beschwerden oder Rückenschmerzen. In der weiteren Krankheitsphase kann es zu Blutdruckabfall und Nierenfunktionsstörungen kommen, die bei mehr als 80 Prozent der Erkrankten zu Nierenversagen führen. Vor allem bei Infektionen mit amerikanischen Virenstämmen können auch Komplikationen wie Lungenödeme und Lungenversagen auftreten.

Wohin wende ich mich, wenn ich Symptome habe?

Die erste Anlaufstelle ist der Hausarzt. Dort kann mit einfacher Diagnostik ziemlich schnell auf das Hantavirus geschlossen werden. Den Nachweis erbringt ein Bluttest.

Was hilft bei einer Infektion?

Es gibt bisher kein Medikament, das direkt gegen Hantaviren wirkt. Auch ein Impfstoff ist derzeit nicht vorhanden. Stattdessen bekämpft und lindert man die Symptome, indem man das Fieber senkt und Schmerzmittel gibt. Bei einem milden Verlauf reicht oft auch Bettruhe. Bei schweren Verläufen sollte eine stationäre Überwachung erfolgen. In seltenen Fällen ist eine Dialyse für einige Tage notwendig.

Müssen Patienten mit Spätfolgen rechnen?

Da kann ich klar sagen: nein. Ich habe mehrere groß angelegte Studien durchgeführt. Wir haben die Daten von 456 Patienten erfasst. Im kürzeren Zeitraum nach der Infektion war bei fast allen Betroffenen kein Schaden mehr an der Niere nachweisbar. Kürzlich haben wir noch einmal eine Nachuntersuchung im RBK gemacht. Auch 20 Jahre nach der Infektion kann ich Entwarnung geben: Es waren keine Langzeitschäden der Nieren nachweisbar. Die Krankheit heilt bei der überwiegenden Mehrheit vollständig aus. Selbst wenn die Nieren im Krankheitsverlauf angegriffen waren, kam es zu keinen bleibenden Schäden: Sie erholten sich wieder. Die Daten aus der Studie zeigen zudem: Wer sich einmal mit dem Hantavirus infiziert hat, hat Antikörper im Blut. Das lässt darauf schließen, dass man sich vermutlich kein zweites Mal ansteckt.

Was ist, wenn in meinem Umfeld jemand krank ist. Muss ich dann Abstand halten?

Auf dem Kreuzfahrtschiff ist es laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung gekommen. Die in Europa gängigen Hantaviren werden so jedoch nicht weitergegeben – sondern nur von Tier zu Mensch. Deshalb muss man sich nicht sonderlich schützen, wenn in der Umgebung jemand erkrankt ist.

Damit es gar nicht erst zu einer Infektion kommt: Wie kann ich mich schützen? Muss ich vielleicht sogar beim Waldspaziergang vorsichtig sein?

Klar, im dümmsten Fall kann es auch beim Spaziergang im Wald zu einer Ansteckung kommen. Ich rate trotzdem keinem, in Panik zu verfallen, sich nicht mehr draußen zu bewegen oder dabei Maske zu tragen. Eine FFP-2-Maske sollte man allerdings dann aufsetzen, wenn man etwa den Keller ausräumt oder einen Dachboden fegt. Es hilft auch, den Raum vorher zu befeuchten, so dass bei den Arbeiten kein Staub aufgewirbelt wird.

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