In den sozialen Medien wird aktuell darüber spekuliert, ob das Hantavirus eine neue Pandemie auslösen könnte. So bewerten WHO und ECDC die Lage.

Digital Desk: Lukas Böhl (lbö)

Das Risiko, dass sich der aktuelle Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff zu einem größeren Ausbruch in Europa oder gar zu einer Pandemie entwickelt, ist nach Einschätzung des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sehr gering. Die Behörde bewertet das Risiko für die allgemeine Bevölkerung in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum als „sehr niedrig“. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft das Risiko für die Weltbevölkerung derzeit als niedrig ein.

 

Hintergrund ist ein Krankheitscluster auf dem niederländisch beflaggten Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“. Nach Angaben der WHO wurden bis zum 4. Mai 2026 sieben Fälle gemeldet, darunter zwei laborbestätigte Hantavirus-Infektionen und fünf Verdachtsfälle. Drei Menschen starben, ein Patient lag in kritischem Zustand auf einer Intensivstation. Die Betroffenen zeigten unter anderem Fieber, Magen-Darm-Beschwerden sowie eine rasche Verschlechterung mit Lungenentzündung, akutem Atemnotsyndrom und Schock.

Sieben Erkrankte auf Kreuzfahrtschiff gemeldet

Das ECDC berichtete in seiner Bewertung vom 6. Mai von sieben Erkrankten, darunter drei Todesfälle, ein kritisch Erkrankter, zwei symptomatische Personen und eine Person mit unbekanntem Status. Proben von mehreren Patienten wurden positiv auf Hantavirus beziehungsweise Andes-Virus getestet. Weitere Laboruntersuchungen liefen zu diesem Zeitpunkt noch.

Das Schiff war am 1. April 2026 in Ushuaia in Argentinien gestartet und hatte mehrere Stationen im Südatlantik angelaufen, darunter Südgeorgien, Tristan da Cunha, St. Helena und Ascension Island. An Bord befanden sich nach Angaben des ECDC 149 Menschen aus 23 Staaten, darunter auch Personen aus mehreren EU- und EWR-Ländern.

Wie Hantaviren übertragen werden

Hantaviren werden normalerweise nicht von Mensch zu Mensch weitergegeben. Die Infektion erfolgt meist durch Kontakt mit Ausscheidungen infizierter Nagetiere, etwa über eingeatmete, mit Urin, Kot oder Speichel kontaminierte Partikel. Eine Ausnahme ist das Andes-Virus, bei dem seltene Mensch-zu-Mensch-Übertragungen dokumentiert sind.

Nach Angaben des ECDC geschieht dies jedoch nur bei engem und längerem Kontakt. Eine leichte oder anhaltende Übertragung in der Bevölkerung gilt demnach nicht als wahrscheinlich. Die aktuelle Hypothese der Behörde lautet, dass einzelne Passagiere vor Beginn der Kreuzfahrt in Argentinien mit dem Andes-Virus in Kontakt gekommen sein könnten. Argentinien zählt zu den Regionen, in denen das Virus vorkommt. Anschließend könnten weitere Personen an Bord infiziert worden sein.

Warum das ECDC das Risiko für Europa als sehr niedrig einstuft

Für Europa sieht die Behörde keinen Hinweis auf ein Szenario mit breiter Ausbreitung. Selbst wenn es nach einer Evakuierung einzelner Passagiere zu weiteren Übertragungen kommen sollte, übertrage sich das Andes-Virus nicht leicht. Bei konsequenter Anwendung von Infektionsschutzmaßnahmen sei deshalb nicht mit vielen Fällen oder einem größeren Ausbruch in der Bevölkerung zu rechnen.

Hinzu kommt: Das natürliche Nagetierreservoir des Andes-Virus kommt nach Angaben des ECDC in Europa nicht vor. Eine Etablierung des Virus in europäischen Nagetierpopulationen und anschließende Übertragung von Nagetieren auf Menschen sei daher nicht zu erwarten. Das ECDC bewertet das Risiko für die allgemeine Bevölkerung in der EU und im Europäischen Wirtschaftsraum deshalb als sehr niedrig.

WHO rät nicht zu Reisebeschränkungen

Die WHO rät derzeit nicht zu Reise- oder Handelsbeschränkungen. Empfohlen werden vielmehr gezielte Maßnahmen: Erkrankte sollen isoliert und medizinisch versorgt werden, symptomatische Personen sollen getestet werden, Passagiere und Besatzung sollen auf Symptome achten, Hygieneregeln einhalten und bei Beschwerden medizinisches Personal informieren.

Für medizinisches Personal empfiehlt die WHO Standardmaßnahmen sowie zusätzliche Schutzmaßnahmen bei engem Kontakt mit Verdachts- oder bestätigten Fällen. Bei medizinischen Maßnahmen, bei denen Aerosole entstehen können, sollen weitergehende Schutzmaßnahmen angewendet werden.

Lage noch nicht abschließend bewertet

Das ECDC betont, dass die Lage noch nicht abschließend bewertet werden kann. Es fehlen unter anderem noch vollständige Reiseverläufe der Betroffenen, weitere Laborbestätigungen, genauere Hinweise auf mögliche Mensch-zu-Mensch-Übertragungen an Bord sowie Informationen zu möglichen Umwelt- oder Nagetierquellen auf dem Schiff. Die Bewertung könne deshalb angepasst werden, sobald neue Daten vorliegen.

Nach derzeitigem Kenntnisstand handelt es sich um einen ernsten, aber begrenzten Ausbruch mit hohem Risiko für enge Kontaktpersonen an Bord des Schiffes. Für die allgemeine Bevölkerung in Europa ergibt sich daraus laut ECDC jedoch kein Hinweis auf eine drohende Hantavirus-Pandemie.