HAP Grieshabers Tochter Frei aufgewachsen und frei geblieben

Von Sten Martenson, Nairobi 

Christiane, Tochter des Reutlinger Künstlers HAP Grieshaber, hat ihre schwäbische Heimat  vor mehr als vier Jahrzehnten verlassen. Als Nani Croze schuf sie sich in Kenia ein buntes Paradies aus Glas und Stein. Zu Besuch bei einer rastlosen Frau.

Nani Croze vespert mit ihrem Ehemann Eric Krystall und Papagei Kasuku. Foto: Martenson
Nani Croze vespert mit ihrem Ehemann Eric Krystall und Papagei Kasuku. Foto: Martenson

Reutlingen/Nairobi - „Dogs! . . . Dogs! . . . Dogs!“ Bevor die Nacht sich über das Dorf Kitengela senkt, tönt Nani Crozes Ruf unüberhörbar über das Gelände, durchdringt Hauswände und die üppige tropische Vegetation. Und schon scharen sich elf Hunde um ihre Herrin. In ihrem Schlepptau taucht auch einer der Askaris auf, wie in Kenia die Nachtwächter genannt werden, eine große Sisaltasche über der Schulter, in der sich vielerlei Gemüse und reichlich Toastbrot befinden. Dann beginnt der abendliche Rundgang über das weitläufige Anwesen.

Einer Prozession gleich führt er zu den mehr als vierzig schwarzen Schweinen, die Nani Croze Sorgen bereiten, weil ihre kenianischen Angestellten sich mit dem fachgerechten Schlachten schwertun. Dann werden einige zig Meter weiter die beiden Strauße mit Salat versorgt, wobei sehr auf die fütternden Finger geachtet werden muss. Auch die zwei Dromedare erhalten kleine Leckerbissen. Und zum Schluss widmet sich das abendliche Ritual den Pferden und Eseln. Die Hunde toben derweil über das weite Grasland, das vor dreißig Jahren noch keine Zäune kannte.

HAP Grieshabers Tochter Christiane, genannt Nani, hat es nicht lange in ihrer schwäbischen Heimat gehalten. Aber wer einmal das Künstlerdomizil des berühmten Holzschneiders auf der Achalm bei Reutlingen gesehen und erlebt hat, erkennt im schöpferischen Chaos von Kitengela die Wurzeln, die dem Leben von Nani Croze Farbe verleihen, aber auch Halt geben. Wenn ihre Jugendfreundin Heidrun sich erinnert, wie einst die Hühner durch das Wohnhaus der Grieshabers gackerten, an den bissigen Affen denkt, den der Künstler oft künstlerisch verarbeitete, an Sveina, das stramme Islandpferd, an die Bubenspiele der beiden Mädchen, die gemeinsam die Reutlinger Waldorfschule besuchten, dann versteht man, was Nani Croze meint: „Ich bin frei aufgewachsen und frei geblieben.“

Als Gänsemädchen bei Konrad Lorenz

Der Weg nach Afrika war deshalb nicht zwingend vorgezeichnet. Als die wilde Tochter „nicht mehr guttat“, wie es Ende der fünfziger Jahre auch im unbürgerlichen Hause Grieshaber hieß, landete sie in einem Internat in England. Sie studierte Biologie und wurde im bayerischen Seewiesen eines der „Gänsemädchen“ bei dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Sie forschte in Oxford und lebte in einem Hausboot auf der Themse.

In der englischen Universitätsstadt wurde auch ihr erster Sohn Anselm geboren, der heute ihr Nachbar in Kitengela ist. Sie heiratete den Amerikaner Harvey Croze, was den Standesbeamten im verträumt-provinziellen Eningen fragen ließ, warum es denn unbedingt ein Mann aus Übersee sein müsse: es gebe doch so viele nette Deutsche. Das junge Paar fand 1968 eine passende Beschäftigung in der Serengeti, und damit fiel auch die Entscheidung zu Gunsten Afrikas. Nach der Arbeit in Tansania zogen die Crozes weiter nach Kenia, zuerst in die Teeplantagen bei Limuru und dann in den Bannkreis der Hauptstadt Nairobi.

Der Vater HAP trug sein finanzielles Scherflein dazu bei, dass sich seine Tochter Nani am Rand des Nationalparks, der südlich an Nairobi grenzt, ein ansehnliches Stück Land erwerben konnte. Kitengela wurde 1979 zu ihrer Heimat, die sie seitdem unermüdlich zu einem Gesamtkunstwerk gestaltet hat. Die Ehe hielt nicht, auch wenn der Sohn Anselm inzwischen zwei Geschwister hatte: Katrineka und Lengai. Der Partner Harvey, inzwischen in Diensten der Vereinten Nationen, hielt so viel Natur mit Lehmhütten und Insekten nicht aus. Seinen Platz nahm wenig später der deutlich ältere Eric Krystall ein. Im Gegensatz zu seiner umtriebigen Frau ist Krystall, ein ehemaliger Mitarbeiter der Welternährungsorganisation FAO, ein Mensch, der in sich selbst ruht.