Harald Schmidt bei der Kreissparkasse Esslingen Der Spottgott mit dem Pointengold auf den Zähnen

„Niemand bremsen, alle bestätigen“: Harald Schmidt lästert im Esslinger Neckarforum, Bernadette Schoog wirft ihm die Stichwortbälle zu. Foto: Horst Rudel

Was macht das Lästermaul beim Geldinstitut? Zu einer Jubiläumsfeier hat die Kreissparkasse zusammen mit dem Landkreis Harald Schmidt und die Moderatorin Bernadette Schoog eingeladen. Im Comedy-Talk setzte es feinen Witz und brachiale Gags.

Was man aus dem Zylinder zaubert, muss man erst hineintun. Ob es nun Kaninchen sind oder Pointen. Harald Schmidt weiß das ganz genau. Deshalb hält er sich an die Devise: „Niemand bremsen, alle bestätigen.“ Denn dann laufen die werten Zeitgenossen zur Hochform auf. Zum Beispiel die an der Kasse drängelnden Rewe-Kunden, denen Schmidt den Vortritt lässt. Eine Extremsituation, welche die freundlich Bedachten aus der Fassung bringt. Für Schmidt eine notwendige Feldstudie im unerschöpflichen Fundus alltäglicher Realsatire: „Ich brauch’ ja Material“, sagt der Spottgott, der seine Kreationen eben nicht aus dem Nichts schöpft.

 

Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen (KSK) und der Landkreis haben Schmidt und die Moderatorin Bernadette Schoog eingeladen zum gemeinsamen Jubiläum: 175 Jahre feiert das Geldinstitut, 50 Jahre der Kreis Esslingen. Eine schöne Idee, weit origineller jedenfalls als die üblichen steifen Jubiläumsrituale, den Satiriker samt Sidekick ins restlos mit geladenen Gästen gefüllte Esslinger Neckarforum zu holen. Im aktuellen Format „Schmidt.Schoog.Schampus“ geht es zu allerletzt um Schampus – im Neckarforum eigentlich nur um ein Kessler-Sekt-Präsent – und zu allererst um Harald Schmidt. Die Autorin und frühere TV-Moderatorin Babette Schoog spielte ihm im parodierten Talk-Show-Stil geschickt die Stichwortbälle zu.

Weil also die Selbstbetrachtung einer lebenden Legende auf dem Programm stand, gab der Meister zuerst Einblicke in seine Methode. Worauf kommt es an? Erst mal kräftig ins Themenhorn stoßen: „Nur 25 Prozent der deutschen Männer ziehen täglich eine frische Unterhose an“, verkündet Schmidt im Wahnsinnswichtigwichtig-Ton einschlägiger Problempropaganda („Ich sehe irritierte Blicke im Saal. Die bedeuten wohl: ,Was ist denn daran so schlimm?’“). Zweites Thema: Genetische Untersuchungen an einer Haarlocke Beethovens haben ergeben, dass er ähnlich aussah wie Roberto Blanco. „Und er hat ja auch ähnliche Musik gemacht“, versichert der Experte mit C-Schein in Kirchenmusik („Hilfsorganist“). Herrenschlüpfer und Beethoven – was beides miteinander zu tun hat? Nichts. Umso besser. Denn im Land der Gags und Pointen kommt es darauf an, dass zusammenwächst, was nicht zusammengehört. Schmidt ist das Genie der Übergänge, der bruchlos von seinem „Migrationshintergrund“ (die Eltern sind Sudetendeutsche) zur katholischen Kirche (immerhin sind die erzkatholischen Flüchtlinge ins „Herzland des Pietkong“ – in Schmidts Fall nach Nürtingen – hineinvertrieben worden) und zurück zu männlichen Bekleidungsgewohnheiten schweift: „Ein Mann soll eine Sperma-, Urin-, und Stuhlprobe zum Arzt mitbringen. Seine Frau sagt: Nimm’ doch deine Cordhose.“ Tja, in solchen Zonen liegen die wahren Schlachtfelder des Geschlechterkampfs; oder sie liegen im Ehebett, wo unerträglich schnarchende Gatten ohne den „hohen ethischen Standard“ der Gattinnen deren Notwehr („Heute Nacht drück’ ich ihm das Kissen aufs Maul“) zum Opfer fielen. Sagt Schmidt. Und der Nachwuchs sucht schon mal, „wo der Alte die PIN versteckt hat“. Schmidt, der bereits am Nürtinger Hölderlingymnasium ein Menstruationstagebuch seiner Mitschülerinnen führte, kennt sich aus mit Familienidyllen – wozu auch Elternabende gehören, auf denen 40 Minuten über Selberbasteln oder Kaufen von Bändchen für den Kletterbaum diskutiert wird. Schmidt weiß aber auch Bescheid über die Ursprünge der Schwabenkolonie in Berlin („Die wollten nicht zum Bund und haben dann vergessen, wieder wegzuziehen“) oder über die Mediensituation in einer Zeit, „wo jeder seine Darmspiegelung live überträgt“. Seine Pointen sind von hoher realer Kenntlichkeit, sie treffen immer noch scharf.

Er ätzt gegen politische Korrektheit und Sprachregelungen

Vielleicht hatte KSK-Vorstandsvorsitzender Burkhard Wittmacher ja recht, als er in seiner Begrüßung fragte: „Ist Schmidts Sarkasmus in der von Social Media geprägten Welt noch salonfähig? Hat er sich rechtzeitig vor den Shitstorms in Sicherheit gebracht, als er vor neun Jahren seine Show aufgab?“ Immerhin ätzt er von der Esslinger Bühne herab gegen zensierende Wokeness und ihre Sprachregelungen: „Darf man noch Behinderte sagen? Oder sind das jetzt Menschen mit Spezialbegabung?“ Eine ernste Gefahr, gar den „Tod des Theaters“ fürchtet der in Stuttgart ausgebildete Schauspieler durch den Empörungskult in der Kulturszene um angebliche Aneignungen und Zuschreibungen und hinter jedem Rollennamen lauernden Rassismus respektive Sexismus. Aber bisweilen hat politische Korrektheit auch ihre Vorzüge: „Clan-Kriminalität heißt ja heute familienbasierte Kriminalität, um die Eigentümerfamilien der DAX-Konzerne nicht auszuschließen.“

Viel in den Zylinder gesteckt

Ja, Schmidt hat viel in den Zylinder gesteckt. Bei einem Zauberer wär’s tödlich für den Trick, käme man ihm beim Herausholen auf die Schliche. Bei Schmidt werden aus entlarvter Witztechnik neue Gags. Was er ausspricht, und sei es das Banalste, wird auf seinen Zähnen zu Pointengold: mit Biss.

Das Duo des Abends

Harald Schmidt
 war mit seinen Late-Night-Shows von 1990 bis 2014 der Satiriker vom Dienst des deutschen Fernsehens. Erstmals erreichten mit ihm Zynismus, Sarkasmus und Scharfsinn auf hiesigen Mattscheiben das Niveau amerikanischer Vorbilder. Schmidt wuchs in Nürtingen auf, studierte Schauspiel in Stuttgart und tritt regelmäßig am dortigen Staatstheater auf.

Bernadette Schoog
 ist Autorin und war ab 1995 als Moderatorin verschiedener ARD-Sendungen tätig, unter anderem der SWR-Landesschau. Heute ist sie freiberuflich tätig sowie Dozentin für Rhetorik an der Universität Tübingen.

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