Harald Schmidt im Stuttgarter Schauspielhaus Wenn der chinesische Kollege hustet

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„Echt Schmidt“ mit dem Überraschungsgast Laura Halding-Hoppenheit: In der neuen Ausgabe seiner Schauspielhaus-Show zeigt sich Harald Schmidt in der Form seines Lebens.

Harald Schmidt und Laura Halding-Hoppenheit, die „Schwulenmama“  und Gemeinderätin der Linken, die dem Entertainer zum Abschied ein Stuttgart-Buch schenkt. Foto: Björn Klein 8 Bilder
Harald Schmidt und Laura Halding-Hoppenheit, die „Schwulenmama“ und Gemeinderätin der Linken, die dem Entertainer zum Abschied ein Stuttgart-Buch schenkt. Foto: Björn Klein

Stuttgart - Beim Kürzel m/w/d ist er vom d besonders angetan. Diversität: ein gefundenes Fressen, das sein Lästermaul im Strahl als Pointe ausspuckt. Und selbst das Gendersternchen spuckt und spricht er neuerdings mit, was sich wie ein Schluckauf mit „Plupfquorzplupf“ anhört.

Verglichen mit dem Geschrei, mit dem Harald Schmidt jüngst überzogen wurde, ist das freilich nichts. Als er sich übers durchgegenderte Berlin-Mitte mit den Kinderwagen schiebenden Hipstern lustig machte, erntete er einen Shitstorm: Patriarch! Macho! Reaktionär! Doch solche Sachen steckt er feixend weg, gestählt durch Jahrzehnte politischer Inkorrektheit – und zwar derart mustergültig gestählt, dass er sich in aller Souveränität auch etwas Korrektes leisten kann, ohne dass ihm ein Zacken aus der Comedian-Krone fällt: Als Gast präsentierte er am Samstag Laura Halding-Hoppenheit, die für die Linken im Stuttgarter Gemeinderat sitzt und als „Schwulenmama“ bekannt ist. Das wurde dann sehr divers.

Ist Woyzeck eine Lesbe?

Die Stunde davor aber reservierte er allein für sich. „Echt Schmidt“ eben, wie das Solo der „ehrlichen Worte“ heißt, das dem Schauspiel zuverlässig ein volles Haus und ein anderes – diverses? – Publikum beschert. „Jüngst war ich hier auf einer Matinee. Ich bin gerne auf Veranstaltungen, wo ich der Jüngste bin“ – und als Benjamin unter Methusalems hat sich der 62-jährige Entertainer dabei angehört, was die Theaterleute zu ihrem „Woyzeck“ sagen, der am Freitag Premiere hatte. Also schreitet er jetzt zum „Liberty Bell March“, der Erkennungsmelodie des anarchischen „Monty Python’s Flying Circus“, im Stechschritt ins Bühnenbild der noch taufrischen Inszenierung: „John Cleese hat gesagt“, sagt Schmidt, „dass er und Monty Python heute nicht mal in die Nähe eines Vertrags mit der BBC kämen.“

Aber weshalb Stechschritt? Klar, Woyzeck ist Soldat, aber da er von einer Frau gespielt wird, stelle sich die Frage: „Ist Woyzeck eine Lesbe?“ Die Antwort bleibt Schmidt schuldig, auch wenn sich seine Büchner-Interpretation als roter Faden durch den – doch, doch – grandiosen Abend zieht. Schmidt ist in der Form seines Lebens, steuert auf Pointen zu, schweift minutenlang ab, baut Spannung auf und löst die Ursprungspointe endlich überraschend auf. Aber sein Umweg ist mit Witzen gepflastert, weshalb er sich – man weiß nicht, wie – in Windrädern verfängt und in einem juristischen Tipp: „Leihen Sie sich einen Milan, lassen Sie ihn zehn Minuten ums Haus fliegen, schon wohnen Sie im Naturschutzgebiet.“ Okay, die Windrad-Lobby arbeitet schließlich auch mit fragwürdigen Methoden: „Entweder Sie lassen mich jetzt rein, oder mein chinesischer Kollege hustet Sie an.“

Die Schwulenmama und die „Scheiß-Fahrradwege“

Die endlose Pointen-Parade, die im Theater nicht im Stech-, sondern im Sauseschritt vorbeizieht, müsste auch heute noch Millionen Menschen an Fernseh- und Laptopschirme locken – erst recht, wenn sich eine Frau wie Laura Halding-Hoppenheit im Sessel niederlässt und frei von der Leber weg redet. Vegan leben? Fahrrad fahren? Nichts für sie, die in der Gay Community ihre Heimat hat und vier Nachtklubs besitzt, darunter den legendären King’s Club. „Scheiß-Fahrradwege“ wiederholt sie mehrmals, denn die Linke müsse sich um soziale Fragen kümmern, um Armut, Wohnungsnot und darum, dass Stuttgart so tolerant und divers bleibe, wie es heute schon ist. Mindestens. Da bleibt selbst Schmidt nichts anderes übrig, als korrekt in den Jubel einzustimmen.




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